Dieses Theaterprojekt soll Kinder vor sexualisierter Gewalt schützen

Wie können Kinder auf gefährliche Situationen vorbereitet werden? Ein Theaterprojekt der Berliner Polizei geht das Thema spielerisch an.

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Die Kinder sollen lernen, sich zu trauen, mit ihren Eltern zu sprechen, wenn sie etwas Merkwürdiges erlebt haben. Foto: Monica Silvestre / Pexels | CC0

Ein etwa 50-jähriger Mann hält eine Leine in der Hand und ist scheinbar auf der Suche nach seinem Hund. Dabei spricht er ausgerechnet ein junges Mädchen an und bittet sie um Hilfe. Diese Szene mag im ersten Augenblick harmlos wirken, doch kann sie auch Gefahr bergen. Diese Szene kann sich in der Realität abspielen – oder aber auf der Bühne des Berliner Jugendzentrums Metronom. Der Unterschied: Bei Letzterem sitzen vor der Bühne gut gefüllte Reihen voller Kinder der ersten bis dritten Klasse, die von ihren Stühlen aufspringen und laut aufschreien, um die junge Darstellerin zu warnen.

An der Havelmüller-Grundschule in Berlin-Reinickendorf wird in Kooperation mit dem angrenzenden Jugendzentrum seit über zehn Jahren ein einzigartiges Projekt zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige umgesetzt: (K)ein Kinderspiel ist ein Theaterprojekt der Polizei mit und für Kinder. Es soll sie spielerisch schulen, gefährliche Situationen zu erkennen und entsprechend zu handeln – sowohl als Zuschauer*innen als auch als Schauspieler*innen. Die Direktorin der Havelmüller-Grundschule Gaby Plachy wurde vor 15 Jahren von dem Berliner Polizisten Dirk Lochau auf das Projekt angesprochen. Zu diesem Zeitpunkt gab es das Theaterstück schon in anderen Teilen Berlins. „Ich habe mir im Prenzlauer Berg das erste Stück angeguckt und war begeistert“.

Känguru Huggy soll den Kindern die Angst nehmen

Wesentlicher Bestandteil des Theaterstücks ist Huggy – ein menschengroßes Känguru. In dem Kostüm steckt ein Beamter. Huggy ist ein absoluter Sympathieträger für die jungen Zuschauer*innen. Während die Geschichte eines Geschwisterpaares, die auf verschiedene Fremde treffen, erzählt wird, lockert Huggy die Situation immer wieder auf. Huggy ist der rote Faden und erklärt zum Beispiel, dass man dem Mann mit der Hundeleine aus dem anfangs genannten Beispiel lieber einmal zu viel als zu wenig mit Vorsicht begegnet. Wenn die Kinder sich unwohl fühlen, sollen sie mit großem Lärm wegrennen, so schnell es geht. Die Kinder sollen außerdem lernen, sich zu trauen, mit ihren Eltern zu sprechen, wenn sie etwas Merkwürdiges erlebt haben.

Durch Huggy sollen sich die Zuschauer*innen leichter an die Botschaft des Stücks erinnern, es spannender finden und gegebenenfalls auch weniger Angst haben, es sich anzuschauen. Rocco Röske steckt regelmäßig im Huggy-Kostüm. Als er sich für die Polizei ausbilden ließ, hat er mit einer solchen Aufgabe nicht gerechnet: „Theatereinsatz als Polizist ist ungewöhnlich, aber wichtig. So können wir mit Kindern über ein wichtiges Thema sprechen, ohne dass sie es komisch finden“. Besonders findet er, dass sie mit dem Theaterprojekt „eine Sprache gefunden haben, die international funktioniert“. Denn das Stück soll sich für alle Kinder eignen – egal ob in Deutschland geboren, nach Deutschland immigriert oder geflüchtet. Das gehört auch zum Ansatz der inklusiv arbeitenden Havelmüller-Grundschule.

Die Kinder können ihr Selbstbewusstsein stärken

Seit 12 Jahren arbeitet jedes Jahr eine andere Gruppe theaterbegeisterter Schüler*innen aus der vierten bis sechsten Klasse der Havelmüller-Grundschule an (K)ein Kinderspiel. Gaby Plachy erklärt, dass die Kinder das Projekt unter vielen anderen angeboten bekämen. Es stehen also nur Kinder auf der Bühne, die auch Theater spielen möchten. Wenn sie sich dafür entscheiden, ist es jedoch für ein komplettes Schuljahr Teil des festen Stundenplans und die Teilnahme wird verbindlich. “Den Eltern wird vorher ein Informationsabend durch das LKA angeboten”, sagt die Schuldirektorin. Ein wertvoller Nebeneffekt ist, dass die Kinder beim Theater auch Mimik und Gestik, sprachliche Fähigkeiten und ihr Selbstbewusstsein weiterentwickeln. Der hauptverantwortliche Polizist Dirk Lochau freut sich, diese Schritte beobachten zu können: „Wir haben hier schon Kinder gehabt, die am Anfang kaum einen Satz rausgebracht haben und nach einem Dreivierteljahr die Hauptrolle spielen wollten“.

Die jungen Darsteller*innen müssen Ausdauer und Disziplin mitbringen für das zwölf Monate andauernde Projekt. Sie setzen sich gemeinsam mit Beamt*innen sowie den Lehrer*innen mit dem Thema auseinander, erarbeiten das Stück, proben und führen es dann mehrfach im angrenzenden Jugendzentrum auf. (K)ein Kinderspiel bedeutet, dass Kinder spielerisch in Form eines Theaterstücks lernen, gefährliche Situationen zu erkennen und Nein zu sagen. Besonders ist der Ansatz, mit den Kindern selbst über ihre Sicherheit zu sprechen – und nicht nur mit deren Eltern.