Diese Frauen geben der Ungleichberechtigung in der Welt ein Gesicht

Frauen sind in vielen Lebensbereichen nach wie vor weitestgehend unterrepräsentiert. Um das zu ändern, haben zwei Künstler*innen mehr als 2.000 Frauen auf der ganzen Welt porträtiert und zu Wort kommen lassen.

Zurzeit leben etwa 7,7 Milliarden Menschen auf unserem Planeten. 3.820.000.000 davon sind laut der jüngsten Erhebung der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) Frauen. Es scheint unbegreiflich, es ein weiteres Mal erwähnen zu müssen, aber: Frauen sind ein wichtiger Teil unserer globalen Gemeinschaft. Ohne sie würden wir als Gesellschaft nicht funktionieren, geschweige denn uns weiterentwickeln. Warum bleiben ihnen also nur aufgrund ihres Geschlechts bestimmte Chancen und Möglichkeiten verwehrt? Frausein mag im Laufe der vergangenen Jahrzehnte zwar leichter geworden sein, fair ist es aber bis heute bei Weitem nicht.

Wie sich Frausein anfühlt und wie es um die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern steht, wollten der Fotograf und Filmemacher Yann Arthus-Bertrand und die Regisseurin und Journalistin Anastasia Mikova zeigen. Mit ihrem Film und dem gleichnamigen Bildband Woman lassen sie Frauen unterschiedlichen Alters aus allen Bevölkerungsschichten, Weltreligionen und vielen Regionen zu Wort kommen. Sie erzählen von ihren Erfahrungen als Frau, was sie bewegt, welche Träume und Hoffnungen sie haben. Was bedeutet es Frau zu sein, physisch wie mental, wie werden Partnerschaft und Sexualität ge- und erlebt und wie fühlt sich Mutterschaft an, welche Gewalt erleben Frauen und wie steht es um die Emanzipation?

Die Teilnehmerinnen erzählen von Umständen, die unzählige Studien längst bestätigt haben. Denn die Unterdrückung der Frau ist in vielen Lebensbereichen spür- und messbar. Nach wie vor übernehmen Frauen den Großteil der Betreuungspflichten in der Familie und 44 Prozent der Europäer*innen unterstützen diese Ansicht (Europäische Kommission). Das geschlechtsspezifische Lohngefälle bleibt seit Jahren bei 16 Prozent stehen. Drei von fünf Kindern, die nie eine Schule besuchen werden, sind Mädchen (Unesco). Nur 17 Prozent der Biografien auf Wikipedia sind Frauen gewidmet (BBC). 155 Länder beschränken den Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt durch mindestens ein Gesetz (World Bank). 104 Länder verbieten Frauen, einen Beruf auszuüben, der als männlich angesehen wird (World Bank). Nur vier Prozent der Frauen weltweit finden sich schön (Dove). Frauen haben ein zehnmal höheres Risiko, in ihrem Leben an Magersucht zu erkranken, als Männer (WHO). Im Jahr 2016 mussten mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen in etwa 30 Ländern eine Genitalverstümmelung oder eine Beschneidung über sich ergehen lassen (Unicef). 45 Prozent aller Abtreibung weltweit mussten aufgrund fehlender Gesetze im Verborgenen geschehen (WHO). Eins von fünf Mädchen weltweit wird vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet (Girls not Brides). In der EU hat ein Drittel der Frauen ab einem Alter von 15 Jahren körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren, mehr als 50 Prozent der Frauen in der EU wurden bereits sexuell belästigt. (Europäische Kommission). Etwa 15 Millionen weibliche Teenager weltweit wurden schon einmal zum Geschlechtsverkehr gezwungen, nur ein Prozent davon hat sich danach an professionelle Beratungsstellen gewandt (Unicef). Die Liste könnte lange weitergehen.

Über 2.000 Frauen erheben die Stimme

Die Geschichten der teilnehmenden Frauen geben diesen Zahlen Gesichter. Arthus-Bertrand und Mikova besuchten mit ihrem Team von Journalist*innen mehr als 2.000 Frauen in 50 Ländern, sie reisten vom Kongo bis Mosambik, von Afghanistan bis Syrien, um mit Frauen Interviews zu führen und ihre Porträts aufzunehmen. Das Ergebnis sind rührende Geschichten voller Liebe und Mut, Schmerz und Wut.

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Lucia, Madagaskar. Foto: © Emilie Auje, hopeproduction / Knesebeck Verlag

Zum Beispiel Lucia aus Madagaskar. Sie erzählt von ihrer Zwangsverheiratung als Jugendliche. Als sie 15 Jahre alt war, habe sie ihr Vater genötigt, einen 41 Jahre alten Mann zu heiraten. Dafür gab der Mann der Familie ein Zebu (Buckelrind) und 700.000 Ariary (168 Euro). „Als er zu mir gesagt hat: ‚Wenn du mich nicht liebst, dann gib mir doch das Zebu zurück, das ich euch geschenkt habe‘, habe ich mir ein Ziel gesetzt. Wenn ich es schaffe, ihm das Zebu zurückzugeben, werde ich wieder zur Schule gehen“, sagt Lucia.

Doch es sollte anders kommen. Ihr Mann hat sie jeden Abend vergewaltigt. Sie brachte eine Tochter zur Welt, die von ihr nicht gewollt war. Heute ist es ihr größter Traum, dass ihr Mann sie betrügt, damit Lucia ihn verlassen darf.

Gaëlle-Marie aus Frankreich sprach darüber, wie schwer es ist, den Beruf für die eigenen Kinder aufzugeben: „Hausfrau zu sein, das ist echte Arbeit. Die aber heutzutage keine große Anerkennung erfährt. Wenn du sagst, dass du nicht arbeitest, dann heißt es oft: ‚Alles klar, dann sitzt du ja schön gemütlich zu Hause und kannst tun und lassen, was du willst.'“

Gaëlle-Marie sagt, sie fühle sich uninteressant. Obwohl sie ihren Master in Amerikanistik gemacht und eine Ausschreibung für Lehrer*innen gewonnen habe, würde sie von ihrem Umfeld bloß als jemand wahrgenommen werden, die den Haushalt führt und Windeln wechselt. Sie sei daher in einem Dilemma gefangen: „Wenn ich nicht arbeite, fühle ich mich weniger interessant. Und wenn ich arbeite, dann fühle ich mich schuldig, weil ich weniger Zeit für meine Kinder habe.“

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Natalia, Russland. Foto: © Dimitri Vershinin, hopeproduction / Knesebeck Verlag

Natalia aus Russland hingegen entschied sich, über das Frausein abseits der Mutterschaft zu sprechen. Die Entfernung ihrer Gebärmutter beschreibt sie als eine Art persönlichen Neuanfang. Und das, obwohl sie lange gegen die gängigen Klischees und Mythen kämpfen musste: „Ich habe komische Sachen zu hören bekommen. Zum Beispiel, dass die Männer das Interesse an mir verlieren würden, dass ich mich von ihnen nicht mehr angezogen fühlen würde, dass mein Sexualleben einschlafen und ich keinen Orgasmus mehr haben würde.“ Bewahrheitet hat sich schlussendlich nichts davon. Weniger als einen Monat nach der Operation hatte Natalia einen Liebhaber. Und den haben ihre inneren Organe überhaupt nicht interessiert.

Assita kommt aus Burkina Faso und wohnt in Belgien. Sie ist Überlebende einer Genitalverstümmelung und spricht über den Moment, in dem sie im Leben die größte Genugtuung empfunden hat. Es sei nicht der Moment gewesen, als sie ihr erstes Diplom bekommen habe oder als sie in den Rat von Ixelles gewählt wurde. Auch nicht, als sie ein Kind zur Welt gebracht habe. „Nein. Ich habe sie gespürt, als ich meinen ersten Orgasmus hatte. Danach hab ich zu allen gesagt: ‚Echt, ihr könnt mich alle mal! Niemand kann mich daran hindern, Lust zu empfinden.“

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Holly Mary, Philippinen. Foto: © Marion Gaborit, hopeproduction / Knesebeck Verlag

Holly Mary von den Philippinen geht noch zur Schule. Für ihre Anekdote wählte sie den Moment, in dem sie sich das erste Mal in einen Jungen verliebte. Sie habe gerade das Klassenzimmer geputzt, als er ihre Hand genommen hat. „Er hat es nicht absichtlich getan, trotzdem war ich überrascht. Er hat sich entschuldigt, und wir haben uns in die Augen geschaut. Auch das hat mich überrascht. Ich konnte nicht mehr richtig sprechen. Eigentlich konnte ich überhaupt nicht mehr sprechen. Das nennt man Liebe auf den ersten Blick!“

Es ist noch ein langer Weg

Für Woman waren die teilnehmenden Frauen bereit, sich emotional zu öffnen. „Dazu muss man wissen, dass ein Interview eher einer Therapiesitzung gleicht als einer Abfolge von Fragen und Antworten“, beschreibt Regisseurin Mikova die Gespräche. Es kam klar heraus: Frauen erfahren in vielen Lebenslagen weiterhin Ungerechtigkeiten, teilweise Gewalt und sind in der Gesellschaft einem hohen Druck ausgesetzt, eine bestimmte Erwartungshaltung erfüllen zu müssen.

Manchen Teilnehmerinnen haben während der Interviews Dinge verraten, über die sie vorher noch nie gesprochen hatten. Andere seien nach dem Interview zusammengebrochen. Oft hätte das Team den Frauen angeboten, das Interview zu beenden und doch wollten fast alle weitermachen. Sie sprachen von Unterdrückung und Vergewaltigung, vom Kinderkriegen und von ihrer Rolle als Ehefrau. Sie sprachen von ihrem Körper, ihrer Periode, ihrer Sexualität und Sexualisierung in der Gesellschaft. Jede Frau hatte etwas Wichtiges mitzuteilen.

Oft hätten die helfenden Journalistinnen Schuldgefühle gehabt, so starke Emotionen hervorgerufen zu haben. Doch die Teilnehmer*innen hätten sich hinterher bedankt, sich gehört und geschätzt gefühlt. „Du hast mich an einen dunklen Ort gebracht, von dem ich dachte, dass ich nie wieder dorthin zurückkehren würde. Das war sehr schmerzhaft. Aber es war der einzige Weg, um meine Botschaft rüberzubringen“, sagte einmal eine Frau aus dem Sudan, die im Krieg vergewaltigt worden war.

Zum Ende der Gespräche baten die Interviewenden jede der Frauen, sich selbst zu beschreiben. „Was für eine Frau bist du?“ hieß die Frage und die Antworten hätten unterschiedlicher nicht sein können: „Ich bin eine unverwüstliche Frau“, wurde zum Beispiel einmal genannt, oder „Ich bin eine Frau, die mit Konventionen bricht“ und „Ich bin eine Kriegerin.“ Die Frauen definierten sich unter anderem als wertvoll, frei, fleißig oder furchtlos. „Die Frauen sahen darin auch die Chance, ihre Stärken herauszustellen, die sie in den Prüfungen des Lebens erworben haben“, sagen die Autor*innen.

Arthus-Bertrand und Mikova zeigen mit Woman, wie stark Frauen sind und sein müssen. Sie zeigen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die diese Stärke von ihnen verlangt und dass noch viele Schritte auf dem Weg in eine wirklich gleichberechtigte Gesellschaft notwendig sind.


Woman von Anastasia Mikova und Yann Arthus-Bertrand, Knesebeck Verlag, 30 Euro

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