Diese Iranerinnen wollen sich nicht mehr verschleiern

Nicht jede iranische Frau trägt freiwillig Kopftuch. Eine Fotografin porträtiert jene, die sich vom gesellschaftlichen Zwang befreien wollen.

Manche tragen ihre Kopftücher gerne und freiwillig. Für andere steht eine Verschleierung symbolisch für Ungleichheit und Diskriminierung aufgrund des Geschlechts – sei es der Hidschab, der Tschador oder die Burka. Die niederländische Fotografin Marinka Masséus möchte mit ihrem Projekt My Stealthy Freedom zeigen, dass es das Recht einer jeden Frau ist, selbst zu entscheiden, ob sie ihren Körper verschleiert oder nicht.

Verstoß gegen die offizielle Kleiderordnung

Im Iran besteht ein Dresscode seit der Revolution im Jahr 1979. Demnach sind iranische Frauen seit bald 40 Jahren dazu verpflichtet, lange Kleider zu tragen und ihre Haare zu bedecken. Ein Bruch dieser Regel kann zur Anzeige, Festnahme oder sogar zu Freiheitsstrafen führen.

Nicht jede ist damit einverstanden. Liberaler eingestellte Frauen versuchen seit jeher, diese strengen Grenzen ein wenig zu verrücken. Locker angebrachte Kopftücher, welche die Haare nicht vollständig bedecken, knallige Farben, lackierte Fingernägel, engere Hosen, zu kurze Mäntel. Mit diesen Kleinigkeiten verstoßen sie bewusst immer wieder gegen die konservative Kleiderordnung.

„Die Revolution geschah, noch bevor ich geboren war. Während ich hier aufwuchs, dachte ich also, dass alles normal wäre, so wie es war. Aber dann sah ich alte Fotos meiner Mutter oder Filme und entdeckte dieses Paradoxon, mit dem ich meine ganze Jugend kämpfte. Warum gibt es einen Unterschied zwischen uns und Mädchen aus anderen Ländern? Ich spürte diesen Kampf in mir, ich wollte keine Kopftücher oder lange Shirts tragen. Ich wollte den Wind in meinen Haaren und die Sonne auf meiner Haut spüren. Ich fühlte mich wie ein Vogel, eingesperrt in einen Käfig. Ich möchte anders leben, als es mir die Regierung aufzwingt. Ich fühle mich in dem Schleier und dem Hidschab wirklich gefangen.“
– Anonyme Aussage einer Fotografierten

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Teherans Polizeichef, General Hossein Rahimi, gab nun kürzlich eine Lockerung der Auflagen bekannt, obwohl es kein offizielles Gesetz und immer noch zahlreiche Befürworter*innen der strengen Regeln gibt. Wenn es nach ihm ginge, soll eine Frau, die sich nicht an die iranische Kleiderordnung hält, nicht mehr gleich verhaftet, sondern zu Belehrungsstunden bei der Polizei vorgeladen werden. Würde das umgesetzt, würde es allerdings nur für die Hauptstadt gelten, im Rest des Landes bliebe die strenge Bekleidungsvorschrift bestehen.

Kunst als Protest

Einen kleinen Akt der Gegenwehr hat Marinka Masséus realisiert. Die Fotografin bat Iranerinnen vor die Linse, um sie dabei zu fotografieren, wie sie sich die repressive Bürde in Form der muslimischen Kopfbedeckung abnehmen. Und obwohl die Gesichter der Trägerinnen weiterhin versteckt bleiben, sehen die Betrachter*innen doch ein wenig Persönlichkeit zum Vorschein kommen.

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Das Fotoshooting fand in Masséus‘ kleinem Apartment in Teheran statt, die Fenster waren mit Alufolie bedeckt, damit das Blitzlicht von draußen nicht zu sehen war. Die Teilnehmerinnen nahmen ihre Verschleierung ab, warfen sie in die Luft und ließen sie vor sich auf den Boden fallen. Diese Geste des Widerstandes hielt die Fotografin im richtigen Moment fest.

„Wenn ich mich auf den Straßen umsehe, sehe ich heute grelle Farben, die Mädchen tragen ihre Hidschabs so tief, dass man ihre Haare sieht. Ich sehe Hoffnung. Ich sehe Veränderung. Vor nur fünf Jahren war alles braun und schwarz, so wie es das Regime wollte. Aber heute: Farben, Farben, Farben! Also trage auch ich meine bunten Hidschabs und fahre mit dem Fahrrad, was auch gegen das Gesetz ist, um dem Regime zu trotzen. Ich werden mein Leben leben und nicht mich nicht verstecken. Ich habe Hoffnung.
– Anonyme Aussage einer Fotografierten