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Diese Liebesgeschichte macht es dir verdammt schwer, nicht an Schicksal zu glauben

Die Beziehung von Karena und Thorsten ist eine Reihe unwahrscheinlicher Ereignisse. Als endlich alles gut werden sollte, hätte ihnen die Corona-Krise fast das Happy End vermasselt. 

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Diese Liebesgeschichte lässt dich ans Schicksal glauben. Foto: Cassie Lopez / Unsplash | CC0


Die Beziehung von Karena (32) und Thorsten (32) aus Frankfurt am Main ist eine Liebesgeschichte voller Zufälle, Umwege und erstaunlich viel Glück. Sie hätten sich hundertmal treffen können, ja, eigentlich müssen. „Wir sind quasi 25 Jahre aneinander vorbei. Das ist total schräg“, sagt Karena heute. „Wenn man das in einem Buch so schreiben würde, würden alle sagen: ,Das ist unrealistisch, sowas passiert doch nicht im echten Leben!‘ Tut es aber.“

Der Blitz schlug ein – wortwörtlich

Ihre Liebesgeschichte begann an einem Tag im Frühling 1991, zumindest fast. Karena war mit ihren Eltern auf der Besucher*innenterrasse des Flughafens Frankfurt am Main, als plötzlich der Blitz einschlug. „Da war eine Wolkenfront, die schwarz und schnell zum Flughafen zog, und Wind und Donner“, erinnert sich Karena. Alle Leute mussten in Sicherheit gebracht werden. Darunter auch Thorsten und seine Familie. „Dass wir ausgerechnet an genau diesem Tag beide am selben Ort waren, haben wir später rausgefunden, als wir mit seinen Eltern zusammensaßen und über Flugzeuge und Gewitter geredet haben“, erzählt Karena. „Was für ein unglaublicher Zufall.“

Doch das war längst nicht die einzige verpasste Gelegenheit fürs Kennenlernen.

„Meine beste Freundin aus Grundschulzeiten wohnt eine Straße von mir entfernt. Ihre Eltern und seine Eltern kennen sich seit 40 Jahren, die beiden haben also schon als Kinder zusammen im Garten gespielt“, sagt Karena. Doch bei keinem Besuch, auf keinem Kindergeburtstag, auch nicht in der Schule, sind sich Karena und Thorsten je begegnet: „Ich war zwanzig Jahre auf den Partys meiner besten Freundin, auf denen er nicht war, und umgekehrt. Das muss man sich mal vorstellen.“

Später haben Karena und Thorsten, beide „total flughafenverrückt“, gleichzeitig am Frankfurter Flughafen gearbeitet: „Er im Rettungsdienst, ich im Check-In – wir sind uns wahrscheinlich sogar mal bei irgendwelchen Notfalleinsätzen über den Weg gelaufen, aber haben uns nie getroffen oder kennengelernt.“

Und als Karena 2010 in Frankfurt eine Ausbildung gemacht hat, hat Thorsten ganz in der Nähe gearbeitet. „Als ob wir uns immer irgendwie umkreist hätten“, wundert sie sich heute noch.

Die erste Begegnung

Das Leben hatte zunächst andere Pläne und führte die beiden in verschiedene Richtungen. Karena hat Bücher geschrieben, geheiratet und eine Tochter bekommen; Thorsten hat Chemie studiert und ist zwecks Promotion nach Israel gezogen.

Bis zum Jahreswechsel von 2016 auf 2017. „Mir war nicht nach feiern, es ging mir nicht gut und ich sah auch voll verlottert aus. Aber dann bin ich doch spontan auf die Silvesterparty meiner besten Freundin gegangen“, erzählt Karena. Warum, das kann sie heute nicht mehr genau sagen. Aber es war ein schicksalhafter Impuls.

Denn als sie reinkam, saß da Thorsten auf dem Sofa. „Eigentlich kenne ich alle ihre Freunde, weil ihr Freundeskreis relativ klein ist. Ich hab ihn angeguckt, er hat mich angeguckt und wir beide so: Nee, kenn ich nicht. Wer bist du?“ Die erste Begegnung nach Jahrzehnten des Verpassens.

Sie verstanden sich auf Anhieb, quatschten und lachten die ganze Nacht. „Eigentlich hätte ich nach einer Stunde wieder gehen wollen – aber ich bin geblieben, bis morgens um halb fünf. Wir wussten beide sofort: Das ist es. Aber keiner hat’s ausgesprochen“, sagt Karena.

Am Tag danach waren sie zusammen was essen. „Wir haben schnell festgestellt, dass wir uns emotional sehr viel zu sagen haben“, so Karena. „Danach habe ich ihn zum Bahnhof gefahren und er ist am nächsten Tag zurück nach Israel.“

Mehr ist nicht passiert. Denn noch waren sie nicht bereit für eine Beziehung.

Befürchtungen und Bedenken

Es gab Zweifel, Bedenken, Ängste – und zwar auf beiden Seiten. „Ich wusste, dass er am Weizmann Institut in Israel in Chemie promoviert und dachte ,Was will so ein Superbrain mit einer Künstlerin mit Kind?‘ Und er dachte: ‚Was will diese Frau, die voll im Leben steht, mit so einem crazy Wissenschaftler?‘“, erzählt Karena.

Dazu kam die Distanz. Beide wollten keine Fernbeziehung. Zu viel Stress, zu wenig Nähe. „Wir haben ein bisschen über WhatsApp hin und hergeschrieben, uns aber wieder aus den Augen verloren, weil wir beide dachten: Das geht halt nicht, da ist jetzt keine Basis, sich näher kennenzulernen“, so Karena. „Ich war zu dem Zeitpunkt auch erst ein Jahr von meinem Ex-Mann getrennt, das war alles sehr kompliziert.“

Fast ein Jahr lang gingen sie sich aus dem Weg. Diesmal allerdings bewusst.

Dann, im September 2017, kam Karenas Buch unter ihrem Pseudonym Nika Sachs raus. „Er hat sich das Buch nach Israel bestellt und ein Foto von sich damit gepostet. Er hat mir auch eine ewig lange Rezension bei Amazon geschrieben und ich dachte: ‚Wow. Das hat der alles im Kopf?!‘ Und da wusste ich: Wenn ich ihn das nächste Mal wieder sehe, wird’s schwierig, das Ganze zu umgehen“, sagt Karena.

Das nächste Mal war dann auch gar nicht so weit weg, Thorsten kam kurz darauf zur Buchmesse nach Frankfurt und die beiden trafen sich auf einen Drink. Ganz unverbindlich, oder? Karena: „Da war mir klar, dass er mir mindestens als Freund total wichtig ist.“

Auch Thorsten suchte ihre Nähe. Als er über Weihnachten nach Frankfurt kam, schlug er ein Treffen vor. Karena: „Aber ich hatte über die Feiertage einen Trip nach Portugal geplant. Er war ziemlich enttäuscht.“

Dann kam es – mal wieder – komplett anders als gedacht, wie Karena erzählt: „Ich hatte auch noch eine Silvesterparty in Berlin geplant. Aber alles ist schiefgegangen. Ich war in Portugal und mir ging’s überhaupt nicht gut, ich wollte weg. Ich hatte katastrophale Flüge, bin über Zürich nach Berlin geflogen, meine Kreditkarte ging nicht, wir konnten die Tickets für diese Silvesterparty nicht kaufen – absolut alles ging daneben.“ Einen Tag vor Silvester entschied sie dann kurzerhand, doch nach Hause nach Frankfurt zu fliegen.

Und dort wartete Thorsten auf sie. „Er hat mich vom Flughafen abgeholt und wir haben zwei Tage miteinander verbracht – aber es ist nichts passiert, weil wir beide in diesem ‚Wir dürfen uns das nicht erlauben‘-Modus waren. Dann ist er wieder zurück nach Israel geflogen.“

Wie in einem Hollywoodschinken

Doch von da an war alles anders. „Vier Wochen lang haben wir jeden Tag telefoniert und geskypt – und entschieden: Wir sind jetzt zusammen. Obwohl wir uns noch nicht mal geküsst hatten“, sagt Karena. „Im Februar ist er spontan von der Uni abgehauen und nach Deutschland geflogen. Ich habe ihn abgeholt und dann sind wir uns am Flughafen in der Ankunftshalle in die Arme gefallen. Das war unser erster Kuss. Wie in so einem Hollywoodschinken.“

Zwei Jahre lang führten sie eine Fernbeziehung – obwohl sie das eigentlich nicht gewollt hatten – aber die Liebe war da. Und groß genug, um die Distanz zu überstehen. „Er kam ab und zu nach Frankfurt, ich bin auch öfter mal hingeflogen. Im Schnitt haben wir uns alle zwei, drei Monate gesehen“, sagt Karena. „Nach einem halben Jahr habe ich auch mein Kind zum ersten Mal mitgenommen. Wir haben ziemlich lange gewartet damit, bis wir uns sicher waren, dass das mit uns passt.“

Leicht war es nicht immer. „Man ist auch irgendwann verzweifelt, weil man sich so sehr einen gemeinsamen Alltag wünscht“, sagt sie. „Und wir haben in dieser Zeit krasse Sachen erlebt. Er hat mir Videos geschickt, wie Raketen vor seinem Fenster in Israel in der Luft explodieren. Er hat 50 Kilometer vom Gazastreifen entfernt gewohnt.“

Seit November 2019 sind die beiden verlobt. Sie hat ihm auf einem Konzert beim Tanzen einen Antrag gemacht, einfach so. Und er hat mit „Natürlich! Was ist denn das für eine Frage!“ geantwortet. Ende gut, alles gut? Moment, noch nicht ganz.

Happy End in Gefahr

Im Februar war Thorsten fertig mit seiner Promotion und wollte endlich wieder zurück nach Frankfurt – und mit seiner Verlobten ein neues Leben anfangen. Vorher allerdings stand noch eine kleine Rundreise in der Golfregion an. „Das hatte er schon vor Ewigkeiten gebucht“, sagt Karena. „Da war das mit Corona noch nicht so eskaliert.“

Ende Februar flog er los: Saudi Arabien, Bahrain, Oman, Dubai und Abu Dhabi. Unterdessen entwickelte sich Corona zur Pandemie. Thorsten hing in Dubai fest, Flüge wurden gestrichen. „Wir haben von hier aus versucht, was zu regeln. Ich habe auch versucht, beim Auswärtigen Amt anzurufen. Da habe ich übrigens bist heute keine Rückmeldung“, erzählt Karena, die zu Hause voller Sorge auf ihn wartete.

Doch Thorsten hatte unsagbares Glück: „Es war immer kurz vor Grenzschließung, er ist jedes mal jeweils mit dem letzten Flieger rausgekommen. Schließlich ist er über Rumänien nach Hause gekommen. Stunden später waren die kompletten EU-Grenzen dicht“, sagt Karena. „Es war wirklich kurz vor knapp.“

Als sie ihn schließlich zum letzten Mal vom Flughafen abholte, konnte sie ihn nicht umarmen, nicht küssen – wegen Corona. Und so begann das gemeinsame Leben in Deutschland mit Distanz, aus Angst vor Ansteckung und Übertragung. Karena und ihre Tochter leben derzeit mit ihrer Mutter in einem Haus, teilen sich Küche und Bad. „Wir haben gesagt, wir halten Abstand voneinander, weil meine Mama zur Risikogruppe gehört. Sie ist über 60 und lungentechnisch angeschlagen.“

Thorsten begab sich in Selbstisolation und konnte Karena nicht sehen, Symptome hat er aber keine gezeigt. „Ich habe meinen besten Freund angerufen, der ist Arzt. Und der hat gesagt: ‚Es ist besser, ihr schützt die Mama und geht mit dem Kind zu ihm.‘ So haben wir’s dann auch gemacht“, sagt Karena. Jetzt sind sie in der Selbstisolation – aber zusammen. Endlich.

Eine Liebesgeschichte, die das Leben schrieb

„Je länger wir uns kannten, desto mehr ist uns bewusst geworden, dass wir uns unfassbar häufig hätten treffen können. Das ist alles schon ziemlich absurd“, fasst Karena die Verkettung glücklicher Umstände zusammen. „Das Allerschrägste ist eigentlich: Ich habe meine Bücher geschrieben, ohne ihn zu kennen, und es gibt so viele Überschneidungen zwischen den Büchern und ihm“, erzählt Karena. „Sein Vater heißt zum Beispiel wie beide Väter aus den Büchern zusammen und hat am Geburtstag meiner Protagonistin Geburtstag; Thorsten ist Linkshänder, er ist genauso groß wie mein Protagonist, er ist auch ein Wissenschaftler. Unheimlich!“

Karena und Thorsten haben sich ein Leben lang immer wieder verpasst – bis ihr Zeitpunkt gekommen war. „Wir wollen heiraten, sobald man wieder mit Publikum eskalieren kann. Also nach Corona“, sagt sie. Und wer nach dieser Liebesgeschichte noch immer nicht an Schicksal glaubt, muss ein Herz aus Stein haben. Ja, es gibt noch Happy Ends in dieser Welt, trotz allem. Wir müssen sie nur entdecken.

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