Dieser Krimibuchhändler empfiehlt dir die drei besten Krimis für September 2020

Eine Schwarze FBI-Agentin, eine Dorfgemeinde in Aufruhr und die skurrilste Liebesgeschichte des Sommers: Christian Koch, Betreiber einer Berliner Krimibuchhandlung, empfiehlt seine drei Favoriten für diesen Monat.

crimi-tipps-august
Buchhändler Christian Koch hat für uns drei aktuelle Krimis gelesen und rezensiert. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Seit 21 Jahren leitet Christian Koch die Krimibuchhandlung Hammett in Berlin-Kreuzberg. Rund 7.000 Bücher hat er in seinem 35 Quadratmeter großen Laden stehen. Natürlich hat er nicht alle gelesen – aber viele. „Ich lese pro Woche zwei Krimis“, sagt er. Für ze.tt stellt er einmal im Monat seine drei liebsten Neuerscheinungen vor.

Lauren Wilkinson: American Spy

9783608504644
© Tropen Verlag

Worum geht es?

Ein famoser Debütroman, in dem sich die Schwarze FBI-Agentin Marie Mitchell durch die dominant weiße Männerwelt durchboxt, um ernst genommen zu werden und endlich ihren ersten echten Auftrag auszuführen. Dieser bringt sie dann nach Burkina Faso, wo sie den dortigen Präsidenten Thomas Sankara ausspionieren soll. Von nun an verwebt Lauren Wilkinson beeindruckend Fiktion mit Realität aus der jüngeren Geschichte Westafrikas. Denn dieser sozialistische Präsident existierte wirklich, bevor er 1987 nach knapp vier Jahren Amtszeit ermordet wurde.

Wer hat es geschrieben?

Die 1984 geborene Schwarze Amerikanerin Lauren Wilkinson lehrt Schreiben an zwei Universitäten. Die New York Times zählte American Spy zu den Hundert wichtigsten Büchern in 2019.

Wie habe ich mich beim Lesen gefühlt?

Wie ein Schwamm, der begierig jede Seite aufsaugt und nicht aufhören kann, sich das Buch und die Geschichte einzuverleiben! American Spy ist ein vielschichtiger Agentinnenroman aus der Endzeit des Kalten Krieges, genauso aber auch ein warmherziger Spannungsroman um eine Mutter von zwei Söhnen, die sich in den verschiedensten Rollen behauptet. Beruflich, privat, im ganzen Leben eben!

Was macht dieses Buch besonders?

Endlich eine Autorin, die die männliche Dominanz im politischen Agentenroman aufknackt. So gesehen eine klasse Parallele zur Protagonistin im Buch. Dass eine Schwarze aus den USA sich in den weißen Geheimdienstapparat einarbeitet, um schlussendlich einen westafrikanischen Präsidenten auszuspionieren, gibt dem Buch eine mehr als pfiffige und besondere Note. Zudem bietet der Roman den besten Anfangssatz aus der Bücherwelt der vergangenen fünf Jahre. Mindestens!

Wie viele Punkte?

9 von 10 Punkten.

Paolo Maurensig: Der Teufel in der Schublade

Maurensig_Der_Teufel_in_der_Schublade_Umschlag_Aufriss.indd
© Nagel & Kimche Verlag

 

Worum geht es?

Vor rund 200 Jahren hat Johann Wolfgang von Goethe eine Nacht im kleinen schweizerischen Ort Dichtersruh verbracht. Seither sind die Bewohner*innen besessene Vielschreiber*innen und bombardieren die Verlage des Landes mit ihren Manuskripten. Eines Tages kommt der Luzerner Verleger Dr. Bernhard Fuchs nach Dichtersruh und schreibt einen Goethe-Preis aus. Der Gewinn: eine Veröffentlichung in Dr. Fuchs‘ Verlag. Das ganze Dorf ist außer sich und alle reichen ihre Texte ein. Nach und nach kommen allerdings bitterböse Absagen, die die Dorfgemeinde spalten und zu Unfrieden führen. Dann fällt ein tödlicher Schuss.

Wer hat es geschrieben?

Paulo Maurensig, geboren 1943 in Norditalien, hat verschiedene Berufe ausgeübt, bevor er das Schreiben für sich entdeckte. Erst mit 50 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Roman. Ansonsten ist angenehm wenig über sein Privatleben bekannt.

Wie habe ich mich beim Lesen gefühlt?

Extrem gut gelaunt durch die bissigen Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb und den täglichen Wahnsinn rund um die Buchwelt mit all ihren Begleiterscheinungen. Dass der Roman Goethes Faust modern variiert, ist eine feine Note, nicht aber entscheidend für den Lesegenuss.

Was macht dieses Buch besonders?

Bücher sind eine tolle Erfindung und oft auch wohltuend für den lesenden Menschen. Aber wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel. Marotten und kleine Wahnsinnigkeiten des Literaturbetriebes nimmt Paolo Maurensig hier grandios aufs Korn. Die Spurensuche um Ähnlichkeiten zu Goethes Faust bereitet irren Spaß. Zudem beweist Maurensig mit Schmackes, dass 128 Seiten vollkommen ausreichen, um einen fantastischen Schelm*innenroman zu erzählen.

Wie viele Punkte?

8 von 10 Punkten.

Massimo Carlotto: Die Frau am Dienstag

https___www.folioverlag.com_media_68_cb_dd_1589351546_9783852568157-bdaa5ac60e7e40a58f32e6ba68e110d3
© Folio Verlag

Worum geht es?

Sie kommt jeden Dienstag zu ihm, immer zwischen drei und vier Uhr, seit vielen Jahren. Er kennt weder ihren Namen, noch weiß er um ihr Geheimnis, das sie allwöchentlich mit gutem Sex und sehr edlen Destillaten zu vergessen sucht. Bonamente Fanzago, einst erfolgreicher Pornodarsteller, steht nach einem Schlaganfall am Ende seiner Karriere. Was ihm bleibt, sind die Treffen in der Pension Lisbona mit der mysteriösen Dienstagsfrau. Die Pension, die der sanftmütige trans Mensch Signor Alfredo führt, ist ihm Oase des Friedens und des Rückzugs. Bis durch ein Verbrechen die dunklen Gestalten aus der Vergangenheit wieder auftauchen und die Dienstagsfrau einholen. Menschen wie sie haben eben leider kein Recht darauf, vergessen zu werden.

Wer hat es geschrieben?

Der 1956 geborene Massimo Carlotto stand vor seiner Karriere als Schriftsteller im Zentrum eines der kontroversesten Gerichtsfälle der italienischen Geschichte. Carlotto war noch ein junger linksradikaler Student, als er 1976 in Padua eine Kommilitonin sterbend in ihrer Wohnung auffand. Nachdem er die Polizei verständigt hatte, wurde er von der Polizei schnell selbst verdächtigt, die junge Frau mit 59 Messerstichen ermordet zu haben. Massimo Carlotto war fünf Jahre auf der Flucht, sechs Jahre inhaftiert und insgesamt 17 Jahre lang mit einem Mord belastet, den er nach Sachlage nie begangen hat. Bis heute sprechen viele in Italien beim Fall Carlotto von einem der größten Justizskandale Italiens.

Wie habe ich mich beim Lesen gefühlt?

Ich war beim Lesen selbst Gast in der skurrilen Pension Lisbona und wäre dort eigentlich auch gerne geblieben. Für mich die schönste, traurigste und rätselhafteste Liebesgeschichte dieses Büchersommers.

Warum dieses Buch in diesen besonderen Zeiten?

Als Kriminalroman mit einer der betörendsten und leidenschaftlichsten Liebesgeschichten aller Zeiten ist Die Frau am Dienstag eigentlich schon besonders genug. Von den sonst eher rohen und voller Gewalt steckenden Romanen Carlottos hebt sich dieses Buch aber noch mal ab wie die Rose von ihren eigenen Dornen.

Wie viele Punkte?

9,5 von 10 Punkten.