Digitalisierung an Schulen: WLAN gibt’s nur im Lehrerzimmer

Schüler Anton fordert endlich die Einführung von Wifi in deutschen Klassenzimmern und wünscht sich ein Fach, in dem der richtige Umgang mit digitalen Medien gelehrt wird.

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„Im schlimmsten Fall ziehen wir eine ganze Generationen unglücklicher und psychisch gestörter Menschen heran." Quelle: Pexels | CC0

Anton Eickel ist 17 Jahre alt und geht im Sauerland zur Schule. Für ze.tt schreibt er zweimal im Monat unter „Schülerreporter“ was ihn in seinem Schulalltag bewegt.

Intellektuelle, von Wirtschaftsforscher*innen bis hin zu Philosoph*innen, prophezeien eine durch die Digitalisierung verursachte radikale Umwälzung nicht nur des Arbeitsmarktes, sondern der ganzen Gesellschaft. Deutsche Bildungseinrichtungen scheint das bislang nicht zu jucken.

Eine der wohl bekanntesten Untersuchungen, die sich dieser digitalen Revolution widmet, ist die Oxford-Studie The Future of Employment: How susceptible are Jobs to Computerisation? Diese Studie geht davon aus, dass bis 2030 etwa 47 Prozent der Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegfallen. Stelle ich mir nun die Frage, wer maßgeblich von dieser vierten industriellen Revolution betroffen sein wird, fällt die Antwort vor allem auf meine Generation. Wir, die im Unwissen über diese epochale Veränderung noch ganz gechillt die Schulbank drücken, werden sobald wir aus der Schule rauskommen und vor der Berufswahl stehen, stetig mit der Digitalisierung konfrontiert werden.

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Doch anstatt, dass meine Generation in den Schulen dieser Republik zukunftsorientiert und pädagogisch darauf vorbereitet wird, sitzen wir immer noch wie im 19. Jahrhundert vor quietschenden Tafeln und lediglich die mathematisch begabte Elite der Schule lernt zu programmieren.

Wie haben meine Eltern nur ihr Abi gemacht?

Um ehrlich zu sein, kann ich mir nicht vorstellen, wie meine Eltern ohne digitale Medien ihr Abitur absolviert haben. Denn wollen wir heutzutage für Klausuren lernen oder die Genregulation bei Eukaryoten verständlicher erklärt bekommen, müssen wir nur ein paar Buchstaben in die Suchleiste eingeben und mit einem Klick steht uns die ganze Welt zum Lernen offen.

So büffeln wir entweder von ganz altmodisch mit Wikipedia bis hin zu den Lernvideos von The Simple Club oder explainity und lernen auf diese Weise nebenbei mit der Digitalisierung umzugehen. Glauben wir zumindest, weil wir die wahren Ausmaße dieses Prozesses gar nicht kennen.

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An unserer Schule, einer katholischen Privatschule des Erzbistums Paderborn, welches ein Gesamtvermögen von etwa 4,28 Milliarden Euro besitzt (also das Geld kann nicht das Problem sein), haben wir zwar bald in fast allen Räumen einen Beamer und ganze zwei interaktive Whiteboards, doch beides wird aufgrund der technischen Unfähigkeit der meisten Lehrer*innen kaum genutzt. So sieht man viele Lehrende noch mit den alten, flackernden Röhrenfernsehern aus dem letzten Jahrhundert vor sich herschiebend durch die Flure ziehen und das ein oder andere ganz alte Semester hantiert sogar noch mit VHS-Kassetten.

Viele Lehrende schieben noch die alten Röhrenfernseher durch die Flure.“

Des Weiteren gehören wir zu der Mehrheit der Schulen, an denen Handys noch verboten sind. Lediglich die Schüler*innen der Oberstufe dürfen ihre Handys nutzen, aber auch nur in den Freistunden. Dies wird von der Schule übrigens als ein großzügiges Entgegenkommen gesehen – im Jahr 2005 wäre es das auch gewesen. Wessen Handy dann mal vom Lehrenden abgezogen wird, was in den meisten Klassenräumen mehrmals täglich geschieht, darf sich wenigstens daran erfreuen, den*die Lehrer*in beim Kollegium-internen Wettbewerb „Wer kassiert die meisten Handys ein?“ unterstützen zu können. Klar ist natürlich auch: Wo es keine Handys geben darf, wird auch kein WLAN benötigt.

Wir brauchen Digitale Aufklärung statt Exponentialfunktion

In deutschen Schulen wird unglaubliches Potenzial für die Zukunft durch das Beharren auf Exponentialfunktion und Mendelsche Regeln verschwendet. Auf die Frage, wie unsere Generation auf die Digitalisierung in den Bildungseinrichtungen vorbereitet werden könnte, gibt es zahlreiche Vorschläge: Tablets statt zehn Kilo schwerer Bücher oder Programmieren als verpflichtendes Schulfach für alle. Zwar alles tolle Ideen, doch in dieser ganzen politischen Diskussion fehlt die in meinen Augen wichtigste Komponente, die uns in der Schule angesichts einer immer digitaler werdenden Welt beigebracht werden sollte: der verantwortungsvolle Umgang mit digitalen Medien.

Wenn doch unser Leben mehr und mehr ins Digitale abdriftet, sollten wir meiner Meinung nach über die Chancen und ganz besonders die Risiken digitaler Medien aufgeklärt werden. Wie kann ich lernen, nicht auf Fake-News reinzufallen? Was passiert mit meinen Fotos und meinen Daten? Gibt es im Internet überhaupt so etwas wie Privatsphäre und wie werde ich dort unbewusst von Werbung beeinflusst? Und das mit Abstand wichtigste, was uns die Lehrer*innen lehren sollten: Wie kann ich auch mal „abschalten“ von all dem virtuellen Lärm und somit verhindern, meine Lebenszeit und mein Lebensglück auf Facebook, Instagram und Co. davonlaufen zu sehen? Ich wünsche mir eine Unterrichtseinheit oder ein ganzes Fach „Umgang mit digitalen Medien.“

Im schlimmsten Fall ziehen wir eine ganze Generationen unglücklicher und psychisch gestörter Menschen heran.“

Ich bezweifle bei der jetzigen Digitalisierungspolitik der Regierung und bei dem, was bis jetzt in Richtung Digitalisierung passiert ist, dass all diese notwendigen Vorschläge, Gedanken und Ideen noch rechtzeitig in die Realität umgesetzt werden, bevor ich Abitur mache. Und so werden wir in punkto Industrie 4.0 und Digitalisierung nicht nur mit anderen Ländern nicht mehr mithalten können, sondern im schlimmsten Fall ganze Generationen unglücklicher und psychisch gestörter Menschen heranziehen, weil ihnen nie jemand beigebracht hat, in der digitalen Welt zurechtzukommen.