Warum dieses Foto einer jungen Afghanin einen Studienplatz einbrachte

Jahantap Ahmadi reiste mit ihrem Baby neun Stunden durch Afghanistan, um an einer Uni-Aufnahmeprüfung teilzunehmen. Dabei entstand ein Foto, welches ihr Leben veränderte.

Dieses Foto von Jahantap und ihrer kleinen Tochter ging viral.

Dieses Foto von Jahantap bei der Uni-Aufnahmeprüfung zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Screenshot Twitter

Die Sonne steht am Himmel, es ist heiß. Die 25-jährige Jahantap Ahmadi sucht Schutz im Schatten: Sie sitzt auf dem sandigen Fußboden hinter einem Stuhl, in einem Arm ihr zwei Monate altes Baby, im anderen Arm die Arbeitsblätter der Aufnahmeprüfung für die Universität Daikondi, einer kleinen Provinz in Zentralafghanistan. Die junge Frau ist so damit beschäftigt, ihre schreiende Tochter Khezran zu beruhigen und sich gleichzeitig auf die Prüfung zu konzentrieren, dass sie überhaupt nicht mitbekommt, wie Fotos von ihr in der außergewöhnlichen Situation gemacht werden: „Es war heiß, ich habe geschwitzt, also habe ich mich in den Schatten hinter meinem Stuhl gesetzt, um das Baby vor dem Sonnenlicht zu schützen“, erklärt Jahantap im Interview mit dem TV-Sender BBC. Sie habe große Angst gehabt, dass die Prüfungsaufseher*innen vom Geschrei des Babys genervt wären und sie aus der Prüfung schmeißen würden, weil sie andere Teilnehmer*innen störe. Doch es kam ganz anders: Ein Aufseher war so beeindruckt von Jahantap und ihrem starken Willen, eine gute Ausbildung zu erhalten, dass er die Fotos auf Facebook postete.

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Um an der Aufnahmeprüfung überhaupt teilnehmen zu können, hatte Jahantap einen langen und beschwerlichen Weg auf sich genommen: Zwei Stunden Fußmarsch und eine neunstündige Busreise hatten Mutter und Tochter beim Entstehen der Fotos hinter sich. Der britischen Tageszeitung The Telegraph sagte die 25-Jährige, warum sie all diese Anstrengungen in Kauf nahm: „Ich will nicht der Chance beraubt werden zu studieren. Ich will draußen, außerhalb des Hauses, arbeiten. Ich möchte Ärztin werden. Ich möchte den Frauen in meiner Gemeinde und in der Gesellschaft dienen.“

Ich habe dein Foto auf Facebook gesehen!“

Das Foto, welches Jahantap bei der Aufnahmeprüfung zeigt, zog eine Menge Aufmerksamkeit in den sozialen Medien auf sich. Sie selbst erfuhr davon erst über ihren Bruder: „Mein Bruder, der in Kabul arbeitet, rief mich an und sagte ,Ich habe dein Foto auf Facebook gesehen!'“

Politiker*innen unterstützen die junge Frau

Das Foto sah auch Zahra Yagana, eine afghanischen Frauenrechtsaktivistin. Yagana beschloss, sich für die junge Mutter einzusetzen und sie nach Kabul zu holen, damit sie dort studieren kann: „Das Leben für Frauen in Afghanistan ist immer noch sehr schwierig. Wir brauchen die internationale Gemeinde noch 50 bis 100 Jahre, um Dinge für die Frauen hier zu ändern“, erklärt Yagana dem indischen Wochenmagazin India Today. Als sie das Foto von Jahantap auf Facebook sah, sei sie so beeindruckt gewesen, dass sie gleich am nächsten Tag beschloss, ihr zu helfen. Also nahm sie kurzerhand Kontakt zu Farkunda Zahra Naderi, einer afghanischen Politikerin, und zu Sarwar Danish, dem afghanischen Vize-Präsidenten auf und berichtetet ihnen von Jahantap und ihrem unermüdlichen Willen, zu studieren und der Gesellschaft zu helfen. Mit Erfolg: Wie India Today berichtet, übernimmt Naderi die Universitätskosten und Danish wird für die Unterkunft von Jahantap und ihrer Familie in Kabul aufkommen. Yagana erklärt diese Entscheidung: „Sie haben gesagt, dass sie ein Symbol für Frauen und für Bildung sei.“

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Auch Jahantaps Mann ist stolz auf sie. Er selbst hatte nie die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen und erklärt: „Das ist nicht das Leben, das ich für meine Kinder möchte. Ich sehe ein Schild an der Straße und ich kann es nicht lesen. Ich gehe in die Apotheke, um Medikamente zu kaufen, aber ich kann den Namen der Pillen überhaupt nicht lesen. Das ist nicht richtig. Das ist sehr schwierig für mich.“ Daher unterstützt er seine Frau auch bei ihrem Wunsch, den Kindern eine bessere Zukunft mit Hilfe von Bildung zu ermöglichen. Sogar Jahantaps Schwiegeronkel meldet sich zu Wort: „Jahantap hat die Frauen in unserem Dorf erleuchtet. Wir respektieren sie.“

Natürlich ist Jahantaps Geschichte ein Einzelfall und vielen Frauen aus ihrer Region bleibt die Chance auf eine gute Ausbildung weiterhin verwehrt – dennoch ist es ein gutes Zeichen und macht Mut. Den Aufnahmetest absolvierte Jahantap übrigens mit einem guten Ergebnis: 152 von 200 möglichen Punkten.