Dieses kleine Mode-Label aus Münster zeigt, wie Integration gelingen kann

Das Modelabel „Bayti hier“ kombiniert westliche Styles mit arabischen Schriftzügen und Mustern. Geflüchtete, die neu in Münster sind, sollen sich willkommen fühlen, wenn sie die Kleidung auf der Straße sehen. Ein Besuch

Es klingelt. Michael steht neben mir vom Sofa auf und öffnet Elham und Mohammad die Tür zum bayti-hier-Quartier. „Marhaba“, begrüßt er die beiden. „Guten Tag“, antwortet Elham strahlend und reicht ihm die Hand. Elham und Mohammad verschwinden im Nebenraum, kurz darauf hören wir Nähmaschinen rattern.

„Am Anfang war ich unsicher, ob ich Elham als syrische Frau mit Händeschütteln begrüßen konnte“, sagt Michael. „Ich weiß noch, wie nervös ich bei der ersten Begegnung war. Ich wollte nichts falsch machen – bis sie dann die Hand ausgestreckt hat.“

Vor einem Jahr hat er das syrische Paar in einem Welcome-Café in Münster kennengelernt. An den Zeitpunkt erinnert sich Michael noch genau. Kurz nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern war das. Als die AfD dort im September 2016 zweitstärkste Kraft wurde, wandelte sich für Michael der sogenannte Fremdenhass vom Phänomen zur Realität. Er beschloss, etwas zu tun. Er überlegte, wie er helfen könnte. Als BWL-Student wusste er theoretisch, wie ein Unternehmen funktioniert. Seine Cousine Pia kannte sich mit Schnitten und Stoffen aus. Sie hatte in ihrer Freizeit schon Kleider genäht. Zusammen gründeten sie bayti hier.

„Ohne Elham und Mohammad geht es gar nicht“

Bayti hier, das bedeutet übersetzt „Mein Zuhause hier“. Das Label verkauft westliche Mode wie Sweatshirts, Seesäcke und Caps, bestickt mit arabischen Mustern und Schriftzeichen. Das Projekt bietet Michael zum einen die Möglichkeit, Erfahrungen als Unternehmer zu sammeln. Gleichzeitig bekommen Elham und Mohammad die Möglichkeit, im Team schneller Deutsch zu lernen.

„Wir lachen ständig“, sagt Michael, „manchmal ist Lachen das einzige Möglichkeit, wie wir kommunizieren.“ Ansonsten helfen Hände, Füße und natürlich Google Übersetzer bei Verständigungsproblemen. Auch ich bemerke bei meinem Besuch, dass meine Gestikulation einem Mix aus Gebärdendolmetscherin und Orchesterdirigentin ähnelt, wenn ich mich mit den beiden unterhalte. Zusammen mit acht Ehrenamtlichen gehören Elham und Mohammad zum bayti-hier-Team. Sie arbeiten auf 450-Euro-Basis. Es läuft so gut, dass die Jobs der beiden durch den Verdienst gesichert werden können.

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Mohammad ist 31, Elham 29. Die beiden haben in Damaskus als Schneider*innen in einem Unterwäschegeschäft gearbeitet, bis sie im Sommer 2015 aus Syrien fliehen mussten. Erst in den Libanon, dann über die Westbalkanroute nach Deutschland; genauer gesagt ins westfälische Münster. Hier gehen sie zur Schule und fahren nach dem Unterricht häufig mit dem Bus zum Nähen ins bayti-hier-Quartier. Ob sie dort in ihrer Schicht zwei Hoodies oder drei Shirts produzieren, hängt ganz von den Bestellungen ab. Auf einem Poster können die beiden sehen, welche Kleidungsstücke sie nähen sollen.

Das Quartier ist für eine Start-up-Garage ziemlich komfortabel eingerichtet, denke ich, als Michael mich durch die Räume führt. Als würde man ein Hostel-Zimmer betreten, das wider Erwarten mit Fußbodenheizung, Whirlpool und Kingsize-Bett ausgestattet ist: ein Büro, ein Zimmer zum Nähen, ein Lagerraum, ein großes Zimmer mit Ecksofa, eine moderne Küche und zwei Bäder. Nur die Inneneinrichtung – ein Basketballkorb über der Eingangstür, Polaroids über dem Sofa, die ruhigen Klänge der Brain-Food-Spotify-Playlist im Hintergrund und die obligatorische Mate auf dem Tisch – lässt erahnen, dass hier kreativ gearbeitet wird. Die Location hat der Vater eines Teammitglieds kostenlos zur Verfügung gestellt.

Auf den Polaroids sind Elham und Mohammad zu sehen. © Melina Hemmer

„Ohne Elham und Mohammad geht es gar nicht. Wir können nicht mal einen orientalischen Schriftzug von einem nordafrikanischen unterscheiden“, lacht Michael. Anfangs hatte er sich mit seinem Team einen Schriftzug ausgedacht. Schnell warnten Elham und Mohammad ihn, dass derartige Schriftzüge häufig vom sogenannten IS missbraucht würden. Die ersten orientalischen Stoffe wollte Michael auf einen Stoffmarkt im Pariser Künstlerviertel Monmatre aussuchen, zusammen mit Elham und Mohammad. „Da wurde uns plötzlich klar: Hey warte mal, das geht überhaupt nicht“, erinnert er sich.

Schließlich hatten die beiden zu dem Zeitpunkt noch keine Aufenthaltsgenehmigung und durften deshalb das Land nicht verlassen. „Mal eben zu verreisen, ist für uns so selbstverständlich“, sagt Michael in nachdenklichem Ton. Momente wie dieser sind es, die ihm klarmachen, dass er durch bayti hier nun vieles bewusster wahrnimmt.

Mode verbindet

„Gemeinsam vereint“, bedeutet der hocharabische Schriftzug, der im Nacken der Pullover und Shirts eingenäht ist. Das Motto scheint zu funktionieren: Ein Kunde hat Michael berichtet, dass sein arabischer Frisör, zu dem er vorher keinen besonderen Kontakt hatte, ihn bei seinem letzten Besuch auf die Schrift angesprochen habe. Er habe sich darüber gefreut, fast bedankt. „Daran sehen wir, dass es funktioniert. Wir wollen nicht Mode machen, wir wollen Begegnungen schaffen“, so Michael. 
Meine Frage, ob es auch Kritik oder Widerstände gegen das Projekt gegeben habe, verneint er. Bisher habe er nur positives Feedback zu dem Projekt bekommen.

Der Schriftzug im Nacken bedeutet übersetzt „gemeinsam vereint“. © Melina Hemmer

Stolz schwingt in Elhams Stimme mit, als sie erklärt: „Egal ob auf Deutsch oder Arabisch, unsere Freunde sagen, dass was wir machen, ist sehr schön.“ Sie lacht: „Aber die Sachen sind ein bisschen teuer, das liegt daran, dass der Stoff teuer ist,“ sagt sie und reibt Daumen, Zeige- und Mittelfinger symbolisch aneinander.

Die Zielgruppe von bayti hier sind deutsche Studierende. Da diese den Grundgedanken hinter der Kleidung zwar feiern, aber die Marke natürlich nicht mit H&M-Preisen konkurrieren kann, sind es gerade vor Weihnachten häufig Mütter, die die Kleidung als Geschenke bestellen. Bisher werden die Produkte vor allem online, manchmal auch auf Veranstaltungen und Messen verkauft. „Früher habe ich die Welt als BWLer ausgerechnet und dachte, Wohlstand basiert darauf, dass es uns gut geht. Jetzt glaube ich, dass Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit, zum Beispiel faire Lieferketten, miteinander vereinbar sind und Deutschland dadurch nicht zugrunde geht“, sagt Michael.

Als Michael mir von den weiteren Pläne mit dem Label erzählt, ist er kaum zu bremsen. Die Ideen sprudeln aus ihm heraus wie aus einer Colaflasche, die nach einer etwas zu rasanten Fahrradfahrt über Münsteraner Kopfsteinpflaster geöffnet wird: Als nächstes plant er eine Kollektion, die sich an Geflüchtete aus Afrika richtet, mit afrikanischen Stoffen und Schriftzeichen und in Zusammenarbeit mit Geflüchteten aus Ländern wie Eritrea oder Nigeria. Auf der gemusterten Tischdecke vor Michael liegen außerdem erste Entwürfe für eine Schmuckkollektion. Parallel dazu soll in Zusammenarbeit mit einer Designerin Kleidung entstehen, die sich speziell an Geflüchtete wendet: Lange Röcke und ein Kopftuch für muslimische Frauen sind in Planung. Momentan hat Michael ein Urlaubssemester eingelegt, um sich ganz auf bayti hier zu fokussieren.

„Wenn wir etwas auf Arabisch sagen, machen wir uns auch verletzlich.”

Elham und Mohammad haben eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Elhams Wunsch für die Zukunft: „Immer zu arbeiten – ohne die Hilfe des Jobcenters. Alleine zu arbeiten ist schön. Ich mache es gerne“, strahlt sie. Mohammad lächelt und nickt bestätigend. Arbeiten heißt aber nicht, dass die beiden die nächsten drei Jahre Schneider*innen bleiben. Acht Jahre haben sie in Syrien genäht, über ein Jahr nun in Münster, langsam reiche es mit dem Schneidern, sagt Elham und zuckt grinsend mit den Schultern.

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Das ganze Gespräch über gibt es nicht eine Sekunde, in der sie nicht lächelt. Es fasziniert mich, dass sie eine unglaubliche Dankbarkeit ausstrahlt und zugleich selbstbewusst in die Zukunft blickt. „Elham träumt davon, Erzieherin zu werden, Mohammad will in die Landwirtschaft. Seine Familie besitzt in Syrien sehr viel Land und baut Gurken, Tomaten und alles Mögliche an. Er hat uns erzählt, wie er mit dem Traktor über die Felder fährt“, berichtet Michael. Obwohl Elham und Mohammad sich teilweise schon auf Deutsch verständigen können, hilft er ihnen, wenn es etwas komplizierter wird.

Als die beiden gehen, verabschiedet Michael sie mit schufcon baden – auf Wiedersehen. 
„Integration ist für mich ein gegenseitiges Aufeinanderzugehen. Wenn ich in Spanien bin und gebrochen Spanisch spreche, dann ist mir das unangenehm. So muss es den Geflüchteten auch gehen“, meint er. „Wenn wir etwas auf Arabisch sagen, machen wir uns auch verletzlich. Unsere Aussprache ist kacke und klingt für sie wahrscheinlich lustig. Sie haben dann weniger Hemmungen, Deutsch zu sprechen. Man begegnet sich auf Augenhöhe.“

Michael hat recht. Ob durch Kleidung oder arabische Wörter – bayti hier zeigt, dass dieses abstrakte auf Geflüchtete zugehen gar nicht so schwer sein muss. Zumindest der erste Schritt kann leichter sein als gedacht. Das breiteste Lächeln schenkt Elham mir, als ich mich mit shukran für meinen Besuch bedanke.