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Dieser Krimibuchhändler empfiehlt dir die drei besten Krimis für April 2020

Wer die Wohnung nicht verlassen darf, hat mehr Zeit zum Lesen. Nur was? Christian Koch, Betreiber einer Berliner Krimibuchhandlung, empfiehlt seine drei Favoriten für diesen Monat.

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Buchhändler Christian Koch hat für uns drei aktuelle Krimis gelesen und rezensiert. Illustration: © Elif Kücük / ze.tt

Seit 21 Jahren leitet Christian Koch die Krimibuchhandlung Hammett in Berlin-Kreuzberg. Rund 7.000 Bücher hat er in seinem 35 Quadratmeter großem Laden stehen. Natürlich hat er nicht alle gelesen – aber viele. „Ich lese pro Woche zwei Krimis“, sagt er. Für ze.tt stellt er einmal im Monat seine drei liebsten Neuerscheinungen vor.

Liza Cody: Gimme More

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Worum geht es?

Temporeiches Road(ie)movie, das einen Bogen von New Orleans bis London spannt. Die Witwe Birdie Walker soll im Erbe ihres vor 25 Jahren verstorben Mannes und Kultbandmusikers Jack nach verwertbaren Tonschnipseln und überhaupt allem zu Geld Machbaren suchen. Damit die große Musikindustrie mal wieder an den Millionen kratzen kann. Doch es kommt so vieles so anders.

Wer hat es geschrieben?

Liza Cody ist ein Juwel in der britischen Krimiszene. 13 Romane, politisch laut, schräg und den Mainstream mit jedem Buch mit zwei großen Sprüngen überquerend. Sie hat ein Faible für durchgeknallte Menschen und schreibt auch genauso.

Wie hab ich mich beim Lesen gefühlt?

Beim Lesen von Gimme More hörst du Musik, kriegst gute Laune und vergisst den ganzen Kram der draußen gerade so abläuft.

Warum dieses Buch in diesen besonderen Zeiten?

Weil es den ewigen Kampf von Underdogs gegen die Großen verdammt gut und laut beschreibt. Weil es Mut macht! „Hey! Ho! Let’s Go!“

Wie viele Punkte?

8 von 10.

Laura Lippman: Die Frau mit dem grünen Regenmantel

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Worum geht es?

Privatdetektivin Tess Monaghan ermittelt komplett von zu Hause aus. Durchs Wohnzimmerfenster beobachtet sie das vermeintliche Verschwinden einer jungen Frau. Hinweisgeber für ihre Ermittlungen ist ein ungewöhnlicher Windhund. Das ist aber wahrlich nicht das einzig Besondere in ihrem Buch. Es geht um eine toughe Frau, voll im Leben stehend, die wegen ihrer Risikoschwangerschaft zu Hause bleiben soll. Ob das geht? Das Buch erinnert an Cornell Woolrichs Kriminalroman Das Fenster zum Hof, den Alfred Hitchcock verfilmte – nur eben im modernen Gewand.

Wer hat es geschrieben?

In Deutschland ist die Autorin und Journalistin Laura Lippman leider kaum bekannt – in den USA wurde sie mit den höchsten Krimipreisen ausgezeichnet. Die Frau im grünen Regenmantel wurde in den USA bereits 2011 veröffentlicht.

Wie habe ich mich beim Lesen gefühlt?

Die Frau im grünen Regenmantel spielt mit den typischen Genregrenzen Karambolage. Es ist ein Wohlfühlkrimi, der besser als Netflix unterhält. Außerdem spielt ein Windhund mit!

Warum in dieser besonderen Zeit dieses Buch?

Weil die Protagonistin zähneknirschend zu Hause bleiben muss – eine Situation, die uns allen gerade mehr als nur bekannt vorkommt. Und weil das Buch die Geschlechterrollen herrlich durcheinander würfelt und extreme Lebensfreude versprüht.

Wie viele Punkte?

7 von 10.

Ahmed Saadawi: Frankenstein in Bagdad

 

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Worum geht es?

Bagdad in den Jahren 2005/06. Eine von Krieg und nicht endender Gewalt zerfetzte Stadt. Genau aus diesen Fetzen zusammengesetzt ist das Monster Frankenstein, hier quasi namenlos. Mary Shelleys Horrorklassiker ist in Ahmed Saadawis Roman im politisch beleuchteten Hier und Jetzt angekommen. Der Schrecken ist in diesem traumatisierten Land allgegenwärtig, das Monster nur das Symbol für Mord, Gewalt und Korruption sowie diverse andere menschliche „Feinheiten“.

Wer hat es geschrieben?

Der irakische Dokumentarfilmer Saadawi, der immer noch in Bagdad lebt, hat mit Frankenstein in Bagdad bereits 2013 seinen dritten Roman vorgelegt. Erst jetzt wurde er ins Deutsche übersetzt. Für das Buch erhielt er den International Prize for Arabic Fiction. 

Wie habe ich mich beim Lesen gefühlt?

Frankenstein in Bagdad ist harte Kost, aber wie soll man die Realität sonst abbilden?

Warum in dieser besonderen Zeit dieses Buch?

Wann kann man denn mit Ruhe sonst einen Roman eines in Bagdad lebenden Autors in deutscher Übersetzung lesen, der in Besprechungen kaum beachtet wurde und in Deutschland bisher nur etwa 1.500-mal verkauft wurde? Und weil es den Wahnsinn, der hier Alltag ist, auf die Spitze peitscht. Weil es ein Abbild der irakischen Realität darstellt und trotz allem nicht komplett hoffnungslos daherkommt, sondern mit Ironie und Sarkasmus ein Stückchen Freiraum schafft. Das Buch ist genau die richtige Antwort auf die momentan so häufig gehörte Floskel, wie schwer hier alles gerade sei. Nach Lesen des Romans kannst du mit frischen Mut in die Welt hinausgehen. Je nach Ausgangsregel.

Wie viele Punkte?

7 von 10.

 

Du wolltest dich schon immer mal mit „Crime-Expert*innen“ austauschen? Dann sei bei unserem Crime-Videochat am 20. April dabei. Gerichtsmedizinerin Katharina Feld und Crime-Autor Manuel Bogner beantworten eure Fragen. Alle Informationen gibt es hier.

 

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