Dieses Startup erklärt dir, wie Sextoys, Yoni-Massagen und Orgasmen funktionieren

Mit Video-Tutorials wollen zwei Gründer*innen ihr Publikum aufklären, damit das Sexleben spannend bleibt. Ein Interview

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Wie gelingt ein glückliches Sexleben? Ein Startup liefert Tutorials in Videoform. Foto: Pexels / cottonbro

Egal wie sehr man sich als Paar vornimmt, die Honeymoonphase im Schlafzimmer in die Länge zu ziehen, irgendwann reicht die Zwölfer-Packung-Kondome doch für das ganze Jahr. Für alle, die die Flaute überwinden oder neue sexuelle Erfahrungen machen möchten, haben Mariah Freya und Philipp Steinweber ihr Startup Beducated gegründet. Sie bieten Onlinekurse zu verschiedenen Sexualpraktiken an, ohne dass man dafür in den dunklen Ecken des Internets recherchieren muss.

Im Interview sprechen die Gründer*innen darüber, wieso Pornos keine gute Inspiration für das eigene Sexleben sind, Sex sich gar nicht so gut verkaufen lässt und die männliche Masturbation eine Revolution benötigt.

Wie würdet ihr euer Geschäftsmodell in einem Elevator-Pitch beschreiben?

Philipp Steinweber: Wir sind das Netflix für Sexual Education. Thematisch bieten wir alles zwischen sinnlicher Massage und Fesselspielen an.

Mariah Freya: Das Coole dabei ist, dass die Leute dafür nicht einen Tantra-Workshop auf Bali oder einen BDSM-Club in Berlin besuchen müssen, um sich neues Sexualwissen anzueignen. Wir bieten die Tools dafür online an, sodass man diese direkt im eigenen Schlafzimmer streamen und ohne Eingangsbarriere experimentieren kann.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Mariah: Wir sind nicht nur Partner*innen im Business, sondern auch in der Liebe. Nach ein paar Jahren ist in unserer Beziehung das passiert, was den meisten Paaren passiert: Es ist ein bisschen langweiliger im Schlafzimmer geworden. In den letzten Jahren haben wir sehr viel ausprobiert und haben überraschend festgestellt, dass wahnsinnig viel Wissen über Sex existiert – es aber nur sehr schwer zugänglich ist. Dadurch kamen wir auf die Idee, dass man das super in die Online-Welt tragen kann.

Wie ist die Arbeitsteilung zwischen euch?

Mariah: Philipp ist eher der rationalere Teil des Unternehmens. Er ist der Marketer und ich gebe als Sexcoachin die Impulse für die Inhalte und kümmere mich darum, dass sie gut funktionieren und transformativ für unsere Kundschaft sind.

Beschreibt mal: Wie sieht ein Video von euch aus?

Philipp: Zunächst: Ein Kurs hat mehrere Module und die Module haben unter anderem Videos. Es gibt aber auch Übungen, die man machen kann und Audioformate. Die Videos sind ein Hybrid aus Animation und Voice-over, Expertengesprächen und Paaren und Individuen, die die Sexualpraktik vormachen. In den real gefilmten Szenen gibt es viel nackte Haut und wir zeigen die Sachen so, wie sie den größten Lerneffekt haben. Im Kurs zum weiblichen Orgasmus sieht man zum Beispiel, wie sich eine Frau vor der Kamera den G-Punkt stimuliert. Unser Angebot richtet sich ja an Erwachsene, da müssen wir nicht um den heißen Brei herumreden.

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Im Internet gibt es viele Videos zu sexuellen Praktiken. Was macht euch so besonders?

Mariah: Es ist uns sehr wichtig, dass wir inklusiv sind und unsere Skripte und Lehren so genderneutral wie möglich gestalten. Am Set ist auch immer ein*e Sexcoach*in dabei, der oder die sich darum kümmert, dass die Models sich wohlfühlen. Wir gehen weg von geschauspielter Pornographie hin zu Aufnahmen, die authentische Reaktionen am Set einfangen. Wir faken nichts, nur weil wir etwas unbedingt auf der Kamera wollen. Es geht auch nicht darum, dass man zu unseren Materialien masturbieren soll. Klar, das könnte man natürlich machen, aber bei uns ist der Bildungsauftrag klar im Vordergrund.

Philipp: Die frei verfügbare Pornographie ist außerdem nicht ideal, um sich Sachen abzuschauen. Das ist genau das Problem. Viele nehmen daraus ihre Inspiration, wie ein Sexualakt aussehen soll. Die sind aber immer gescripted und werden von Schauspieler*innen gedreht.

Wie sucht ihr die Themen für eure Videos aus?

Mariah: Wir fragen unsere Userschaft, was sie wollen und führen aktiv Umfragen durch, schauen nach den aktuellen Trends und gehen danach, was wir im Gesamtportfolio haben wollen.

Wenn ihr ein Video konzipiert, auf welchen Grundlagen basiert das?

Philipp: Wir erfinden die Sachen nicht from Scratch. Wir kuratieren Inhalte aus verschiedenen Bereichen wie Sexologie, Sexualtherapie, Yoga und Personal Training, die einen Hands-on-Effekt haben und auch tatsächlich trainierbar sind. Wir machen nicht die wissenschaftliche Vorarbeit. Das machen andere. Die Kapazitäten hätten wir auch gar nicht.

Mariah: Wir arbeiten außerdem mit Expert*innen zusammen. Beispielsweise haben wir eine Urologin an Board, die uns regelmäßig in allen medizinischen Dingen unterstützt. Wir kollaborieren aber auch mit Sexpert*innen und Therapeut*innen. Aber wir sind keine Therapieplattform. Da schicken wir auch regelmäßig Leute weiter. Langfristig, wenn wir ganz groß werden sollten, stellen wir uns aber schon vor, mehr Pionierarbeit für die Wissenschaft leisten zu können.

Was sind denn derzeit die Sextrends?

Mariah: Ich glaube, dass das Thema Sexual Wellness mehr und mehr kommt. Sprich, wie ist das Wohlempfinden für mich als Frau in Bezug auf meine Menstruation und im Bereich der Lustempfindung? Welche neue Art und Weisen gibt es, sie zu generieren und entdecken?

Philipp: Die männliche Sexualität wird auf ähnliche Art und Weise revolutioniert wie die weibliche. Wenn Frauen masturbieren, dann ist es Selfcare. Bei Männern heißt es, sie würden sich nur eines Drucks entledigen. Ich glaube, dass viele Produkte auf den Markt kommen werden, die männliche Masturbation enttabuisieren. Die meisten Sextoys für Männer sehen wie eine billige Gummimuschis aus, während viele Toys für Frauen richtige Consumer Electronics sind. Da gibt es sehr viel Potential.

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Wieso seid ihr nicht zuerst in Deutschland gestartet, sondern im englischsprachigen Markt, sprich USA und GB?

Mariah: Als ich damals mit meinem Sexcoach-Training angefangen habe, waren wir digitale Nomad*innen. Wir haben in Thailand gelebt und von unserem Dschungelhüttchen aus mit gutem Internet gearbeitet. Damals wussten wir noch nicht, dass wir nach Deutschland zurückkehren werden. Deswegen haben wir uns zuerst im englischsprachigen Markt positioniert. Außerdem ist in Amerika das Online-Learning schon seit vielen Jahren Normalität. In Deutschland hinken wir da noch hinterher.

Philipp: Wir sind mit unserem Produkt noch am Anfang. Wir müssen erst mal schauen, wie groß der Markt ist und ob die Hypothese stimmt, dass für ein solches digitales Bildungsprodukt Geld ausgeben wird. Dafür wäre der deutsche Markt für uns zu klein und uninteressant. Wir wollen das auf globalem Scale testen. Und wir wollen die Welt verändern. Das macht man ja jetzt nicht auf Deutsch. Außerdem stellen wir fest, dass unsere Zielgruppe, die wir als sexuell aktive Millennials beschreiben, wenig Berührungsängste mit dem Englischen haben. Deswegen ist auch die deutschen Kundschaft auf Platz vier aller Nationen.

Wer ist auf den ersten drei Plätzen?

Philipp: USA, Australien und UK.

Und dann kommt auch schon Deutschland? Cool. Dann sind wir ja doch nicht so prüde.

Philipp: Nein, überhaupt nicht. Deutschland, beziehungsweise der DACH-Raum [Anm. d. Redaktion: Deutschland, Österreich, Schweiz], ist einer der größten Märkte und Innovatoren im Bereich Sex-Tech. Auf das, was Amorelie und die WOW-Tech-Group machen, schaut die ganze Welt und versucht, diese Modelle zu kopieren und adaptieren. Berlin ist in Sachen Sex-Tech einer der größten Hotspots weltweit.

Was ist der skurrilste Sexmythos, dem ihr auf eurer Gründungsreise begegnet seid?

Philipp: Dass der weibliche Orgasmus das Mysteriöseste der Welt ist und bei Männern hingegen eine ganz simple Sache. Während unserer Gründungsphase habe ich gelernt, dass die sich gegenseitig nicht so viel nehmen. Beide Arten der Lustempfindung, egal mit welchem Genital man ausgestattet ist, können sehr divers sein. Männer haben sich nur antrainiert, primär nur eine Art von Stimulation zu erfahren.

Mariah: Ich habe jetzt keinen weirden Fakt. Mich freut aber, dass wir tatsächlich sehr wenige Dick-Pics in unserer Inbox haben. Es ist erstaunlich, wie ernst die Leute uns nehmen, anstatt uns vollzuspamen.

Wieso lässt sich Sex so gut verkaufen?

Philipp: So gut lässt sich Sex gar nicht verkaufen. Es ist ein guter Gesprächsstarter, aber das Gewinnen von Kund*innen ist eine der größten Herausforderungen im Sex-Tech-Business. Wir können nicht aus dem gleichen Marketingportfolio schöpfen wie andere Branchen. Die Werbemethoden sind sehr eingeschränkt. Wir können mit noch so viel Bildungsauftrag argumentieren, wir fallen immer in die Schublade der sexuellen Inhalte und werden genauso behandelt wie Pornographie.

Mariah: Man könnte ja auch meinen, dass wir auf Pornhub Werbung schalten könnten, weil da jede Menge Traffic ist, aber da sind die Leute ja nicht, um sexpositive Videos zu konsumieren, sondern um einfach zu masturbieren. Das ist ja auch fair enough. Wir müssen auch innerhalb des Unternehmens viele Guidelines haben, wie wir unsere Inhalte kreieren, damit wir marketingtechnisch liefern können. Ein nackter Oberschenkel kann auf Social Media manchmal schon zu viel sein.

Ihr habt trotzdem viele Investor*innen an Land gezogen. Warum ist euer Business so lukrativ für sie, auch wenn es schwer zu vermarkten ist?

Philipp: Es ist von unseren Investor*innen komplett verstanden worden, dass Beducated auf dem Markt bisher gefehlt hat. Es gibt sehr erfolgreiche Onlinegyms, Meditations-Apps und Yogakanäle. Wir reihen uns in die Art Personal Growth Expierence ein, aber im Bereich der Sexualität.

Mariah: Wir haben uns in Sachen Sexual Wellness zum richtigen Zeitpunkt positioniert und sehen da einen wahnsinnig großen Markt. Wir haben auch bewiesen, dass Menschen dafür Geld ausgeben. Wir haben in den letzten zwei Jahren mehr als 10.000 Kund*innen gewonnen und mit dem Investorengeld schauen wir, wie wir das Business so skalieren können, dass wir weiter wachsen.

Können wir von unserem Sexleben auch etwas für unser Arbeitsleben lernen oder sogar umgekehrt?

Philipp: Eine praktische Sache, wie man während der Arbeitszeit sein Sexleben trainieren kann, ist, seinen Beckenboden anzuspannen und zu entspannen. Das wirkt sich im Schlafzimmer sehr positiv aus. Eine mehr philosophische Sache ist, dass diese abgedroschene Phrase „Der Weg ist das Ziel“ meiner Meinung nach sowohl im Sex als auch in der Arbeit ein guter Ansatz ist. Wir hätten ein viel besseres Sexleben, wenn wir uns mehr auf den Weg einlassen würden als auf das Ziel, nämlich den Orgasmus. Es ist doch schöner, wenn ich etwas über Minuten nachempfinden kann, als der eigentliche Peak, der nur ein paar Sekunden dauert. Das ist für mich voll das coole Learning im Sex und das ist etwas, was man auf das Berufsleben genauso anwenden kann. Wenn man nur der Projektfinalisierung entgegenfiebert und an den anderen Tagen bis zur Deadline keinen Spaß hat, dann hat man ein Problem.

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Habt ihr die Serie Sex Education gesehen und wie findet ihr sie?

Mariah: Wir sind Fans. Die Dinge sind so schön im Detail und exemplarisch dargestellt. Das erleichtert es total, etwas aus der Serie mitzunehmen. Ich habe mir beim Schauen auch die Frage gestellt, was wir noch von ihr lernen können, weil sie die unterschiedlichsten sexuellen Erfahrungen in die Mitte der Gesellschaft bringt. Jeder von uns hat mehr oder weniger seine Fails und Herausforderungen in der Teenagerphase erlebt und das zieht sich natürlich bis ins Erwachsenenleben.

Philipp: In einer Episode googelt Otis nach der Fingertechnik zum weiblichen Orgasmus. Die Szene mussten wir dreimal anschauen, weil wir kurz dachten, die hätten ein Bild von uns verwendet. Wir haben dann aber schnell gemerkt, dass nur der Stil sehr ähnlich ist und sie es selbst entworfen haben. Im Endeffekt hat man in der Serie auch gelernt, dass die Fingertechniken nicht so gut waren, die er angewendet hat, weil die zu kompliziert waren. Deswegen war das dann doch gut, dass das Bildmaterial nicht von uns war.


Dieser Artikel von Nicole Plich ist zuerst auf Business Punk erschienen.

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Außerdem auf ze.tt: So sehen Frauen vor, während und nach ihrem Orgasmus aus