Shooting am Pool und Koks in der Badewanne – Eva teilt online ihr Leben als Sexarbeiterin

Eva Collé berichtet auf Instagram und ihrem Blog detailliert über ihr Leben – und ständig reiben Kritiker*innen sich daran. Die Doku Searching Eva begleitet sie über drei Jahre hinweg.

Zur 69. Berlinale in Berlin stellen wir euch Kurzfilme und Dokumentationen vor, die gesellschaftliche Strukturen hinterfragen, Minderheiten Sichtbarkeit geben und zum Nachdenken anregen. Die Übersicht aller Beiträge findet ihr hier.


Eva Collé geht durchs Leben mit leichtem Gepäck. Ihr Hab und Gut hat sie auf zwei Koffer reduziert, um unkompliziert den Wohnort wechseln zu können. Die gebürtige Italienerin lebt mal hier, mal da – WG-Castings gehören zu ihrem Alltag dazu. Bei einer Besichtigung in Berlin steht Collé auf dem Balkon, steckt sich eine Zigarette an und erzählt, sie verdiene ihr Geld mit Sex. „Ich bin auch Sexarbeiter“, sagt der potenzielle WG-Mitbewohner. „Wirklich?“ Der junge Mann stutzt. „Ich dachte, du machst einen Witz“, sagt er und lächelt beschämt.

Collé ist Sexarbeiterin und Model, Musikerin und Autorin, eine Nomadin zwischen den Welten. In Momenten wie dem WG-Casting wird deutlich, dass diese vielen Rollen die Menschen irritieren. Insbesondere online ist Collé permanent heftiger Kritik ausgesetzt, weil sie auf Tumblr und Instagram mit radikaler Freizügigkeit von ihren Erlebnissen berichtet. Follower*innen kommentieren, sie solle sich endlich einen vernünftigen Job suchen. Sie kritisieren ihre Promiskuität oder ihr Schamhaar, das sie nicht rasiert. Anderen Follower*innen gibt Collé wiederum Mut, sie selbst zu sein und ihre Sexualität oder ihre Vorstellungen von Schönheit auszuleben.

Dieses unkonventionelle Leben unter Beobachtung einer gespaltenen Community fängt der Dokumentarfilm Searching Eva ein. Dreieinhalb Jahre lang haben die Filmemacherin Pia Hellenthal und die Autorin und Produzentin Giorgia Malatrasi ihre Protagonistin begleitet. Aus circa 110 Stunden Filmmaterial ist ein 90-Minüter entstanden, der Collés Leben weder kommentiert noch wertet. Vielmehr ist Searching Eva ein kunstvoll ausgearbeiteter Blick in den Kopf einer Mittzwanzigerin, die dem Schubladendenken entkommen will.

Ich wünschte, wir würden keine Namen brauchen.

Eva Collé

An welchen Stellen das widersprüchlich oder authentisch, richtig oder verwerflich ist – darüber muss das Publikum sich am Ende selbst ein Bild machen. Die Doku zwingt die Zuschauer*innen geradezu, sich zu fragen, an welcher Stelle ein offener Umgang mit den eigenen Gedanken zu weit führt. Oder ob man nicht mehr über alles mit der ganzen Welt reden sollte wie Eva Collé.

Tumblr ist ihr Tagebuch

Mit 14 ist Eva Collé von zu Hause abgehauen, seitdem führt sie auf Tumblr Tagebuch – für alle Welt einsehbar. Sie berichtet von sexueller Nötigung durch Männer, von ihrem Drogenkonsum, zeigt sich nackt im Bad oder mit Freund*innen im Bett. Collé wettert, dass sie mehr Geld für einen Blowjob bekommt als für drei Tage Modeln auf der Pariser Fashionweek. Sie zählt die sexistischen Aussagen ihres Ex auf oder beschwert sich über die Vergewaltigungswitze eines Klienten.

Es interessiert mich einen Scheiß, was Männer mögen.

Eva Collé

Collés schonungslose Offenheit im Netz war es, die Filmemacherin Pia Hellenthal an ihrer Protagonistin begeisterte. „Eva spricht über Dinge, die auch wir angeblich freigeistigen, liberalen, jungen Menschen noch tabuisieren“, sagt Hellenthal. „Allein wie sie über ihren Körper und ihre sexuellen Vorlieben spricht, bis hin zum Offenlegen von patriarchalen Strukturen, in denen sie lebt. Das Faszinierende ist, dass sie darüber in der gleichen Nonchalance spricht wie über das Müsli am Morgen.“

Hellenthal las sich einmal durch Collés Blog, dann beschlossen sie und Giorgia Malatrasi, eine Doku über die junge Frau zu drehen. Eva Collé habe mehrmals in Frage gestellt, ob ihr Leben wirklich so spannend für die Kamera sei. Aber sie willigte in die Dreharbeiten ein und ließ das Team an allem teilhaben.

Searching Eva folgt der Protagonistin zu ihrer Familie nach Italien, ins Bett mit Klienten, in die Badewanne mit Freundinnen, zu Partyabenden mit Koks und Heroin. Dazwischen ploppen Nachrichten von Follower*innen auf: Mögen Männer es, dass du so dünn bist? Du bist die postmoderne Jeanne d’Arc. Bist du nur auf der Suche nach Liebe? Du bist so cool und interessant, wie in einem Indiefilm. Wie kannst du dich als Feministin bezeichnen, wenn du für Geld mit Männern schläfst?

Antworten von Collé gibt es in Searching Eva selten. Stattdessen ist die Protagonistin immer wieder in stylischen Porträts zu sehen: Nackt in der Badewanne, nach dem Sex, beim Knutschen mit Freundinnen, im Bikini am Strand, mit Wunderkerze in einer von Neonlicht bestrahlten Wohnung. Über diese Bilder liest sie in Voiceovers aus ihrem Blog Einträge wie diesen vor: „In mehreren Fällen in den letzten Jahren hatten Männer, die Frauen vergewaltigt haben, Videos davon online geteilt, ohne Konsequenzen zu fürchten. Und dann fragen mich die Leute ‚Warum kommst du nicht zurück nach Italien?‘.“

Ich widme mein Leben der Aufgabe, der Welt zu zeigen, dass man vorgeben kann, jeder zu sein, der man sein möchte.

Eva Collé

Mit ihrem Lebensstil und ihrer Offenheit führt Eva Collé dem Publikum patriarchale Konventionen und Machtstrukturen vor Augen. Dabei geht ihr Blick Richtung Kamera, Richtung Publikum, als wolle sie fragen: Was denkt ihr darüber und über mich in dieser chaotischen Welt? Ein Urteil zu fällen, ist unmöglich, weil Collé so vieles darstellt. Und genau das ist es, was die Sexarbeiterin/Model/Künstlerin/Nomadin will und Searching Eva gelungen einfängt: „Eva eröffnet eine Utopie davon, wie man sich von einer fixen Identität lösen kann“, sagt Pia Hellenthal. „Wenn du alles und nichts bist, kann man dich in keine Schublade mehr stecken. Und das löst gewisse Machtstrukturen auf.“