CDU-Politiker gibt Pflegekräften Mitschuld am Nachwuchsmangel

Der Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel sagt, dass Pfleger*innen Mitschuld am Personalmangel in der Branche hätten, weil sie zu schlecht über ihren Beruf reden würden. Seine Aussage stößt auf Kritik – vor allem beim Pflegepersonal selbst.

Pflegekräfte reagieren wütend auf die jüngste Aussage des Politikers Erwin Rüddel.

Pflegekräfte reagieren wütend auf die jüngste Aussage des Politikers Erwin Rüddel. ©picture alliance/ dpa, Fotograf*innen: Susann Prautsch und Patrick Pleul

Aktualisierung, 7. Februar: Aufgrund der großen Resonanz auf diesen Artikel haben wir Pflegekräfte anonym gefragt, was in der Branche falsch läuft. Die Antworten findet ihr in diesem Artikel: Diese Beispiele zeigen, was in der Pflege falsch läuft

Der CDU-Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel hat Pflegekräfte in einem Tweet dazu aufgefordert, in Zukunft besser über ihren Beruf zu sprechen. So könne man die Branche für Nachwuchs wieder attraktiver machen. Rüddels Aussage spielt auf den viel diskutierten Mangel an Nachwuchskräften im Pflegesektor an. Rüddel ist seit Anfang des Jahres Vorsitzender des Gesundheitsauschusses im Bundestag. Zuvor war er pflegepolitischer Sprecher der Unionsfraktion.

Mit seiner Äußerung schob der Politiker die Verantwortung für den Mangel an Pflegekräften in Deutschland dem Pflegepersonal zu. Laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes kamen Ende 2015 auf eine Million Pflegekräfte etwa drei Millionen Pflegebedürftige. Eine Studie schätzt, dass 2025 rund 193.000 ausgebildete Pflegekräfte fehlen werden.

Statistiken zeigen, dass das Pflegepersonal genug Anlass zur Beschwerde hat

Viele Pflegekräfte sehen jedoch keinen Anlass, sich euphorisch über ihre Tätigkeit zu äußern. Dafür ist ihr Arbeitsalltag viel zu anstrengend. Erhebungen zeigen immer wieder, dass das Personal in der Branche überdurchschnittlichen Arbeitsbelastungen ausgesetzt ist. Wie ein ver.di-Bericht über auszubildende Pflegekräfte zeigt, beginnt das Problem bereits in der Ausbildung. 36 Prozent der Auszubildenden im Bereich Altenpflege gaben 2015 an, sich immer oder häufig von ihren Arbeitsbedingungen belastet zu fühlen. Als Hauptgrund nannten sie vor allem den Zeitdruck in der Branche.

Auch nach der Ausbildung lässt der Druck nicht nach, wie ein Bericht der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2015 zeigt. Immer mehr Pfleger*innen werden vor der Rente durch psychische oder physische Folgen der Belastungen arbeitsunfähig. In einem Gespräch mit Zeit Online sagte der Pflegeforscher Michael Isfort, die allermeisten Pfleger*innen seien „hochmotivierte Menschen, die ihren Beruf als sinnstiftend und erfüllend empfinden“. Sie würden jedoch auf Arbeitsbedingungen treffen, die sie überforderten.

Menschen aus der Pflegebranche kontern auf Rüddels Aussage

Auch auf Twitter fanden einige, dass Rüddels Äußerung an der Realität vorbeigehe. Angestellte aus dem Pflegesektor starteten deshalb die Kampagne #twitternwierueddel. Sie nutzen den Hashtag um darauf hinzuweisen, weshalb es ihrer Meinung nach tatsächlich an Nachwuchs für die Branche mangelt. Eine Nutzerin berichtet, wie sie am Tag ihrer Hochzeit im Dienstplan noch für eine Spätschicht eingetragen wurde und auf Nachfragen zu hören bekam: „Ja aber die Trauung ist doch morgens oder nicht?“ Eine andere Nutzerin berichtet von desaströsen Umständen, die die Angestellten dazu zwingt, das Arbeitsgesetz zu missachten.

Was würde wirklich helfen, um mehr Menschen für den Beruf Pfleger*in gewinnen zu können?

Schon lange fordern Verbände wie der Deutsche Pflegerat die Politik zum Handeln auf. Sie setzten sich unter anderem für bessere Arbeitszeiten und bessere Verdienstmöglichkeiten ein und hoffen so, beim Nachwuchs punkten zu können. Rüddels Appel schien bei einigen so anzukommen, als ob sich der zuständige Politiker der Verantwortung entziehen wolle und sie anstelle dessen an das belastete Pflegepersonal zurückgäbe. Sinnvoller wäre es, an strukturellen Lösungen für das Problem des Pflegekräftemangels zu arbeiten.