Diese Luftbildaufnahmen zeigen, wie der Mensch die Erde beeinflusst

Wir sprengen, roden, verbrennen, düngen, verschmutzen und vergiften. Wie sehr wir Menschen unsere Umwelt verändern, zeigt Fotograf Tom Hegen.

Nur wenige Flecken der Erde sind heute vom Menschen unberührt geblieben. Unser Drang, die Welt zu entdecken, zu erforschen, sie uns anzueignen und über sie zu verfügen, reicht von den höchsten Bergspitzen bis in die dunkelsten Tiefseegräben. Wir schmieren Asphalt auf den Erdboden und machen ihn zu Straßen. Wir schlagen Löcher in Berge, weil sie uns im Weg stehen, um mit unseren Autos schneller von A nach B zu gelangen. Wir bohren Löcher in den Boden, um die natürlichen Ressourcen der Erde anzuzapfen. Wir bauen an, tragen ab, kultivieren, sprengen, roden, verbrennen, düngen, verschmutzen und vergiften. Nur noch knapp 20 Prozent der gesamten Erdoberfläche sind heute frei von menschlichen Spuren (Pdf), in Deutschland allein sind es laut Bernhard Edmaier, Geologe und Fotograf, 0,6 Prozent.

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Selbst urwüchsige Gebiete – also Regionen der Hochgebirge und Regenwälder, in den Wüsten und an den Polen – kämpfen mit den Schadstoffen, die aus der Zivilisation über die Luft dorthin gelangen. Erle Ellis, Geograf an der Universität Maryland, bezeichnet die Erde inzwischen als ein „Humansystem mit eingebettetem, natürlichem Öko-System“. Warum also nicht das gegenwärtige Erdzeitalter nach dem Menschen benennen? Sein biologischer, geologischer und atmosphärischer Einfluss auf den Planeten ist so groß, dass Forscher*innen eine neue Bezeichnung geschaffen haben: das Anthropozän, das menschgemachte Zeitalter.

Durch Vogelperspektive zu mehr Verantwortung

Dem Anthropozän widmet sich Fotograf Tom Hegen mit seinem Projekt Habitat. „Ich möchte anhand von Luftaufnahmen den Einfluss des Menschen auf die Umwelt dokumentieren und zeigen, in welcher Form wir unsere Landschaft durch unser Handeln verändern“, sagt der 27-Jährige. Neun Monate lang fuhr Hegen mit seinem Van Tausende Kilometer durch Deutschland, stieg in Helikopter und Heißluftballons und nutzte seine selbst zusammengebaute Drohne, die zwischenzeitlich nach einem Sturz aus 40 Metern Höhe einen Totalschaden erleben musste. Seine Motive suchte er sich zuvor mithilfe von Satellitenbildern aus.

Höhe schafft Übersicht, Übersicht erleichtert Einsicht und Einsicht erzeugt – vielleicht –
Rücksicht.“ – Georg Gerster, Pionier der Flugbildfotografie

90 Luftbildaufnahmen sollen in einem Buch erscheinen, das Hegen mittels einer Crowdfunding-Kampagne finanzieren will.

Die Luftaufnahme einer Kieswerkanlage; Hegens Lieblingsbild. Foto: © Tom Hegen

Wie sehr wir unseren Lebensraum seit mehr als 10.000 Jahren, seit dem Beginn des Ackerbaus und der Viehzucht, geprägt haben, sei uns oft gar nicht bewusst, sagt Hegen. Mittlerweile würden wir in einer menschgemachten Kulturlandschaft leben, in der wir intensive Landwirtschaft betreiben, unaufhörlich Rohstoffe abbauen und Gebäude errichten. Selbst bei Wäldern, die vom Boden aus wie natürliche Landschaften aussehen, erkannte er erst aus der Vogelperspektive, dass die Bäume in einem bestimmten Raster stehen, der Wald also erst von Menschenhand errichtet wurde. Mit seinen Bildern möchte der Fotograf aus München daher nicht nur Augen öffnen, sondern auch Menschen dazu bringen, Verantwortung zu übernehmen.

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Die Schönheit der Zerstörung

Hegen flog über fußballfeldgroße Rohstoffanlagen, kilometerlange künstliche Waldflächen und in Berge geschlagene Straßennetze. Sein persönliches Lieblingsbild ist aber die Aufnahme einer Kieswerkanlage. Diese entstand kurz vor Sonnenaufgang von einem Heißluftballon aus und es war reines Glück, so mittig über der Anlage hinwegschweben zu können.

Die Idee zu dem Projekt entstand aus Hegens eigener Irritation heraus. „Vor einigen Jahren besuchte ich eine Ausstellung zu dem Konzept Anthropozän. Ich war gleichzeitig fasziniert und schockiert über die Auswirkungen, die wir Menschen auf die Umwelt haben und wollte diesen Zwiespalt mit meiner eigenen kreativen Sprache entdecken“, sagt er. Indem er etwas eigentlich Verstörendes ästhetisch anspruchsvoll darstellt, möchte Hegen es seinen Betrachter*innen leichter machen, ihren Einfluss begreifen zu können: Denn schön heißt nicht gleich richtig.

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