Diese Frauen wollen Wikipedia weiblicher machen

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wird zum Großteil von Männern geschrieben. Leistungen und Sichtweisen von Frauen gehen dadurch unter. Der Verein WomenEdit will das ändern.

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Gerade einmal neun Prozent aller Wikipedia-Editor*innen waren 2018 Frauen. Foto: John MacDougall / AFP / Getty Images

Zwölf Frauen sitzen an einem Mittwochabend in einem kahlen, weißen Seminarraum in Berlin, sie sind gut gelaunt, aufgeschlossen. Ihre Kleidung spiegelt den Pragmatismus der Einrichtung: flache Schuhe, bequeme Hosen und viele Kurzhaarschnitte. Es könnte ein Uni-Seminarraum sein, wären die Frauen nicht überwiegend zwischen 40 und 50 Jahren und beruflich schon angekommen als Journalistinnen und Künstlerinnen. Hier bekommt die Wikipedia einen weiblichen Anstrich. Hier ist WomenEdit.

Die Wikipedia wird zu 90 Prozent von Männern geschrieben. Die Folgen? In der deutschen Wikipedia handelt derzeit nur jede fünfte Biografie, also 20,3 Prozent der 330.000 Einträge von Frauen. So werden viele Frauen und ihre Leistungen wortwörtlich unsichtbar – ähnlich wie die Dystopie in Margaret Atwoods Buch Der Report der Magd. Dort dienen Mägde in roten Kleidern nur zur Fortpflanzung, sind ansonsten aber praktisch unsichtbar und dürfen weder angesehen noch angesprochen werden. Im Wikimedia-Portal für Frauen gibt es eine Seite namens Frauen in Rot, die bedeutsame Frauen ohne WikipediaEintrag auflistet: Das zu ändern, ist das Ziel von WomenEdit.

Seit Dezember 2012 gibt es den Verein, von Wikimedia selbst ins Leben gerufen. Die Mitglieder setzen sich dafür ein, dass mehr Frauen am einem der größten ehrenamtlichen Projekte der Welt, der Wikipedia, mitschreiben.

Im Wikimedia-Büro in Berlin-Kreuzberg der Stiftung zur Förderung Freien Wissens, das die Projekte Wikipedia und Wikimedia Commons organisiert und betreut: Jeden ersten Mittwoch im Monat treffen sich Frauen zur Ausbildung von neuen Wikipedia-Benutzerinnen, zum Debattieren oder zum Erstellen und Redigieren von Einträgen. Diese Frauen sollen als Multiplikatorinnen wirken und nach dem Treffen im besten Falle ihr Wissen an andere Frauen weitertragen. So soll der Gender-Gap in der Wikipedia verkleinert werden.

Sichtbar machen, um gesehen zu werden

IvaBerlin ist die Leiterin des Treffens und Mitglied der ersten Stunde. Sie kennt die Wikipedia und vor allem seine Tücken und Trolle. IvaBerlin ist natürlich nur ihr Nutzerinnenname im digitalen Netzwerk. Beim WomenEdit wollen die meisten Frauen anonym bleiben. Trotzdem soll deutlich werden, dass auch Frauen an der Wikipedia mitarbeiten. Deshalb schickt IvaBerlin jeder neuen Teilnehmerin eine Anleitung für das Erstellen eines weiblichen Benutzerprofils. So wird man vom voreingestellten Benutzer zu einer Benutzerin. Warum ist das wichtig? „Wenn wir Frauen gesehen werden wollen, dann müssen wir uns sichtbar machen“, ist ihre klare Meinung. „Wenn wir immer versuchen, in der Menge zu verschwinden, dann funktioniert das auf Dauer nicht.“

Weibliche Präsenz sei wichtig in der Wikipedia – nicht nur, um die Leistungen von Frauen zu würdigen, sondern auch um das digitale Patriarchat aufzuweichen. Schließlich sei die weibliche Sicht auf Dinge oft eine ganz andere: Warum wird die Frau dieses Mannes nicht erwähnt, obwohl auch sie etwas geleistet hat? Warum muss betont werden, dass eine Frau keine Kinder hat, bei einem Mann aber nicht? Warum wird bei einer Vergewaltigung von Sex gesprochen und nicht von Vergewaltigung? Solche und andere Fragen stellen sich die Teilnehmerinnen bei WomenEdit. Die Sozialwissenschaftlerin Claudia Wagner hat herausgefunden, dass in Artikeln über Frauen deren Beziehungsstatus weit häufiger erwähnt oder stärker betont wird als bei Männern.

Plötzlich relevant für die Allgemeinheit

Erfolgreiche Frauen in der Wikipedia zu würdigen, hat aber noch einen weiteren Effekt: Empowerment. Milena Glimbovski, die Gründerin zukunftsweisender Unternehmen wie Original Unverpackt und ausgezeichnet als Unternehmerin des Jahres 2018/19, hatte bis vor Kurzem selbst keinen eigenen Eintrag: „Als dann der Wiki-Artikel da war, war das noch ein neues Level. Man wurde plötzlich relevant für die Allgemeinheit. Wenn das jemand anderes aufschreibt und einem den Spiegel hinhält, merkt man erst was sich da alles angesammelt hat. Es bestätigt einen und motiviert wahnsinnig.“

Die Schauspielerin Anna König, bekannt unter anderem aus dem prämierten Film Die Hannas, sagt zu dieser Erfahrung: „Es ist ein seltsames Gefühl zwischen Stolz, Verwunderung, Dankbarkeit und ein kleinwenig Unwohlsein. Wieso weiß jemand das alles über mich? Wieso macht sich jemand die große Mühe? Und auch: Warum macht sich jemand erst jetzt die Mühe? Eitelkeit mischt sich mit dem Gefühl, transparent zu sein.“

Bei den WomenEditTreffen wird aber nicht nur diskutiert, sondern auch konkret Hilfestellung geleistet: Bei Suppe, Brezeln und Wein führt IvaBerlin die Frauen an das Thema Wikipedia heran, erklärt ihnen die Wiki-Kriterien und Regeln und hilft ihnen auch technisch weiter, beispielsweise mit dem Anlegen eines Benutzerinnenkontos. So will sie ihnen Berührungsängste nehmen.

Denn eine Studie von Julia Bear und Benjamin Collier fand heraus, dass Frauen möglicherweise aus Unsicherheit weniger editieren und ihnen negatives Feedback oder Konflikte unangenehmer sind als Männern. Es wurde in der Studie aber auch klar, dass Frauen in der Wikipedia härter angegangen werden, beispielsweise bei Änderungen und Fehlern. Auf diesen rauen Ton haben viele offenbar schlicht keine Lust – und wenden sich trotz Fachwissen von der Wissensplattform ab.

Diesen Trend bestätigt auch Sue Gardner, bis 2014 Geschäftsführerin von Wikipedia, die in ihrem Blogpost von 2011 neun Gründe aufzählte, warum so wenige Frauen die Wikipedia editieren. Das Problem ist der Wikimedia-Stiftung also durchaus bewusst: Gründer Jimmy Wales sagte, er wolle bis 2015 25 Prozent weibliche Editor*innen – im Oktober 2018 waren es laut einer Wikimedia-Umfrage immer noch gerade mal neun Prozent.

Der Kampf um das Wissen

Frauen stoßen im Wikipedia-Universum auf viel Widerstand. Um diese Editing wars zu verhindern, hat das digitale Lexikon eine Gender-Gap-Taskforce eingerichtet, um Frauen als Benutzerinnen zu gewinnen. Ob das mehr ist als bloße Augenwischerei bleibt fraglich: Trotz aller Anstrengungen zur Gleichberechtigung ist es immer noch verpflichtend, in Wikipedia-Artikeln das generische Maskulin zu verwenden.

In der deutschsprachigen Wikipedia gilt außerdem, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern: „Wenn es gesichtet ist, wird es für alle Welt sichtbar sein.“ Davor ist ein Eintrag nicht öffentlich. Das fördert zwar die Qualität, aber nicht unbedingt die Geschlechtergleichheit. Laut IvaBerlin werden Änderungen oft ohne Begründung wieder rückgängig gemacht – gerade wenn eine Frau in die Wikipedia schreibt. Deren Änderungen werden erst mit Rückstand gesichtet, weil Männer meist Männerthemen editieren.

Frauen brauchen ein dickes Fell

„Man braucht ein dickes Fell“, sagt IvaBerlin, die bis zu acht Stunden in der Woche ehrenamtlich für die Wikipedia schreibt. „Viele Frauen wollen gerade deshalb nicht als weibliche Benutzerin auftreten – aber das nützt nicht viel.“ Das Einzige, was gegen hartnäckige Wikipedia-Trolle helfe, ist laut IvaBerlin Vernetzung wie beim WomenEdit oder Editor-Marathons, genannt Editathon. Wer alleine editiert und ständig zurückgesetzt werde, könne schnell frustriert werden und aufgeben. Ihr selbst sei das am Anfang auch passiert.

Milena Glimbovski sagt dazu: „Der Artikel von Original Unverpackt war mal zur Löschung vorgeschlagen und die Leute haben super unqualifiziertes Zeug kommentiert, dass wir nur irgendein Laden wären. Dabei hatten die eben keine Ahnung, was wir alles erreicht haben, dass sie ohne uns heute nicht mal wüssten, was ein Unverpackt Laden ist. Das war wirklich verletzend – auch wenn es Wildfremde waren.“

Oft kommen solche Kommentare von Männern. Wie erkennt man diese aber hinter den Pseudonymen? „Meistens tatsächlich am Ton und Schreibstil”, sagt IvaBerlin. „Daran erkennt man die Männer, selbst wenn sie sich als Frau ausgeben. Auf Workshops habe ich oft Männer getroffen, die einen weiblichen Nutzernamen hatten.“ In der Online-Enzyklopädie selbst gibt es aber auch spezielle Frauengruppen, an die man sich wenden und Rat suchen kann. Oft helfe es schon, wenn mehrere Frauen sich an der Diskussion über eine Änderung beteiligen, um dem Mann den Wind aus den Segeln zu nehmen, so IvaBerlin. Je mehr Frauen also an der Wikipedia mitschreiben, desto besser.

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