Diese Illustrationen zeigen, welcher psychische Druck auf Geflüchteten lastet

Eine Illustratorin und eine Psychologin teilen ihre Erfahrungen aus einem Geflüchtetencamp im Libanon. Es ist ein seltener und intimer Einblick in die Seelenwelt der Menschen dort.

Wer aus der Heimat flüchten muss, verlässt in vielen Fällen nicht nur eine Stadt oder ein Land. Ungleich schwerer wiegt oft der Verlust einer emotionalen Stabilität.

Für viele von uns ist völlig unvorstellbar, wie unsere Psyche reagieren würde, wenn wir wirklich all das hinter uns lassen müssten, das wir uns im Leben aufgebaut haben. Wenn all die Routinen, Gewohnheiten, all die Beziehungen zu anderen und vor allem die zu sich selbst wie weggeblasen sind, wenn jede Erinnerung frühere Wunden aufreißt und die Zukunft aussichtslos scheint – was bleibt dann noch von einem Menschen?

Mit solchen Fragen beschäftigen sich seit 2013 unter anderem Psycholog*innen der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) in Shatila, einem Geflüchtetencamp im Libanon. Wobei Camp es in diesem Fall nicht ganz trifft. Was hier, nahe der Grenze zu Syrien, in den vergangenen Jahren entstand, gleicht mittlerweile einer Kleinstadt. Über 20.000 Menschen finden in den Gebäuden des Gebiets Zuflucht und mit genug Glück Arbeit und psychologische Hilfe.

Den Menschen fehlt es an allem, was zum Leben nötig ist

Dabei sind die Ressourcen immer zu knapp, das Essen immer zu wenig: Nur die wenigsten Familien können sich zwei Mahlzeiten am Tag leisten. In der Regel bleibt es bei einer – oder keiner. Das berichten geflüchtete Menschen dort in einer Kurzdokumentation des chinesischen TV-Senders CGTN. Die Situation dürfte exemplarisch für viele Geflüchtetencamps auf der Welt stehen.

Inmitten dieser Lebensumstände entsteht auch Neid und Kriminalität. Es ist ein Klima, in dem nur die Stärksten bestehen. Vielen Menschen im Shatila-Camp fällt es schwer, diesen harten Alltag zu bewältigen, neben der ohnehin oft schmerzvollen Vergangenheitsbewältigung.

Die Guardian-Illustratorin Ella Baron begleitete die MSF-Psychologin Miriam Slikhanian Ende 2018 für einige Tage bei ihrer Arbeit, hauptsächlich mit geflüchteten Frauen. Gemeinsam mit ihren Anmerkungen und den Erzählungen der Patientinnen ergibt sich so ein seltener und intimer Einblick in ihre Probleme und Gedanken. Die Illustrationen findet ihr in unserer Galerie.

Von der Arbeit als Psychologin für Geflüchtete

Psychologin Slikhanian begann ihre Arbeit als klinische Psychologin in der MSF-Klinik in Shatila vor zwei Jahren und schrieb einen Bericht darüber. Sie schreibt darin, dass sie zunächst erwartete, dass der Großteil ihrer Arbeit mit psychologischen Traumata zusammenhängen würde. „Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich vor allem mit den täglichen Herausforderungen im Leben der geflüchteten Menschen zu tun habe.“

Das Lager Shatila wurde im Jahr 1949 ursprünglich für palästinensische Geflüchtete eingerichtet. Im Lager leben jetzt syrische und palästinensische Geflüchtete, aber auch Menschen aus Äthiopien und von den Philippinen. „Alle leben unter schrecklichen Bedingungen“, schreibt Slikhanian in ihrem Bericht. „Den Menschen hier fehlt es am Nötigsten. Ein Geflüchteter zu sein bedeutet ganz allgemein, jeden Tag zu kämpfen, um etwas zu essen zu finden, an einem sicheren Ort zu sein, respektiert zu werden und den Raum zu haben, sich frei zu entwickeln und sein eigenes Potenzial zu erreichen.“

Abgesehen von den Traumata, dem Verlust von geliebten Menschen, Besitz und ihrer Vertreibung in ein fremdes Land stünden die Menschen täglich vor dem Problem, ihre Grundbedürfnisse abzudecken. Zusätzlich seien sie mit Erniedrigungen und Diskriminierung konfrontiert und lebten in ständiger Unsicherheit hinsichtlich ihrer Zukunft. Zu den Patient*innen in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Shatila zählen laut eigenen Angaben viele syrische Geflüchtete, insbesondere Frauen, die psychologische Hilfe in Anspruch nehmen wollen.

Vor allem Frauen leiden nach Slikhanians Bericht regelmäßig unter verschiedenen Formen von Gewalt: sozialer, wirtschaftlicher, verbaler oder körperlicher Gewalt. „Manchmal wird ihnen gesagt, dass sie still und stark zu sein haben, egal, was gerade in ihrem Inneren vorgeht. Sie bemühen sich um ihren Mann und ihre Kinder, während sie den Schmerz in ihrem Herzen tragen.“ Als Opfer von Gewalt neigten einige Menschen dazu, ihre Situation an ihren Kindern auszulassen. „Aber sie bedauern ihre Handlungen und ich kann die Liebe und das Mitgefühl sehen, das sie für ihre Kleinen haben“, schreibt Slikhanian weiter.

Im Jahr 2017 wurden den Patient*innen in Shatila und einem anderen benachbarten Flüchtlingslager namens Burj Al Barajneh mehr als 3.000 individuelle Sitzungen zur psychologischen Betreuung angeboten. Ihre psychischen Probleme werden laut den Psycholog*innen weitgehend durch traumatische Ereignisse und ihre Lebenssituation verursacht. Depressionen, Angstzustände und posttraumatische Belastungsstörungen seien sehr häufige Reaktionen. Die Psycholog*innen informieren die Menschen über ihre Symptome und die Auswirkungen von traumatischen Ereignissen und geben ihnen Methoden mit, um ihre psychischen Probleme zu überwinden.

Geflüchtete sind in einer Schwebe zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Miriam Slikhanian

„Die Arbeit als Psychologin in Shatila ist eine Herausforderung“, schreibt Slikhanian. Im Gegensatz zu anderen Orten, an denen sie gearbeitet habe, hätten die Probleme hier nicht nur mit der psychischen Gesundheit der Menschen zu tun. „Es ist eine Herausforderung, einer Person mit einem psychischen Problem zu helfen, wenn deren größtes Problem darin besteht, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Kinder zu ernähren oder einen sicheren Aufenthaltsort zu finden.“

Während ihrer Arbeit habe sie gelernt, dass Geflüchtete in einer Schwebe zwischen Vergangenheit und Gegenwart gefangen seien. Auf der einen Seite sehnten sie sich danach, in ihren Herkunftsländern, in ihren eigenen Häusern und bei ihren Lieben zu sein. Eine Wahl gibt es aber nicht, wenn ihre Häuser nicht mehr existieren, wenn sie vom Tod bedroht sind oder keine Mittel haben, sich selbst zu versorgen. Auf der anderen Seite wollten sie an einen sicheren Ort. „Sie kämpfen täglich darum, genügend zu Essen zu finden, eine sichere Bleibe und Menschen, die sie mit Respekt behandeln“, schreibt Slikhanian.

Für Slikhanian ist die größte Belohnung für ihre Arbeit, zu sehen, wie sich das Leben der Menschen dadurch verändere, wie sie abschließend schreibt: „Ich habe gesehen, wie Menschen begonnen haben, die Realität ihrer Lage zu akzeptieren und Resilienz zu entwickeln. Ich habe Menschen gesehen, die im Stande waren, ihre Umstände mithilfe psychologischer Unterstützung zu verändern. Und ich habe Menschen gesehen, die begonnen haben, Hoffnung in die Menschheit zu haben, nachdem sie erkannt haben, dass es jemanden gibt, der sich um sie kümmert.“

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