Diese Fotos zeigen, wie unterschiedlich Familie sein kann

Biologisch verwandt, angeheiratet, frei gewählt: Die Fotografin Michele Crowe zeigt in ihren Bildern familiäre Vielfalt.

Familie zu definieren, ist gar nicht so einfach. Die traditionelle Perspektive sieht eine Familie als ein Ehepaar, das zusammen mit dem selbst gezeugten Nachwuchs in einem Haushalt wohnt. Ein Mann, eine Frau und eine weitere Generation in verwandtschaftlicher Beziehung. Dieses Familienverständnis ist zwar immer noch verbreitet, aber genau genommen ist es längst von der Realität und Lebenspraxis vieler Menschen überholt worden. Eine Familie kann viel mehr sein als das.

Adoptierte Kinder, unverheiratete und/oder gleichgeschlechtliche Partner*innen, Kinder mit nur einem Elternteil, Kinder, die mit Sozialarbeiter*innen oder in Wohngemeinschaften aufwachsen – sind das keine Familien? Menschen in derartigen Konstellationen würden das mit Sicherheit streng verneinen. Und wer hat eigentlich gesagt, dass Eltern immer nur zwei Leute sein müssen – können sie nicht auch aus drei oder mehr sich liebenden Personen bestehen?

Was Familie alles sein kann, zeigt das Projekt The Universal Family von Michele Crowe. Sie arbeitet seit fast 15 Jahren als Fotografin, seit mehr als zehn Jahren fotografiert sie unterschiedliche Familien auf der ganzen Welt. Crowe selbst kommt aus einer großen Familie und wisse daher, wie wichtig das Gefühl der familiären Zugehörigkeit sei: „Sie haben mir schon in jungen Jahren beigebracht, wie wichtig es ist, sich mit Menschen zu umgeben, die einem ein gutes Gefühl geben und einen lieben und akzeptieren, egal was passiert.“

Familie ist eine Frage der Auffassung

Eine Familie ist ein Konstrukt, in das man hineingeboren wird. Oder sie ist etwas, das man sich selbst erschafft. Viele Menschen unterscheiden deshalb zwischen sogenannten Herkunfts- und Wahlfamilien. Weil die Herkunftsfamilie nicht immer emotionalen Geborgenheit bietet – viele erleben Konflikte, Ausgrenzung und Gewalt in der Familie – suchen sie sich ihre Zugehörigkeit woanders. Eine selbst gewählte Familie kann sich aus Freund*innen oder Partner*innen unbestimmter Anzahl zusammensetzen und dieselben Funktionen und Bedürfnisse nach Liebe, Vertrauen und Solidarität erfüllen. Leider erfahren derartige Familienformen oft nicht dieselbe Anerkennung und Unterstützung aus Gesellschaft und Politik.

Familie gibt einem Kraft. Das Wissen, dass sie da ist, gibt dir die Freiheit, dich selbst zu erforschen und Dinge zu tun, die du alleine nicht tun würdest.

Prateek und Gautam

Michele Crowe ist selbst erst im Laufe ihres Projekts auf unkonventionellere Familien aufmerksam geworden. „Als ich anfing, mich als Person weiterzuentwickeln, begann ich, mich nach Familien umzusehen, die damals noch als eher unorthodox galten, nach gleichgeschlechtlichen Paaren, nach multikulturellen Haushalten. Die Welt hat sich sehr verändert, seit ich das Projekt vor mehr als zehn Jahren begonnen habe“, sagt sie. Heute sind diese unkonventionellen Familien ein essenzieller Bestandteil ihrer Fotoserie und der Grund dafür, warum sie den Namen The Universal Family trägt.

Crowe eröffnet den Betrachter*innen einen Blick in das Leben und Wohnen anderer Menschen. Über die Jahre besuchte sie hunderte unterschiedliche Familien, saß auf deren Couches und führte mit ihnen Gespräche. Die einen hätten sich vor der Kamera wohl gefühlt und nichts dagegen gehabt, wenn das Fotoshooting den ganzen Tag dauerte. Andere seien froh gewesen, das Shooting so schnell wie möglich hinter sich bringen zu können.

So einzigartig wie die Shootings sind auch die jeweiligen Familienleben. Dabei ist Crowe eine Familie aus Warschau besonders in Erinnerung geblieben. Die Familie bereitete ein traditionelles polnisches Essen zu, „eine der besten Speisen, die ich je gegessen habe“, erinnert sie sich. Die Familienmitglieder öffneten sich, sie vertrauten Crowe und erzählten ihr Geschichten vom Großvater mütterlicherseits, der wenige Jahre zuvor verstorben war. Sie blätterten durch alte Fotoalben, weinten glückliche und bittere Tränen. Am Ende verbrachte Crowe vier Tage bei der Familie. Sie hatte die Fotografin als vorübergehendes Familienmitglied aufgenommen. „Was für ein Glück, Zeugin solch roher Emotionen und Liebe in einer Familie zu sein, von der ich noch vor wenigen Tagen nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Das ist das wahre Leben. So sollten wir über alle Menschen denken. Es sind Familienmitglieder, die wir einfach noch nicht kennen.“

Seitdem weiß Crowe, wie ähnlich wir uns trotz aller Unterschiede im Grunde sind: „Es ist egal, für welche Form von Familie wir uns entschieden haben. Am Ende des Tages sitzen wir alle einfach nur auf unseren Sofas oder um einen Tisch herum und lachen, lieben und sind mit den Menschen zusammen, die uns am meisten am Herzen liegen.“ Genau das ist Familie.