Diese Fragen haben auf Familienfeiern nichts verloren

Es gibt Fragen, auf die kann man nicht antworten und sie bereiten einem ein ungutes Gefühl. Warum kommen die Fragen zu Hochzeits- und Familienplanung trotzdem immer wieder?

Immer dasselbe Spiel. Quelle: Unsplash | CC0

„Und wann steht eure Hochzeit an?”

Die Schwester meiner Freundin heiratet demnächst, meine Freundin ist Trauzeugin, und eigentlich steckt sie voller Vorfreude mitten in den Vorbereitungen. Seltsamer Mechanismus: Nur weil sie bei den Vorbereitungen für die Hochzeit ihrer Schwester hilft, kriegt sie in den letzten Wochen ständig die Frage zu hören, wann es denn bei ihr so weit sei. Als ob ein logischer Zusammenhang bestünde: Heiratet die eine Schwester, muss die andere doch auch wollen.

Ihr Freund und sie haben im Moment ganz andere Pläne, sind vollauf mit ihrer beruflichen Selbstverwirklichung beschäftigt – sprich: Beide stehen an einem ganz anderen Punkt im Leben als ihre Schwester, Heirat und Familienplanung könnten gerade nicht weiter entfernt sein. Wie also reagiert man in so einer Situation am besten auf solche Fragen, die man als aufdringlich empfinden kann, eventuell sogar indirekt auch als Vorwurf: Wann seid ihr denn endlich so weit? Muss man überhaupt erklären, warum man gerade einfach noch gar nicht heiraten möchte?

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Auf Geburtstagen, Weihnachtsfeiern, Hochzeiten – jedes Jahr werden einem die gleichen Fragen gestellt, sofern man single ist, frisch verliebt, schon länger in fester Beziehung oder ohne Kinder länger in fester Beziehung: ,Hast du jetzt endlich einen Freund?‘; ,Und wann steht die Hochzeit an?‘ ,Ach, du bist immer noch nicht schwanger?‘.

Da sich bei mir als 25-jähriger Single die letzten zwei Fragen erübrigen, reicht schon ein einfaches Abwinken und ich bin der unbequemen Situation entkommen. Für viele andere haben solche Situationen aber einen bitteren Beigeschmack. Vielleicht ist man gerade an einem Punkt im Leben, an dem man einfach lieber allein sein möchte; vielleicht leidet die befragte Person auch noch unter schlimmem Liebeskummer oder sucht vergebens nach einem*r Partner*in.

Oder was wäre zum Beispiel, wenn das durch aufdringliche Fragen in die Enge getriebene kinderlose Paar gar keine Kinder bekommen könnte? Das mögliche Antwortszenario („Ja, wir wünschen uns sehnsüchtig Kinder, leider hatte ich in den vergangenen zwei Jahren drei Fehlgeburten“) zeigt, wie unangemessen intim und fehl am Platz solche Fragen sind. Wie kommen so viele Fragestellende auf die Idee, man wolle seine Nöte und Ängste mit jeder x-beliebigen Person teilen?

Wo ist der Erdboden zum Versinken?

Die Betroffenen versuchen oft, die unangenehme Situation mit einem verlegenen Lächeln schnell abzuhaken. Wie sich die Person hinter der Fassade tatsächlich fühlt, was die aufdringliche Fragerei bei ihr womöglich ausgelöst hat, wird in der Regel nicht angesprochen.

Mag sein, dass sich viele einfach nichts dabei denken, wenn sie solche intimen Fragen stellen. Mag sein, dass für manche (Stichwort: ältere Verwandte) die Familienplanung in einem bestimmten Alter immer noch selbstverständlich scheint, dass sämtliche andere Lebenskonzepte schlicht nicht akzeptiert werden. Da scheint es dann normal, dass über das heikle Thema am Kaffeetisch geplaudert wird.

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Am liebsten würde man die aufdringlichen Fragenden in solchen Momenten mit einem Zu-privat-Schild auf der Stirn zurückweisen. Ein gutes Pokerface mit einer Knallergegenantwort wäre natürlich auch eine Option. Leider zähle ich aber zur Fraktion derer, denen eine schlagfertige Antwort erst Stunden später durch den Kopf schießt. Wie also geht man nun mit solchen Situationen um?

Geradewegs in die Gegenoffensive

Da eigentlich immer dieselben Fragen kommen (Beziehungsstand, Familienplanung), kann man sich für die nächste Familienfeier ja schon einmal eine passende Antwort auf die einschlägigen Fragen überlegen. Fragt dann mal wieder jemand, wann man selbst denn endlich Hochzeit feiere, könnte man dann einfach mit der Gegenfrage „Ach, die Einladung im letzten Jahr hattest du gar nicht bekommen?” antworten.

Eine höfliche Ablehnung wie „Du, darüber möchte ich gerade nicht sprechen“ sollte eigentlich immer ausreichen. Sollte die neugierige Person allerdings nicht so leicht abzuschütteln sein, könnte man die Frage einfach umleiten – auf den*die Fragende*n selbst: Denn wenn er*sie intime Details zu deiner Lebensplanung wissen möchte, dürfte es sie*ihn ja nicht stören, etwas von sich selbst preiszugeben, oder? Um ihn*sie ganz aus der Reserve zu locken, könntest du dein Gegenüber auch einfach für eine längere Zeit schweigend anschauen und ihn*sie mit einem Lächeln verunsichern. Kann gut sein, dass dein Gegenüber dann von sich aus das Gesprächsthema wechselt.

Das gewisse Fingerspitzengefühl

Mich beschäftigt aber vor allem die Frage, warum so viele Menschen überhaupt kein Feingefühl haben. Spätestens wenn die befragte Person stammelt oder verlegen lächelt und damit offensichtlich zeigt, wie unwohl sie sich in dieser Situation fühlt, sollten bei der*m Fragenstellenden alle Alarmglocken läuten. Klar, bestimmt ist jede*r von uns schon mal jemandem mit seinen Fragen auf den Schlips getreten. Aber da man entweder daraus gelernt hat oder grundsätzlich weiß, wie unangenehm diese Fragen sein können, würde man eher die beste Freundin oder die Schwester auf solche Themen ansprechen, also Leute, zu denen ein enges Vertrauensverhältnis besteht.

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Aber was macht man mit all den neugierigen Menschen, die vielleicht einfach aus Langeweile in der Privatsphäre anderer herumstochern oder so empathielos sind, dass sie einfach nicht einschätzen können, ob sie mit ihren Fragen zu weit gehen? Dann ist es auch vollkommen okay, mit einer plumpen Antwort seine Intimsphäre zu verteidigen. Vielleicht brauchen diese Leute auch einfach mal eine ehrliche Antwort, um zu begreifen, dass nicht jeder Moment und jedes Thema Smallt-Talk-geeignet ist. Wir sollten uns bewusst machen, dass wir beim Antworten selbst die Zügel in der Hand haben und das Gespräch dahin lenken kann, wohin wir wollen – zumindest weg von der Frage, auf die man nicht antworten möchte.

Schließlich darf ich selber entscheiden, mit wem ich über was reden und wie viel ich von meinem Leben preisgeben möchte. Und falls man auf seine aktuelle Lebenssituation gerade selbst keine Antwort weiß, ist das vollkommen okay. Die aufdringlichen Fragen von Menschen, die emotional für uns überhaupt keine große Rolle spielen, sollten uns auf keinen Fall verunsichern.


von Jasemin Uysal auf EDITION F

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