Diese Frau verdient ihr Geld damit, die Beziehungen anderer auf Treue zu testen

Weil sie selbst betrogen wurde, gründete Therese Kersten eine Agentur, die überprüft, ob die*der Partner*in treu ist. Wer meldet sich bei ihr und wie geht sie vor?

Die Inhaberin der Agentur Die Treuetester, Therese Kersten.

Die Inhaberin der Agentur Die Treuetester, Therese Kersten. © Lukas Beck

Du bist im Fitnessstudio und wirst angeflirtet. Vielleicht fragt dich die Person nach deiner Nummer und du weißt nicht so recht – schließlich hast du eine*n Freund*in. Du gibst sie raus, erzählst davon zu Hause nicht. Ihr chattet, versteht euch gut, irgendwie seid ihr auf einer Wellenlänge. Kann sein, dass du irgendwann nach einem Date gefragt wirst.

Spätestens jetzt hast du ein Problem, denn die Person, die dich angeflirtet hat, war ein Lockvogel. Beauftragt von deiner*m Partner*in. Sie*er wird Screenshots von allen Chats erhalten und außerdem ein schriftliches Gedächtnisprotokoll vom Flirt im Fitnessstudio. Vielleicht wird dich dein*e Partner*in damit konfrontieren, vielleicht für immer schweigen, vielleicht unter einem Vorwand Schluss machen.

350 Lockvögel arbeiten für sie

Eine der Personen, die solche Tests anbieten, ist Therese Kersten, 27. Sie betreibt seit acht Jahren die Agentur Die Treuetester. 350 freiberufliche Tester*innen arbeiten für sie. Über ihre Erfahrungen und die ihrer Lockvögel hat sie jetzt das Buch Lockvogel geschrieben.

An Therese wenden sich Leute, die unsicher sind, ob ihr*e Partner*in treu ist. Im Schnitt erhält sie 30 Aufträge pro Monat, in 80 Prozent der Fälle von Frauen zwischen 20 und 50 Jahren. Meist kontaktieren sie Therese über ein Formular auf ihrer Webseite.

Würdest du sie beauftragen, müsstest du zunächst einen Fragebogen ausfüllen. Darin erklärst du, was die Lockvögel herausfinden sollen: Gibt mein*e Partner*in seine Handynummer heraus? Würde sie*er verleugnen, mit mir zusammen zu sein? Ob die Person, mit der du zusammen bist, auch Sex haben würde, testet die Agentur nicht. „Beim Kuss ist Schluss“, sagt Therese.

[Außerdem auf ze.tt: Warum Treue nicht langweilig, sondern das Wichtigste für eine Beziehung ist]

Um möglichst gut an die Testperson heranzukommen, würdest du Vorlieben und Interessen deine*r Partner*in angeben. Wenn sie*er auf schlanke, große Menschen mit einem Faible für klassische Musik stehen, wählt Therese einen Lockvogel aus, der genau so aussieht.

Die Lockvögel arbeiten auf unterschiedliche Art und Weise: persönliche Treffen, Chats per Whatsapp oder Facebook, Anrufe. Wer sich als Mann nicht sicher ist, ob seine Frau ungeschützen Sex mit anderen Männern, kann auch gebrauchte Unterhosen von ihr einschicken, die Therese dann im Labor auf Spermaspuren testen lässt.

Wo die Grenze zwischen Treue und Untreue verläuft, müsstest du anhand der Chatverläufe oder Gesprächsprotokolle selbst entscheiden. „Jeder definiert das anders“, sagt Therese.

Hochzeit nach einem Treuetest abgesagt

Welche Menschen wenden sich an ihre Agentur? „Die meisten sind schon etwas hilflos, wenn sie sich bei mir melden. Sie wissen sich nicht mehr anders zu helfen“, sagt sie. Ihrer Einschätzung nach falle es kaum jemandem leicht, sie zu beauftragen. Auch wenn es sich um einen Vetrauensbruch handle, heimlich einen Treuetest in Auftrag zu geben, überwiege doch die Sehnsucht nach Klarheit. „Für diese Menschen ist ihre Situation sehr belastend“, sagt sie.

Sie selbst würde immer raten, zunächst miteinander zu reden. Doch nicht immer erhalte man auf seine Fragen auch ehrliche Antworten. Meist seien die Auftraggeber*innen schon vorbelastet. „Menschen, die sich bei mir melden, sind schon mal so sehr enttäuscht worden, dass sie kein Vertrauen mehr haben“, sagt sie. In ihrem Buch schildert sie teils absurde Fälle. Etwa den eines Mannes, der kurz vor der Hochzeit noch mal prüfen wollte, ob seine Frau flirtbereit wäre und wie ihr Verhältnis zu Treue ist. Sie war in vorherigen Beziehungen schon fremdgegangen. Der Lockvogel hatte leichtes Spiel bei ihr, sie fragte nach weiteren Dates. Der Mann sagte die Hochzeit ab. „Diese Frau hat immer wieder Anerkennung außerhalb gesucht. Sie war mit sich selbst überhaupt nicht im Reinen und zufrieden“, sagt Therese.

[Außerdem auf ze.tt: Untreue – schweigen oder beichten?]

Für sie einer der Hauptgründe für Untreue. „Wenn ich fremdgehe, hat das ja immer irgendeinen Grund“, sagt sie. Meist werde über Bedürfnisse oder sexuelle Vorlieben nicht in der Beziehung gesprochen. Die Person, die zur Untreue neige, versuche dann, diese Bedürfnisse außerhalb der Beziehung zu stillen.

Ihre wichtigste Lektion nach acht Jahren als Treuetesterin lautet darum: „Es ist unheimlich wichtig, dass man miteinander redet – auch wenn es um Themen geht, die einem unangenehm sind.“ Das mag nach einer Binsenweisheit klingen, doch viele Paare würden sich daran nicht halten.

Was nach dem Test passiert

Nur in geschätzt fünf Prozent der Fälle weiß Therese, wie es mit der Beziehung weitergeht, wenn ihre Arbeit endet. „In Fällen, in denen die Testperson nicht auf den Lockvogel anspringt, wird der Kunde vermutlich nicht erzählen, dass er mich beauftragt hat.“ Schließlich würde man in diesem Fall zugeben, der anderen Person nicht zu trauen. Springt die Testperson auf den Lockvogel an, würden einige sagen, sie hätten die Ergebnisse von fremden Personen zugespielt bekommen – nicht jedoch, dass sie ihre Agentur beauftragt hätten.

Ich gebe Gewissheit und tue etwas Gutes.“ – Therese Kersten

Wer es verwerflich findet, sich mit solchen Sorgen an ihre Agentur zu wenden, dürfte auch ihre Arbeit kritisch sehen. Ein häufiger Kritikpunkt: Drängen die Lockvögel die Person nicht dazu, untreu zu sein? Therese sieht das nicht so: „Nehmen wir an, die flirtende Person ist kein Tester von uns, dann kann es trotzdem dazu kommen, dass ihr Partner die Nummer rausgibt oder den anderen verleugnet, nur dass der Kunde nie davon erfährt.“ Darum es ist für sie auch kein Problem, mit Treuetests ihr Geld zu verdienen. „Ich sehe das aus Kundensicht. Und aus dieser Sichtweise gebe ich Gewissheit und tue etwas Gutes.“

So belastet sie es auch nicht, wenn getestete Personen per Handynummer wütende Nachrichten auf ihr Diensthandy senden, mit denen sie die Personen kontaktiert hat. „Solche Nachrichten nehme ich mir nicht zu Herzen, sonst hätte ich mich schon längst eingraben können“, sagt sie. In diesen Fällen würde sie die Nummer blockieren.

Wie sie auf die Idee für die Agentur kam

Therese wäre nicht auf die Idee gekommen, ihre Agentur zu gründen, wenn sie nicht selbst betrogen worden wäre. Sie war 19 und für einen 28 Jahre älteren Mann nach Wien gezogen, in den sie verliebt war. Die beiden hatte eine On-Off-Beziehung.

Er fuhr teure Autos, bezahlte ihr Leben und ihre Wohnung, war aber selten da. Alle paar Monate musste sie die Wohnung wechseln. Als sie 22 Jahre alt war, wurde sie von ihm schwanger.

[Außerdem auf ze.tt: So rettest du deine Seele nach dem Seitensprung]

Von Beginn an hatte sie den Verdacht, er könnte eine andere haben und fragte sich, ob es nicht andere Menschen gibt, denen es ähnlich geht wie ihr. An wen kann man sich wenden, wenn man Gewissheit haben möchte, ob die*der andere treu ist? So kam ihr die Idee für ihre Agentur. In ihrer Beziehung sprach sie das Thema Treue  immer wieder an, doch er wich aus und unterstellte ihr, paranoid zu sein. Während der Schwangerschaft wollte sie endlich Klarheit und begann heimlich, seine Mails und Nachrichten auf dem Handy zu lesen und sein Auto zu orten. So bekam sie Gewissheit. Er hatte sogar zwei weitere Frauen neben ihr. Sie trennte sich.

Zu Beginn der Arbeit verteilte sie Flyer in Bars und Cafés und bastelte sich eine eigene Webseite. Auf ihren ersten Auftrag wartete sie Monate, dann begannen die Geschäfte besser zu laufen. In den ersten Jahren arbeitete sie oft selbst als Lockvogel, mittlerweile gibt sie diese Aufträge an Tester*innen aus ihrer Datenbank ab.

Ein Job für immer?

Das hat auch damit zu tun, dass Therese zum zweiten Mal Mutter geworden ist. 2016 lernte sie den Vater ihres Kindes in Paris kennen. Sie pendelt seitdem zwischen ihrer Heimat Schönebeck in Sachsen-Anhalt und Paris.

Wären die Menschen in Beziehungen von Anfang an ehrlicher zueinander, es würde ihre Agentur womöglich überflüssig machen, meint Therese. Damit könne Fremdgehen am besten vorgebeugt werden. Pläne, irgendwann mal etwas anderes zu machen, hat sie bisher nicht: „Solange es Untreue gibt, solange werde ich das Geschäft weiter so betreiben.“


Anmerkung: In einer vorherigen Version des Artikels haben wir geschrieben, dass Therese die Agentur nach der Trennung von ihrem Freund gegründet hat. Das war falsch. Therese hat die Agentur im Alter von 19 Jahren gegründet.