Diese jungen Menschen wehren sich gegen Catcalling in München

Sofija, Julia und Ege sammeln die Erfahrungen von Münchner*innen, die im öffentlichen Raum belästigt wurden. Am Ort des Geschehens schreiben sie die Geschichte mit Kreide auf die Straße.

Mit dem Instagramaccount Catcallsofmuc wollen Ege, Julia und Sofija auf Belästigung im öffentlichen Raum aufmerksam machen. Foto: Privat

„Er stöhnte mir ins Ohr: ‚Mhh, heiße Mieze'“. Das steht in großen Kreidebuchstaben auf dem Bürgersteig vor der Münchner Staatsbibliothek – ein vielbesuchter Ort, gerade jetzt zu Semesterende. Der Satz ist keine Werbeaktion für einen neuen Sexroman – sondern soll auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam machen: Catcalling. Belästigung, die im öffentlichen Raum stattfindet.

Hinter der Aktion stecken die drei Münchner*innen Sofija (19), Julia (16) und Ege (21). Sie sammeln auf Instagram unter Catcallsofmuc Erfahrungen von Münchner*innen, die Catcalling erlebt haben. Dann kehren sie an den Ort des Geschehens zurück und schreiben die Geschichte mit Kreide auf die Straße. Fotos davon landen schließlich in ihrem Instagramfeed.

Eine Plattform, um das Erlebte aussprechen zu können

Sofija, Julia und Ege haben sich über das Jugendprojekt YouthBride kennengelernt. Die Abschlussreise des Projekts ging nach New York – wo sie Sophie Sandberg kennenlernten, die Initiatorin des Instagramaccounts Catcallsofnyc, dem inzwischen fast 160.000 Menschen folgen. Die drei beschlossen, die Idee nach München zu holen. Seit Mai existiert nun Catcallsofmuc. Mittlerweile folgen dem Account mehr als 2.000 Menschen, etwa drei Anfragen pro Tag landen in der Inbox. Sofija, Julia und Ege versuchen, so viele davon wie möglich trotz ihres Schul- und Arbeitsalltags auf die Straße zu bringen.

Zu ze.tt sagt Sofija, dass sie selbst Catcalling-Erfahrungen mache, seitdem sie dreizehn sei. Heute beeinflusse sie das aber nicht mehr stark. „Ich ignoriere das einfach und gehe weg. Oder wenn ich Lust drauf habe, sage ich sowas wie ‚Halt’s Maul‘. Aber ich denke da nicht weiter drüber nach. Aber viele Mädchen schreiben uns, dass sie danach Albträume hatten oder es sie bis heute beschäftigt oder sie nicht mehr an diese Orte zurückkehren können. Und genau dafür ist unsere Seite da: Dass diese Mädchen, die sich in dem Moment wirklich schlimm gefühlt haben, dass die eine Plattform haben, wo sie das aussprechen können.“

Ist Catcalling wirklich ein Problem?

Feedback bekommen die drei sowohl digital über die Kommentarspalten unter den Fotos als auch live vor Ort, wenn sie die Sprüche aufschreiben. „Wenn man Kreide auf dem Boden sieht, dann erwartet man was Lustiges oder Schönes“, sagt Sofija. „Die Leute stellen sich dann mit einem Grinsen im Gesicht zu uns. Dann fangen sie an zu lesen und man sieht, wie sich direkt ihr Gesicht verändert. Viele sind dann erstmal schockiert und fragen, ob das wirklich so schlimm ist in München.“

Im November 2018 veröffentlichte das Ifop-Institut eine Studie, für die Frauen aus sechs Industriestaaten zu Erfahrungen mit sexueller Belästigung befragt wurden. Die Befragungen fanden in Deutschland, USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien statt. Insgesamt wurden 6.025 Frauen ab 18 Jahren per Online-Fragebogen befragt, rund 1.000 pro Land. In Deutschland gaben 36 Prozent der Befragten an, schon mal Opfer von sexuellen Kommentaren gewesen zu sein.

Die folgende Grafik zeigt eine Auswahl der Länder und deren Ergebnisse in Prozent:

Wo beginnt Belästigung?

Der Einwand, den Sofija, Julia und Ege am häufigsten zu hören bekommen, sei der, dass man ja heute gar keine Komplimente mehr machen dürfe. Auf Instagram veröffentlichten die drei im Mai ein Foto mit dem Spruch „Hübsche Mädels“. Daraufhin kommentierten einige, dass dies doch nur nett gemeint gewesen sei. „Aber wenn man die Situation betrachtet, dann war es Belästigung“, sagt Sofija. „Der Catcall ist einer 16-Jährigen passiert und der Spruch wurde ihr von einem betrunkenen, alten Mann hinterher gerufen.“ Sofija kann die Kritik nur insofern verstehen, als dass dieser Kontext in dem Foto nicht ganz klar werde. Seitdem schreiben sie die Situation, in der die Sprüche gefallen sind, kurz dazu.

„Menschen wollen die Grenzen wissen. Zum Beispiel: Hübsch, kann man sagen. Süß, kann man sagen. An den Hintern fassen darfst du nicht. Wir wollen diese Grenzen aber nicht setzen, weil es immer auf die Situation und den Menschen ankommt“, sagt Sofija. Sie spricht sich auch klar dagegen aus, den Betroffenen Schuld zuzuweisen. Immer wieder höre sie Aussagen, wie: Was kann ich denn dafür, wenn die Person so ein Mäuschen ist, dann soll sie halt ein bisschen stärker werden. „Dann sag ich, dass ich nicht denke, dass alle Menschen stark sein müssen“, sagt Sofija.

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