Warum Menschen auf der ganzen Welt Glückskekse zu Haufen aufstapeln

1990 schuf Felix Gonzalez-Torres das Kunstwerk Untitled (Fortune Cookie Corner). Es besteht aus einem Haufen Glückskeksen. Nun wird es an hunderten Orten weltweit reinszeniert.

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Kunst, aber in lecker. Screenshot: © Instagram / @fayab / @joserafaelperozo / Bearbeitung: © ze.tt

Glückskekse sind vielleicht der unumstrittenste Gegenstand der Welt. Wer packt nicht gerne relativ geschmacksneutrale Kekse aus knisternden Goldfolien aus, bricht sie auf, und liest einen belanglosen Spruch, der das eigene Leben reflektieren soll? Eben.

Ob der Künstler Felix Gonzalez-Torres ähnliche Gedanken hatte, als er das Kunstwerk Untitled (Fortune Cookie Corner) schuf, ist nicht überliefert. 1990 kreierte er die Installation, die aus einem Haufen von Glückskeksen besteht. Das Werk war der Auftakt einer ganzen Reihe von sogenannten Candy Works, bei der Gonzalez-Torres stets einen Berg an einzeln verpackten Süßigkeiten anhäufte. Ein Werk der Reihe wurde laut Angaben des Monopol-Magazins 2010 für 4,6 Millionen US-Dollar verkauft.

Betrachter*innen durften sich Teile der von Gonzalez-Torres inszenierten Kunstwerke mit nach Hause nehmen oder direkt vor Ort auspacken und verschlingen. „So sind diese Werke in stetigem Wandel, dazu bestimmt, sich selbst aufzulösen, sich aber auch immer wieder zu erneuern, wenn Süßigkeiten nachgefüllt werden“, schreibt das Kunstmuseum Liechtenstein. 1996 starb der kubanische Künstler in Miami, USA.

Die Reinszenierung der Glückskekse

24 Jahre nach Gonzalez-Torres Tod inszenieren seine Nachlass-Verwalter*innen Andrea Rosen und David Zwirner sein Werk erneut – und zwar an Tausend Orten weltweit. Rosen und Zwirner fragten Tausend Gallerien, Museen, aber auch Privatpersonen an, das Kunstwerk aufzubauen. Untitled (Fortune Cookie Corner) ist daher von Mai bis Anfang Juli nicht nur in Kunsträumen, sondern auch in Schlafzimmern und auf öffentlichen Plätzen zu sehen.

In Berlin kann man die Ausstellung beispielsweise im Privathaus des Kurators Michel Otayek bestaunen – jedoch nur nach vorheriger Anmeldung. Wem das zu intim ist, die*der kann das Kunstwerk auch im KW Institute for Contemporary Art besuchen. Ausgestellt sind die Kunstwerke auch auf Instagram unter dem Hashtag #FelixGonzalezTorres.

Ein Kunstwerk mit Bauanleitung

Alle Aussteller*innen, egal ob Privatpersonen oder Museen, bekamen eine Installationsanleitung. So muss das Kunstwerk aus 240 bis 1.000 Glückskeksen bestehen. Betrachter*innen sollen sich Kekse mitnehmen dürfen. Am 14. Juni soll der Glückskeksberg wieder aufgefüllt werden.

Laut dem Kunstmuseum Liechtenstein soll die Installation bei Betrachter*innen Fragen aufwerfen: „Was bedeutet es, dass das Empfinden von Verbundenheit und Empathie oft an persönliche Betroffenheit und Erfahrung gekoppelt ist? Wie kann diese Ausstellung, indem sie verschiedenste Orte auf der Welt zu einem Schauplatz verbindet, dieses Empfinden verändern? Und wie kann sie uns helfen, darüber nachzudenken, wie wir auf Krisen – aktuelle oder auch vergangene – reagieren?“

Glückskekse mit Metaebene sozusagen. Felix Gonzalez-Torres erklärte einst selbst: „Ich wollte den Menschen etwas sehr Schönes geben, etwas, das es ihnen ermöglicht, in Gedanken zu reisen.“ Laut dem Monopol-Magazin sagte er in einem Interview, dass das Publikum von ihm als schwulen Künstler in den 90ern Blut und Aids und Leid sehen wollte. Die Candy Corners seien das Gegenprogramm dazu.

Laut der Kuratorin Andrea Rosen soll die dezentrale Ausstellung auch dazu einladen, darüber zu reflektieren, welche Rolle Kunst dabei spielen kann, Menschen zusammenzubringen. Verständlich. Wer mag schon keine Glückskekse. th