Dieser Verein unterstützt Menschen in Altersarmut dabei, sich gesund zu ernähren

Alte Menschen, die in Armut leben, können sich frische Lebensmittel oft nicht leisten. Carina Raddatz und ihr Team möchten das ändern.

Frau mit Rollator

Bei vielen Senior*innen reicht die Rente nicht zum Leben. Foto: Jens Kalaene / dpa-Zentralbild

Fast jede*r fünfte Rentner*in in Deutschland ist von Armut betroffen. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Nicht jede*r, der*die Anspruch auf Grundsicherung hat, bezieht tatsächlich Sozialhilfe.  Das Geld, das die Senior*innen vom Staat erhalten, reicht für viele nur knapp zum Leben – eine ausgewogene Ernährung lässt sich mit den wenigen Euro kaum finanzieren.

Aus diesem Grund hat Carina Raddatz den Obstkäppchen e.V. gegründet. Die Vereinsmitglieder, die sogenannten Obstkäppchen, machen sich ein- bis zweimal im Monat auf den Weg, um von Altersarmut betroffenen Senior*innen Lebensmittel zu bringen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Wir haben uns mit der Co-Gründerin Carina Raddatz über Altersarmut, die damit verbundene Scham und ehrenamtliche Arbeit unterhalten.

Carina, wie kam es dazu, dass du einen Verein gegründet hast?

Carina Raddatz: Ich habe in der Kölner Innenstadt eine alte Frau dabei beobachtet, wie sie im Müll nach Essen gesucht hat. Das hat mich total betroffen gemacht. Insbesondere, weil die Dame weit über 80 Jahre alt gewesen sein muss. Da mich dieses Bild nicht mehr losgelassen hat, habe ich mich intensiv mit dem Thema Altersarmut beschäftigt und festgestellt, dass es kaum Initiativen dagegen gibt. Altersarmut ist in erster Linie ein politisches Thema, aber auch wir als Gesellschaft können aktiv werden.

Warum hast du dich dafür entschieden, mit Lebensmitteln zu helfen?

Eine Konsequenz von Altersarmut ist, dass sich Betroffene kaum gesunde Lebensmittel leisten können. Das ist eine gefährliche Abwärtsspirale. Die Menschen sind in der Armut gefangen, können sich nicht ausgewogen ernähren und darunter leidet dann ihre Gesundheit. Ich dachte mir, dass man an dem Punkt ansetzen und die Menschen unterstützen kann.

Wie unterscheidet sich Obstkäppchen von einem Angebot wie jenem der Tafel?

Bei der Tafel muss man aktiv hingehen und Schlange stehen. Gerade für ältere Menschen ist das aus körperlichen Gründen aber nicht so leicht. Dazu kommt die Tatsache, dass die Tafel öffentlich ist, was vielen Rentner*innen unangenehm ist. Sie haben ihr Leben lang gearbeitet und müssen sich nun outen, dass sie von Armut betroffen und auf Hilfe angewiesen sind. Viele nehmen diese Art von Angebot aus genau dem Grund gar nicht in Anspruch. Wir hingegen bringen die Lebensmittel zu den Rentner*innen nach Hause und garantieren Anonymität.

Wie geht ihr mit dem Thema Scham oder Wut im Kontakt mit den Rentner*innen um?

Wir haben im direkten Kontakt kaum Erfahrungen mit Scham oder Wut gemacht. Es kam bis jetzt auch noch nie vor, dass Senior*innen komplett anonym bleiben oder gar keinen Austausch mit uns wollten. Die meisten haben ihr Schicksal akzeptiert und nehmen die Unterstützung gern an. Da schimpft auch keine*r verbittert auf das System oder den Staat. Die meisten sind einfach nur dankbar, dass sich jemand kümmert.

Frauen sind stärker von Altersarmut betroffen als Männer. Spiegelt sich das auch in eurer Senior*innenkartei wieder?

Absolut. Wir beliefern mehr Frauen als Männer. Ein häufiger Grund dafür ist, dass viele der heutigen Rentnerinnen ihr Leben lang als Hausfrau tätig waren – was früher normal war –, was sich aber nun in der Rente bemerkbar macht. Dann gibt es einige Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Arbeit im Niedriglohnsektor von Altersarmut betroffen sind.

Wie hat sich dein Blick auf das Thema Altersvorsorge verändert, seit du den Verein gegründet hast?

Ich habe mir früher kaum Gedanken über die Altersvorsorge gemacht. Die Arbeit für Obstkäppchen hat mir gezeigt, dass es superwichtig ist, das Thema Vorsorge nicht vor sich herzuschieben. Jede*r sollte sich damit auseinandersetzen – und das nicht erst ab dem 40. Lebensjahr. Niemand kann sich auf sein Schicksal verlassen oder seiner Gesundheit sicher sein. Das hat mir insbesondere der Fall einer Seniorin gezeigt, die nach einer schweren Krebserkrankung mit Anfang 40 arbeitsunfähig wurde. Seither hat sie sich stets ehrenamtlich in Suppenküchen und Krankenhäusern engagiert. Richtig arbeiten und fürs Alter vorsorgen konnte sie nicht mehr. Jetzt hat sie gerade mal 200 Euro pro Monat zur Verfügung. In so eine Situation kann jede*r von uns geraten. Dass es solche Schicksale in Deutschland überhaupt gibt, finde ich schlimm. Wie man an der Lage vieler Rentner*innen sieht, ist es wichtig, auf verschiedenen Wegen vorzusorgen und sich nicht auf die Versorgung durch den Staat zu verlassen.

In Zukunft werden voraussichtlich noch mehr Menschen von Altersarmut betroffen sein. Was muss aus deiner Sicht geschehen?

Meines Erachtens muss die Politik das Rentensystem komplett erneuern. Zudem muss das Thema Altersvorsorge bereits in der Schule besser vermittelt werden. Niemand nimmt die Leute an die Hand und zeigt ihnen, welche Investitionsmöglichkeiten es gibt. Wie soll man vorsorgen, wenn man nichts über das Thema weiß? Die Gesellschaft braucht ein geschärftes Bewusstsein dafür, dass jede*r mit dem Risiko lebt, irgendwann von Altersarmut betroffen zu sein.

Ihr liefert die Lebensmittel nicht nur, sondern verbringt jeweils auch Zeit mit den Senior*innen. Wie kam es dazu?

Eine weitere Konsequenz von Armut ist soziale Isolation. Einsamkeit ist bei alten Menschen generell ein Thema, doch die Armut verstärkt das nochmal. Die Rentner*innen haben kein Geld für gesellschaftliche oder kulturelle Unternehmungen und bleiben zu Hause. Allein. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, bei der Lieferung der Tüten immer auch Zeit mit den Senior*innen zu verbringen. Wir haben festgestellt, dass sich viele fast noch mehr über die gemeinsame Zeit als über die Tüte mit Lebensmitteln freuen. Die Menschen sind teilweise wochenlang alleine. Wenn sich dann mal jemand für eine halbe Stunde zu ihnen reinsetzt, freuen sie sich sehr.


Von Camille Haldner in auf EDITION F.

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