Eine Stadt, zwei Welten: So wachsen Jugendliche in Belfast auf

Belfast ist 20 Jahre nach dem Ende des Nordirlandkonflikts immer noch von Mauern und Stacheldraht durchzogen. Der Bildband Wee Muckers – Youth of Belfast zeigt, wie unterschiedlich und doch gleich katholische und protestantische Jugendliche aufwachsen.

Ceasefire Babies, Kinder der Feuerpause, wird in Nordirland die Generation genannt, die die Gewalt des Bürger*innenkriegs nicht mehr unmittelbar erlebt hat. Etwa dreißig Jahre lang bekämpften sich dort zwei konfessionell und politisch gespaltene Communitys: Katholik*innen gegen Protestant*innen, Unterstützer*innen der irischen Wiedervereinigung gegen pro-britische Loyalist*innen, die Guerrilla-Organisation Irish Republican Army gegen die britische Armee und protestantische Milizen. Das Karfreitagsabkommen befriedete 1998 den Konflikt, bei dem über 3.000 Menschen starben.

Eine wichtige Bedingung des Abkommens war die offene Grenze zur Republik Irland. Diese offene Grenze ist seit 2016 in Gefahr: Da stimmte Großbritannien mehrheitlich für den Austritt aus der Europäischen Union. Sollte Nordirland aus der EU austreten, verliefe eine EU-Außengrenze durch die Insel. Es ist unklar, wie mit diesem Grenzverlauf umgegangen werden soll. Seit dem Brexit brodelt es in Nordirland wieder. Erst im April kam es in Derry/Londonderry zu Unruhen. Dabei starb eine junge Journalistin durch einen Schuss, abgefeuert von einem Mitglied der sogenannten New Irish Republican Army.

Der Fotograf Toby Binder ist nach Belfast gereist. Er wollte wissen: Wie leben die Ceasefire Babies und die noch Jüngeren, die vom Krieg unberührte Generation? Er hat sie fotografiert. Das daraus entstandene Buch Wee Muckers – Youth of Belfast zeigt eindringliche Schwarz-Weiß-Porträts von sommersprossigen Gesichtern und Jugendlichen, die ihre Tätowierungen sonnen oder an Straßenecken aus Bierdosen trinken.

Eine Generation, geprägt von den Traumata der Eltern

Binders Bildband zeigt einerseits das Verbindende zwischen den beiden ehemaligen Konfliktparteien. Die offensichtlichste Gemeinsamkeit ist der nordirische Dresscode. Alle Jungs tragen die Uniform des 21. Jahrhunderts: Sneaker, Jogginghose und Boxer-Haarschnitt (seitlich kurz, oben ein bisschen länger). Würde man auf den Fotos nicht politische Wandbesprühungen oder Union Flags entdecken, ließe sich nicht sagen, ob die Abgebildeten in protestantischen oder katholischen Haushalten aufwachsen.

Was die Jugendlichen noch teilen: das Trauma. Sie selbst haben die Gewalt des Krieges nicht miterlebt – wohl aber ihre Eltern, älteren Geschwister, Onkel, Tanten und Großeltern. 39 Prozent der nordirischen Bevölkerung gibt an, während des Konflikts ein traumatisierendes Erlebnis gehabt zu haben. Viele kennen jemanden, der*die während des Konflikts getötet wurde.

„Menschen, die den Nordirlandkonflikt unmittelbar gespürt haben, leben in Gegenden mit hohen Kriminalitäts- und Armutsraten. Wenn du als Kind in Armut aufwächst, erzogen von Menschen, die Traumatisches erlebt haben, wird dich das beeinflussen, auch wenn du es nicht selbst erlebt hast. Selbst, wenn sie dir nie die Geschichten erzählen“, sagt Siobhan O’Neill, Professorin für geistige Gesundheit.

Binders Fotos sind in den Vierteln Shankill, Highfield, Carrick Hill, Village und Sandy Row entstanden – alles proletarisch geprägte Gegenden, in denen die Arbeitslosenquote deutlich über dem nordirischen Durchschnitt liegt. Auf den Brachflächen hinter den identischen Häuserblocks sammelt sich Müll – Plastikreste, Holzpaletten, Bauschrott. Dazwischen: herumlungernde Jugendliche.

Binders sagt über sein Projekt: „Ich wollte zeigen, dass die Communitys mehr miteinander verbindet, als sie selbst zugeben wollen. Einerseits bleiben sie den Symbolen ihrer Identität und Tradition treu, andererseits tragen sie dieselben Klamotten, haben dieselben Frisuren, hören dieselbe Musik, trinken dasselbe Bier, nehmen dieselben Drogen und haben häufig die gleichen Sorgen, wie Gewalt, Arbeitslosigkeit, soziale Diskriminierung und einen Mangel an Perspektiven.“

Eine geteilte Stadt

Der Fotoband zeigt jedoch auch, dass der Konflikt in Belfast nach wie vor spürbar ist. Die Fotografien sind nach Vierteln sortiert. Jedes dieser Viertel wird bis heute entweder überwiegend von Katholik*innen oder Protestant*innen bewohnt. Teilweise werden die Viertel immer noch durch Mauern und Stacheldraht voneinander getrennt. In größeren Städten, wo die beiden Communitys bis heute eng beieinander wohnen, errichtete man schon während des Konflikt sogenannte Peace Walls, Friedenslinien.

„Das waren keine Friedenslinien, das waren Gefechtslinien, entstanden aus Hass und Gewalt. Sie sollten es den kämpfenden Communitys schwieriger machen, sich zu attackieren“, schreibt der Autor Paul McVeigh, der in Belfast während des Nordirlandkonflikts aufgewachsen ist und das Vorwort zu Binders Fotoband geschrieben hat.

Viele der sogenannten Friedenslinien stehen bis heute in Belfast. Sie sind das offensichtlichste Zeichen der Spaltung der nordirischen Gesellschaft. Selbst ohne die Mauern merkt man sofort, in welchem Viertel man sich befindet: an den Wänden prangen politische Malereien und Sprüche, Union-Jack- oder Irland-Fähnchen zieren Fenster und Lampenmasten. Auch wenn man sich heute zwischen den Vierteln bewegen kann, ohne Angst um sein Leben haben zu müssen, bleiben die Communitys überwiegend unter sich.

Das zeigt sich beispielsweise an den Schulen: Diese werden nach wie vor entweder überwiegend von katholischen oder von protestantischen Schüler*innen besucht. Schätzungen zufolge sind 90 Prozent der Schulen Nordirlands nach Religion getrennt. Das bedeutet, dass nordirische Jugendliche nach wie vor hauptsächlich Kontakt zu Gleichaltrigen haben, die dieselbe Religion haben, was einhergeht mit derselben politischen Prägung und kulturellen Erfahrung. Freundschaften zwischen katholischen und protestantischen Jugendlichen sind selten.

Ein überwundener Konflikt?

Betrachtet man Binders Fotos, drängt sich der Eindruck auf, dass der Nordirlandkonflikt noch lange nicht überwunden ist. Großangelegte Initiativen, die Konflikte der Vergangenheit aufzuarbeiten, wie es beispielsweise in Südafrika nach dem Ende der Apartheid passiert ist, gibt es in Nordirland nicht. Katholik*innen und Protestant*innen sind sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht bedeutend näher gekommen, sondern leben überwiegend nebeneinander her. Aber wer, wenn nicht die nach dem Krieg geborene Generation, soll die Gräben zwischen den ehemaligen Konfliktparteien schließen?


Der Bildband Wee Muckers – Youth of Belfast ist im März 2019 beim Kehrer Verlag erschienen. Mehr über Toby Binders Arbeit erfährt man auf seiner Webseite und auf seinem Instagram-Account.