Diese Studierenden und Auszubildenden bauen sich ihr eigenes Wohnheim

Weil sie mehr gemeinschaftliches, kulturelles Leben und günstiges Wohnen in ihrer Stadt wollten, begann die Gruppe Collegium Academicum ihr eigenes Wohnheim zu planen. Jetzt ist der Bau gestartet.

Collegium Academicum
Student*innen und Bauherr*innen: Diese jungen Menschen bauen in Heidelberg gerade ein Wohnheim. Foto: Laura Dahmer

Ein großer Bagger rollt auf das alte US-Militärgelände, ein zweiter steht schon dort und hebt gerade eine Grube aus. Kurz darauf fährt ein Laster mit Bauschutt polternd in Richtung Ausgang. Von der Straße aus lässt sich kaum erahnen, was hier im südlichen Teil Heidelbergs gerade entsteht. Dabei ist der Lärm der Baustellengeräte hinter dem Tor nicht mehr zu überhören. Es wird gebaggert, gebohrt, gefräst.

Zwischen Staubwolken und Baggern tritt Pia Heckmann hervor. Pia ist 20 Jahre alt, Politikstudentin und Bauherrin des erdigen Geländes, das sich hinter ihr erhebt. Sie ist Teil der Projektgruppe Collegium Academicum, die hier ihren großen Traum umsetzt. Denn während andere junge Menschen in der Ausbildung Sport treiben, jobben oder sich an der Uni engagieren, verbringen Pia und etwa 25 Mitstreiter*innen einen Großteil ihrer Freizeit auf der Baustelle. Sie wollen dort ein eigenes Wohnheim aus dem Boden stampfen, das Ende 2021 fertig sein soll.

Pia ist erst seit letztem Oktober dabei. Sie kam nach Heidelberg, um einen Bachelor in Politikwissenschaft anzufangen. Die WG-Suche war schwierig; der Wohnungsmarkt in der Universitätsstadt ist angespannt, die Mieten hoch. „Ich habe mir Kellerzimmer angeguckt, die marode waren und 450 Euro gekostet haben. Jetzt wohne ich in einer Wohnung, die selbst für Heidelberger Verhältnisse teuer ist“, erzählt Pia. „Ich kam aus Hannover und brauchte schnell etwas. Das geht vielen so, das wissen auch die Vermieter*innen – und nutzen es oft aus.“ Viele ihrer Freund*innen mussten ins Heidelberger Umland ziehen, weil sie sich eine Stadtwohnung nicht leisten konnten.

Bei einer Erstsemesterveranstaltung lernte die Politikstudentin das Collegium Academicum kennen – und war sofort begeistert von der Idee. Auf dem Gelände hängen Banner, auf denen Dinge stehen wie „Wohnen ist ein Menschenrecht“ und „Freiräume statt Investorträume“. Dabei ist der Antrieb der Projektgruppe nicht nur günstigen Wohnraum zu schaffen. Die Idee des Collegium Academicums ist eine idealistische: Es geht um Gemeinschaft. Die Gruppe will einen Ort der Begegnung schaffen, möglichst inklusiv, basisdemokratisch und nachhaltig. Es soll kein klassisches Studierendenwohnheim sein, sondern eine große Hausgemeinschaft für Studierende und Auszubildende gleichermaßen.

Der Bau wird 18 Millionen Euro kosten

So bestehen zum Beispiel fast alle Trennwände in jeder Wohngemeinschaft aus herausnehmbaren Schiebetüren. Die einzelnen Zimmer sind standardmäßig 14 Quadratmeter groß, lassen sich aber bei Bedarf auf sieben verkleinern. Damit wird der Gemeinschaftsraum der WG größer. Generell legt die Gruppe Wert auf die Reduktion des Pro-Kopf-Flächenverbrauchs. 46 solcher Wohnungen sollen in dem Neubau auf vier Etagen entstehen, jeweils Dreier- und Vierer-WGs, alle werden barrierefrei.

Jedes Zimmer soll möbliert vermietet werden und etwa 310 Euro warm kosten. Ein Dachgarten soll als Begegnungsstätte aller Bewohner*innen dienen, im Erdgeschoss sind weitere Gemeinschaftsflächen geplant: eine Werkstatt, eine Aula, ein Multifunktionsraum mit Küche. Das Wohnheim soll außerdem möglichst nachhaltig werden. Es wird fast komplett aus Holz bestehen und nach dem Passivhausstandard gebaut, also mit hoher Wärmedämmung. Für die Innenausstattung nimmt die Projektgruppe Möbelspenden an.

Die Gesamtkosten des Neubaus werden, so die Schätzung, bei etwa 18 Millionen Euro liegen. Die Projektgruppe hat sich drei Millionen Euro Förderung gesichert, aus EU-, Bundes-, Landes- und städtischen Fördertöpfen. Dazu kommen noch einmal etwa 2,4 Millionen Euro Direktkredite und Spenden, etwa 100.000 an Sponsor*innengelder und ein Bankkredit über etwa zwölf Millionen Euro.

Das Collegium Academicum ist trotzdem stetig weiter auf der Suche nach weiteren Direktkrediten und Spenden, um auslaufende Direktkredite zu ersetzen und die Finanzierung einer Altbausanierung auf dem Gelände zu stemmen, das ebenfalls Teil des Projekts ist.

Viele dachten, wir seien idealistische Studis, die ihre Idee in ein paar Monaten eh wieder verwerfen.

Henrik, Physikdoktorand

Gestartet ist das Projekt vor sieben Jahren mit ein paar idealistischen Ideen und einer großen Vision in Henrik Eckhardts ehemaliger Hausgemeinschaft. „Es gab von den Vierziger- bis in die Siebzigerjahre schon mal ein selbstverwaltetes Wohnheim, das sich Collegium Academicum nannte. In der Zeit war es der kulturelle, studentische Dreh- und Angelpunkt Heidelbergs“, erzählt der 30-Jährige. Seine WG, die sehr politisch war und das Leitbild des Wohnprojekts in den eigenen vier Wänden bereits weitestgehend lebte, wollte wieder so einen Ort des Austauschs und der Gemeinschaft schaffen. „Wir wollten ein Wohnheim, das deutlich mehr ist als ein Wohnheim“, sagt Henrik. Die ersten Treffen fanden noch bei ihnen Zuhause statt.

„Am Anfang dachten wir, dass das Projekt deutlich schneller fertig wird“, bemerkt er lachend. „Auf unserem ersten Flyer stand, glaube ich: Einzug 2016.“ Mittlerweile ist Henrik schon mit dem Physikstudium fertig und promoviert nun an der Uni in Heidelberg. In das Wohnheim wird er vermutlich nie einziehen. Trotzdem konnte er sein Bauprojekt nicht einfach zurücklassen und blieb.

Nach langen Jahren Überzeugungsarbeit, Planungen und Ringen um Förderungen und Kreditgeber*innen sind Ende Mai endlich die Bagger angerückt. Und seit ein paar Tagen erhebt sich auf dem Gelände ein großer, roter Baukran. „Viele dachten, wir seien eine Hand voll idealistischer Studis, die ihre Idee in ein paar Monaten eh wieder verwerfen“, sagt Henrik. Wie er sind viele dabeigeblieben und engagieren sich über ihr Studienende hinaus beim Collegium Academicum.

Das Vergabeverfahren für Wohnungen hat vor Kurzem begonnen

Auch Jost Burhop könnte einer von ihnen werden. Er ist seit drei Jahren in Heidelberg. Damals war der 22-Jährige auf der Suche nach sozial-ökologischen Wohnprojekten – eigentlich, um selbst dort zu wohnen. Dann stieß er aufs Collegium Academicum und begann, sich dort zu engagieren. Wie Henrik wird auch er sein Studium abgeschlossen haben, bevor das Wohnheim fertiggestellt ist.

Und wer wird dann mal im Collegium Academicum wohnen, wenn es mal fertig ist? „Der Gedanke des Wohnheims spiegelt sich natürlich auch im Vergabeverfahren wider“, so Jost. „Es soll so inklusiv wie möglich sein, wir haben uns bestimmte Quoten gesetzt, nach denen wir auswählen möchten.“ Das Vergabeverfahren hat vor Kurzem begonnen, wer Interesse hat, kann sich ab sofort online beim Collegium Academicum bewerben.

Vieles von dem, was die Student*innen machen, haben sie sich selbst beigebracht

Das Gebäude wird von einem Bauunternehmen gebaut, aber wo sie können, packen die Mitglieder des Collegium Academicums mit an. Im Altbau des Geländes, das auch noch zu ihnen gehört und das sie in Zukunft ebenfalls sanieren und zu Wohnraum umbauen wollen, haben sie sich eine Werkstatt eingerichtet. Dort basteln sie vor allem an der hölzernen Innenausstattung.

Heute findet ein Fräs-Workshop statt. Claus Sarnighausen bringt den anderen bei, wie die große Fräsmaschine bedient wird. Es müssen Schablonen für die Abwasserleitungen gefräst werden, die gerade draußen auf dem Baugelände entstehen. Nach ausgiebiger Einweisung wird die Fräsmaschine angeschmissen. Kopfhörer auf, denn jetzt wird es laut. Gespannt stehen alle um das riesige Gerät herum, es werden ein paar Videos für die Social Media-Kanäle gedreht. Was auf der Baustelle passiert, dokumentiert die Projektgruppe möglichst transparent nach Außen.

Vieles von dem, was die Studierenden machen, haben sie sich selbst beigebracht. Das Wissen wird dabei von Generation zu Generation weitergegeben, zum Beispiel bei Aktionen wie dem Fräs-Workshop. Denn die jungen Menschen kümmern sich um fast alles selbst, von der Bauplanung über die Innenausstattung bis schließlich zur Verwaltung des fertigen Wohnheims. Die verschiedenen Themenbereiche sind in Arbeitsgruppen aufgeteilt, die sich mit Details auseinandersetzen. Pia und Henrik sind in der AG Öffentlichkeit, Jost in der AG Finanzen. Einmal in der Woche treffen sie sich zum Plenum, wo die Arbeitsgruppen Bericht erstatten und basisdemokratisch Entscheidungen getroffen werden – ganz nach den Idealen der Gruppe.

Ich habe in der Zeit beim Collegium Academicum mehr gelernt als in meinen ganzen Studium.

Jost, Politikstudent

„Ich habe in der Zeit beim Collegium Academicum mehr gelernt als in meinem ganzen Studium“, sagt Jost irgendwann und auch Pia nickt zustimmend. Es ist klar geregelt, wer Kontakt zu den Banken hält, wer mit dem Architekturbüro plant und mit dem Bauleiter spricht. Unterstützung bekommen sie außerdem vom Mietshäuser Syndikat, dem sie vor einigen Jahren beigetreten sind. Das Syndikat ist ein Solidarverbund selbstverwalteter Hausprojekte.

Gegen 18 Uhr wird die Fräsmaschine ausgeschaltet, der Workshop geht zu Ende. Trotzdem trudeln mehr und mehr Menschen ein, die meisten kommen mit dem Fahrrad. Denn es ist Mittwoch und Mittwoch heißt: Die Gruppe trifft sich zum wöchentlichen Plenum. Jemand hat Wassermelonen mitgebracht, die aufgeschnitten und unter allen verteilt wird. Zweieinhalb Stunden sitzt die Projektgruppe am Ende zusammen. Es sind ein paar Entscheidungen zu treffen, alles wird bis ins kleinste Detail besprochen. Diesmal geht es um die symbolische Grundsteinlegung, um anfallende Materialausschreibungen und die Infostände, die jetzt wieder wöchentlich anstehen. Bei den Diskussionen darüber, wer in der kommenden Zeit welche Aufgaben übernehmen kann, wird es still. Schließlich ist es Ende Juli, an der Uni heißt das: Klausurenphase. An diesem Punkt des Plenums wird für einen kurzen Moment wieder deutlich: Es sind Studierende, die hier ein Wohnheim bauen.

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