Diese Frauen kehren zurück an den Ort, an dem sie sexuell belästigt wurden

Fotografin Eliza Hatch schießt Porträts von selbstbewussten Frauen an den Orten, an denen sie sexuell belästigt wurden. Die Botschaft: Wir sind stark!

„Sexuelle Anbahnungen und Belästigungen gehören zum Alltag von Frauen. Sie sind so üblich, dass wir sie meistens ignorieren. Wir beschweren uns kaum noch, weil wir es gewohnt sind.“ Das sagt die 23-jährige Fotografin Eliza Hatch. Sie hat daher einen digitalen Raum geschaffen, in dem Frauen ihre Erlebnisse miteinander teilen und so die restliche Gesellschaft sensibilisieren können.

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Cheer Up Luv ist ein Fotoprojekt, das die Erlebnisse von Frauen dokumentiert, die irgendeine Form sexueller Belästigung im öffentlichen Raum erfahren haben. Als sie ein Mann in der U-Bahn einengte, als ihnen jemand aus dem Auto nachhupte oder im Club anzügliche Bemerkungen äußerte: Keine Situation, in der sich Frauen wegen eines anderen Menschen sexuell unwohl fühlten, in der verbal oder körperlich Grenzen überschritten wurden, soll jemals vergessen werden. Darum geht es bei Cheer Up Love.

Als wäre sexuelle Belästigung das Normalste der Welt

Das Thema um das Projekt begleitet sie schon ihr ganzes Leben, sagt die Fotografin aus London. Doch erst zu Beginn des vergangenen Jahres kam ihr die Idee, auch ein Fotoprojekt darüber zu realisieren. Sie war gerade unterwegs, als ein fremder Mann auf der Straße „Cheer up!“ (englisch für: Kopf hoch!) zu ihr sagte. „Das hat mich richtig gestört. Eine einzelne Phrase, die ich eigentlich gewohnt bin zu hören, hat mich schließlich so sehr irritiert, dass ich etwas unternehmen wollte“, erzählt Eliza. Sie begann, mit ihren Freundinnen darüber zu sprechen, über Momente, in denen sie von Männern belästigt, bedrängt oder schikaniert wurden. Sie hatten so viel Erlebtes auszutauschen, dass das Gespräch mehrere Stunden dauerte.

Mir wurde bewusst, dass nicht Belästigung an sich das Problem ist, sondern der Mangel an Wahrnehmung in der Gesellschaft.“

Sie redeten über sexuelle Belästigung, als wäre es das Normalste der Welt. Sie merkten, wie abgestumpft sie waren, wie teilnahmslos sie über ihre Erlebnisse berichteten. Im Gegensatz dazu reagierten Elizas männliche Freunde mit Fassungslosigkeit. Sie konnten kaum glauben, dass Eliza und ihre Freundinnen schon so viele Situationen erlebt hatten, in denen sie sexuell belästigt wurden. Erst diese Reaktion machte Eliza klar, wie notwendig ein Projekt zum Thema sei. „Mir wurde bewusst, dass nicht nur Belästigung an sich das Problem ist, sondern der Mangel an Wahrnehmung in der Gesellschaft“, sagt sie.

Das Geschehene vor Ort verarbeiten

Sie fragte Frauen aus ihrem Umfeld, ob sie daran interessiert wären, ihre persönlichen Erlebnisse öffentlich zu teilen. „Zu meiner eigenen Überraschung reagierten beinahe alle positiv, die meisten wollten mitmachen“, sagt Eliza. So begann sie, diese Frauen zu interviewen und zu fotografieren. Für Letzteres fuhr sie mit ihnen an dieselben Orte zurück, die mit der erlebten Belästigung in Verbindung standen. Seit Beginn des Projekts vergangenen Mai kamen mehr und mehr Frauen auf Eliza zu und baten darum, mitmachen zu dürfen. Vor allem aber seit der im Oktober 2017 gestarteten #MeToo-Bewegung als Reaktion auf den Harvey-Weinstein-Skandal wollen immer mehr Frauen auf die Problematik aufmerksam machen. Die Botschaft war klar: Verbal oder körperlich belästigt zu werden darf nicht normal sein.

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So ließ sich Eliza erst das Erlebte erzählen, um danach mit den Teilnehmerinnen an die Bushaltestelle, die U-Bahnstation oder zu dem Kaufhaus zu fahren, wo etwas vorgefallen ist. „Es war mir wichtig, dass die Frauen stark und nicht verletzlich auf den Fotos rüberkommen. Deswegen haben wir nicht sofort zu fotografieren begonnen, sondern uns erst vor Ort in ein Café oder Ähnliches gesetzt und uns ein bisschen Zeit genommen, um zu entspannen und uns kennenzulernen“, sagt Eliza.

Sie erzählt weiter, dass die Teilnahme am Projekt für viele Frauen eine therapeutische Wirkung hatte. Je mehr sie darüber sprachen und auch zum Ort des Geschehens zurückkehrten, desto stärker und selbstbewusster wurden sie. Genau das war ihr Ziel. Denn nur so könne man die Sexualisierung des weiblichen Körpers und deren gesellschaftliche Normalisierung bekämpfen und wirklich etwas positiv verändern.