Dieser Podcast räumt mit Klischees über die Balkanhalbinsel auf

Geflüchtete auf der Balkanroute, kroatischer Nationalismus und das Leben als queerer Mensch in Serbien: Krsto Lazarević und Danijel Majić erklären in ihrem Podcast das Leben auf dem Balkan.

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Die Politik auf dem Balkan ist für die beiden Journalisten Danijel Majić (links) und Krsto Lazarević (rechts) Realsatire. Foto: © privat, Bearbeitung: ze.tt

Welche Staaten gehören eigentlich zum Balkan? Wo beginnt er? Und welche Sprachen spricht man dort? Alles Fragen, die nicht jede*r auf Anhieb beantworten kann. Auch alles Fragen, denen sich die Journalisten Krsto Lazarević und Danijel Majić in ihrem Podcast Neues vom Ballaballa-Balkan widmen. Denn über die nicht ganz eindeutig definierte Region in Südosteuropa fehlt es im deutschsprachigen Raum eher an Wissen, dafür gibt es umso mehr Stereotype und Klischees. Um diese auszuräumen, veröffentlichen der – laut eigener Beschreibung – „grimmige ‚Kroate‘ und der Nationalismusbehinderte“ seit 2016 Podcastfolgen zu diversen Themen rund um den Balkan.

Zwischen „Polemik und Palaver“, wie es in der Selbstbeschreibung heißt, kann man hier tatsächlich noch richtig was lernen. Was es für queere Menschen bedeutet, auf dem Balkan zu leben, zum Beispiel. Denn die leiden häufig unter physischen wie psychischen Übergriffen und polizeilicher Willkür, wie Krsto und Danijel in Folge zwei von Ivan erfahren, der als schwuler Mann aus Zentralserbien geflohen ist. Ein beliebtes Thema bei den zwei Podcastern ist außerdem der in einigen Ländern Ex-Jugoslawiens herrschende Nationalismus, von dessen Auswirkungen sie teils persönlich betroffen sind. Wir haben uns mit den beiden Balkanexperten über ihr Projekt unterhalten.

ze.tt: Krsto und Danijel: Warum der Name Ballaballa-Balkan?

Krsto Lazarević: Weil der Balkan balla balla ist. Als ich 2014 angefangen habe, in Bosnien-Herzegowina als Südosteuropa-Korrespondent zu arbeiten, galt der Balkan für den sogenannten Westen noch als besonders balla balla. Aber ich würde sagen, seit dem Brexit und Trumps Präsidentschaft hat der Westen auch gut aufgeholt in dieser Hinsicht.

Danijel Majić: Ich habe den Titel mal in einem satirischen Artikel verwendet, in dem ich mich über serbische und kroatische Fußballfans lustig gemacht habe. Allgemein haben wir den Eindruck, dass die Politik und andere Phänomene, über die wir da unten reden, Realsatire sind – deshalb etwas balla balla. Zudem ist es auch einfach eine schöne Alliteration.

Was müssen wir im deutschsprachigen Raum über den Balkan wissen?

Danijel Majić: „Muss“ ist ein Wort, dass ich nicht mag. Man muss nichts wissen – man muss sich auch für ein Thema nicht unbedingt interessieren. Es täte aber insbesondere politisch interessierten Menschen gar nicht schlecht, sich mehr für – ich sage jetzt mal: den jugoslawischen Raum zu interessieren. Denn viele Phänomene, mit denen man in den letzten Jahren in Deutschland konfrontiert ist, wie Rechtspopulismus und Neonationalismus, kann man da unten, wie ich so gern sage, schon seit Längerem beobachten. Man könnte daraus auch Lehren ziehen, wenn man wollte, aber stattdessen hat man sich Narrative zurechtgelegt, die dafür sorgen, dass man das nicht muss.

Allgemein haben wir oft den Eindruck, dass die Politik und andere Phänomene, über die wir da unten reden, Realsatire sind – deshalb etwas balla balla.

Danijel Majić

Kannst du dafür ein Beispiel nennen?

Danijel Majić: Zum Beispiel die Vorstellung des wilden Balkans und der Völker da unten, die sich ohnehin permanent an die Gurgel gehen – das ist ja historisch komplett falsch. Das ist aber die Vorstellung, die hier dominiert und dagegen machen wir ja auch ein bisschen unseren Podcast. Für Leute, die sich wirklich für das Thema interessieren. Die werden dann auch feststellen, dass – wenn man sich für die Mechanismen, die da politisch greifen, interessiert, – es doch mehr Parallelen gibt, als es dem Westen Europas lieb ist.

Krsto Lazarević: Ich kann aus meiner Zeit als Korrespondent sagen, dass das Interesse an der Gegend häufig eher gering war. Manchmal habe ich Themen angeboten, die zunächst durchaus auf Interesse gestoßen sind. Sobald ich aber meinte, dass ich das nicht in Russland, Frankreich oder Griechenland mache, sondern in Bosnien, haben die Redaktionen oft nicht mitgemacht. Wobei ich anhand der Klickzahlen sehen konnte, dass meine Artikel meistens gut gelesen wurden. Es gibt auch einen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich. In Österreich ist der Balkan präsenter, da berichtet man regelmäßig darüber, in Deutschland weniger. Aber ich glaube, die Quantität ist nicht das Wichtigste. Es geht darum, dass man es gut macht. Es gibt ein paar wirklich gute Korrespondent*innen, aber ich sehe oft Sachen – die kritisiere ich dann auch auf Twitter – wo ich mir denke: Da schreiben Leute über eine Region, die sie nicht kennen, deren Sprache sie nicht sprechen und von der sie gar keine Ahnung haben. Solche Leute reproduzieren leider häufig Vorurteile und Klischees.

Viele Phänomene, mit denen man in den letzten Jahren in Deutschland konfrontiert ist, wie Rechtspopulismus und Neonationalismus, kann man auf dem Balkan schon seit Längerem beobachten.

Danijel Majić

Wie ist denn euer persönlicher Bezug zum Balkan?

Krsto Lazarević: Also wir haben ja diesen Running Gag laufen, dass Danijel der Kroate ist und ich der Serbe. Ich habe ja auch einen serbischen Namen – einen sehr serbischen Namen sogar. Wir spielen uns da als Serbe und Kroate zwar immer den Ball zu und bedienen auch ein bisschen regionale Klischees, aber genau genommen komme ich aus Tuzla, aus Bosnien-Herzegowina. Ich war auch die meiste Zeit meines Lebens bosnischer Staatsbürger, bevor ich einen deutschen Pass bekommen habe. Und Danijels Eltern kommen aus Tomislavgrad, auch in Bosnien-Herzegowina. Also eigentlich sind wir beide Bosnier.

Danijel Majić: Nein, ich bin waschechter Frankfurter. Meine Familie väterlicherseits kommt aber aus der Herzegowina – wenn man so will aus dem bosnisch-kroatischen Grenzgebiet auf der bosnischen Seite. Meine Mutter ist in Mittelbosnien geboren und gehörte da auch zur kroatischen Minderheit, wobei sie eigentlich keine Minderheit sind, sondern eines der drei Staatsvölker in Bosnien-Herzegowina.

Man merkt, das ist doch etwas verwirrend mit den Bezeichnungen. Bosnische Serben, serbische Kroaten, kroatische Bosnier, Bosniaken – könnt ihr uns da etwas aufklären?

Danijel Majić: Wenn man es sich dann mal anschaut, ist es gar nicht so kompliziert zu verstehen. Also es gibt Serben, die hauptsächlich in Serbien wohnen. Es gibt Kroaten, die hauptsächlich in Kroatien wohnen. Es gab mal kroatische Serben, das war die serbische Minderheit in Kroatien, von der ist nach dem Krieg nicht mehr viel übrig. Und in Bosnien gibt es drei Haupt-Ethnien: Es gibt die Bosniaken, die man früher einfach nur Muslime genannt hat sowie bosnische Serben und bosnische Kroaten. In Bosnien, das so eine Art Miniausgabe Jugoslawiens ist, gibt es alle drei Völker und da hat man sowohl bosnische Kroaten als auch kroatische Bosnier – denn Bosnier sind sie alle drei, werden sie dann sagen.

Sprechen alle serbokroatisch?

Krsto Lazarević: Wir haben eine eigene Sprachenfolge gemacht, wo wir versuchen zu erklären: Was labert ihr da eigentlich? – so lautet auch der Titel der Folge. Meine Meinung ist, dass Bosnisch, Serbisch und Kroatisch dieselbe Sprache sind, mit minimalen Unterschieden. Ich würde aber sagen, die sprachlichen Unterschiede zwischen Berlin, Wien und Zürich sind deutlich größer als zwischen Sarajevo, Zagreb und Belgrad. Ich habe keine Probleme, jemanden in Zagreb zu verstehen. In Zürich ist es dagegen manchmal gar nicht so einfach. Wie gesagt, für mich ist es dieselbe Sprache. Die Unterscheidungen würde ich als Dialekte einordnen und ich würde auch sagen, dass die Dialektgrenzen nicht parallel zu den Landesgrenzen verlaufen. Ich sehe Serbokroatisch als eigene Sprache an und nur weil irgendwelche Nationalist*innen meinen, sie müssten daraus vier verschiedene Sprachen machen, heißt das ja nicht, dass ich das anerkennen muss.

Ich würde aber sagen, die sprachlichen Unterschiede zwischen Berlin, Wien und Zürich sind deutlich größer als zwischen Sarajevo, Zagreb und Belgrad.

Krsto Lazarević

Danijel Majić: Die offizielle Bezeichnung müsste jetzt BKMS sein – Bosnisch-Kroatisch-Montenegrinisch-Serbisch. Das ist, was man früher serbokroatisch genannt hat. Und wie die neue Abkürzung sagt, wird das in Bosnien, Kroatien, Montenegro und Serbien gesprochen. Wenn man da unten die Leute fragt, werden viele sagen, dass das alles einzelne Sprachen sind. Wenn man Sprachwissenschaftler fragt, ist es eigentlich eine natürliche Sprache mit verschiedenen Idiomen. Ich würde verkürzt sagen, sie sprechen alle dieselbe Sprache mit unterschiedlichen Akzenten. Was anderes ist es bei Slowenen und Mazedoniern, die sprechen tatsächlich eigene Sprachen sowie auch die Albaner im Kosovo als Teil des ehemaligen Jugoslawiens. Die sprechen natürlich albanisch.

Der Name eures Podcasts sagt ja schon in etwa, worauf ihr euch bezieht – habt ihr neben der soziographischen Eingrenzung auch eine thematische?

Danijel Majić: Wir lassen uns unsere Themen nicht vorschreiben. Wir machen, worauf wir Lust haben. Entweder etwas aktuelles oder wir versuchen, größere Zusammenhänge zu erklären.

Krsto Lazarević: Manchmal machen wir auch Länderfolgen, da erklären wir dann einzelne Staaten. Die aktuelle ist beispielsweise zu Slowenien. Dann wieder suchen wir uns ein bestimmtes Thema aus, das wir dann auf den gesamten Balkan anwenden. Wir haben mal eine Folge zum Thema Reisen gemacht, da geben wir Tipps für die gesamte Region, auch für Leute, die sich da noch nicht so gut auskennen. Pressefreiheit ist auch so ein Thema, das wir für die gesamte Region behandelt haben.

Was aber verschwiegen wurde, ist, dass an der bosnisch-kroatischen Grenze Menschen systematisch verprügelt, gefoltert und ausgeraubt sowie illegal abgeschoben werden.

Krsto Lazarević

Also sind eure Themen nicht zwingend politisch?

Danijel Majić: Das Problem, das wir im Raum des ehemaligen Jugoslawiens haben, ist, dass es ja nichts gibt, dass sich nicht politisieren ließe. Wenn wir über Fußball reden oder über Religion oder über Alltagsphänomene, dann hat das meistens einen politischen Hintergrund und wird gerne mal nationalistisch aufgeladen. Das hatten wir gerade erst wieder: Da gab es einen Streit um Süßigkeiten, weil ein kroatischer Süßwarenhersteller beinahe von einem serbischen Unternehmer aufgekauft worden wäre.

Krsto Lazarević: Nationalismus auf dem Balkan ist ein Thema, das uns im Podcast immer wieder begleitet. Danijel und ich haben vor allem eine besondere Beziehung zu kroatischen Nationalist*innen.

Wie darf man sich das vorstellen?

Danijel Majić: Ich habe öfter mal über kroatischen Nationalismus geschrieben und da gibt es diverse kroatische rechtsextreme – ich sage bewusst rechtsextreme – Medien, die mich nicht so mögen. Letztes Jahr waren Krsto und ich im österreichischen Bleiburg bei einer Gedenkveranstaltung, die hochgradig geschichtsrevisionistisch war. Da wird eines Massakers an den Ustaša, also Nazi-Kollaborateuren, durch die Tito-Partisanen gedacht. Dort gab es dann einen Vorfall, bei dem mich ein rechtsextremer TV-Moderator aus Kroatien, über den ich auch schon geschrieben habe, erkannt hat und der es für nötig befand, mich anzuspucken. Daraufhin hat mich eine Gruppe seiner Fans eingekreist, beschimpft und versucht, mich zu schlagen, was die österreichische Polizei aber verhindert hat. Hinterher behaupteten sie dann, ich wäre von der Polizei verhaftet worden, weil ich provoziert hätte. Die Polizei in Kärnten hatte das da schon längst dementiert, aber mit der Wahrheit nehmen es kroatische Patrioten eh nicht so genau.

Wer waren die Ustaša?
Die Ustaša (auf deutsch: Die Aufständigen) waren ein von Ante Pavelić 1929 in Italien gegründeter und von ihm geführter kroatischer, rechtsextrem-terroristischer Geheimbund, der sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelte. Im Zweiten Weltkrieg kämpften sie an der Seite der Nationalsozialist*innen. Sie sind verantwortlich für Massenmorde, insbesondere in dem kroatischen Konzentrationslager Jasenovac. Dort brachte das Regime mindestens 80.000 Menschen um, darunter vor allem Serb*innen, Jüd*innen und Roma. Am Ende des Zweiten Weltkrieges flohen die Ustaša und ihre Angehörigen vor den jugoslawischen Tito-Partisan*innen in Richtung britischer Besatzungsgebiete und damit ins heutige Kärnten. Am 14. Mai 1945 erreichten sie das Loibacher Feld bei Bleiburg. Doch die Brit*innen schickten sie zurück über die nahegelegene Grenze. Zehntausende starben infolge von Todesmärschen und bei Massakern. Aus dem ze.tt-Artikel „Wir waren auf einem der größten Neonazitreffen Europas“.

Welche Themen liegen euch noch am Herzen?

Krsto Lazarević: Ein Thema, zu dem wir im vergangenen Jahr zweieinhalb Folgen gemacht haben, ist die Lage von Schutzsuchenden auf der sogenannten Balkanroute. Vor Kurzem saßen deshalb auch die EU-Innenminister*innen in Zagreb zusammen, um über Flucht- und Migrationspolitik zu sprechen. Was aber verschwiegen wurde, ist, dass wenige Kilometer entfernt an der EU-Außengrenze, also an der bosnisch-kroatischen Grenze, Menschen tagtäglich systematisch verprügelt, gefoltert, ausgeraubt und illegal abgeschoben werden. Dort wird tagtäglich gegen EU-Recht verstoßen und Menschen werden ihres Rechts beraubt, einen Asylantrag zu stellen. Alle wissen, dass es passiert, aber vor allem konservative Politiker und Innenminister verschließen die Augen davor, weil sie lieber gravierende Menschenrechtsverletzungen akzeptieren, als Menschen ihr Recht auf einen Asylantrag einzuräumen.

Ein Zitat behauptet, der Balkan beginne bereits am Rennweg in Wien – stimmt das?

Danijel Majić: Teilweise, Österreich ist der nördlichste ex-jugoslawische Staat und ist folglich das nördlichste Land des Balkans. Wir haben da eine Sonderfolge zu gemacht – ist auch tatsächlich eine der beliebtesten Folgen bisher.

Ich finde übrigens auch Alman nicht abwertend gemeint – es beschreibt halt einfach sehr gut, wen man meint.

Krsto Lazarević

In Österreich, aber auch Deutschland nutzt man gern mal das Wort Jugos. Darf man das überhaupt sagen?

Krsto Lazarević: Ich finde es nicht schlimm, wenn man Jugos sagt. Es gibt Leute in Österreich und Deutschland die glauben, das sei ein Schimpfwort, aber ich finde den Begriff völlig in Ordnung, auch als Nicht-Selbstbezeichnung. Ich finde es falsch, wenn Leute, die nicht betroffen sind, Kanaken sagen oder das N-Wort benutzen – das geht natürlich nicht. Aber ich finde, der Begriff Jugos ist tatsächlich harmlos, auch wenn man nicht dazu gehört. Es gibt vielleicht Leute, die das abwertend verwenden und meinen, aber im Grunde ist es ja tatsächlich eine Abkürzung. Ich finde übrigens auch Alman nicht abwertend. Es beschreibt halt einfach sehr gut, wen man meint.

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