Digitalisierung: So funktioniert Englischunterricht mit iPads

In einer Waldschule in Niedersachsen arbeiten alle Klassen mit iPads. Der Unterricht hat sich dadurch für Schüler*innen und Lehrerende stark verändert. Ein Unterrichtsbesuch

Schreiben war gestern. Schülerinnen in Frankreich mit Tablets. Foto: © LEX VAN LIESHOUT/AFP/Getty Images

Finia Hölker aus der 8c verbindet mit ein paar Klicks ihr iPad mit dem Beamer. Sie hat ein kurzes Video über die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Rosa Parks erstellt und zeigt es nun ihren Mitschüler*innen. Ihr Bildschirm wird auf einer weißen Wand rechts neben der Tafel angezeigt. Auf den Tischen liegen nur vereinzelt Stifte, ein paar Blöcke auf der Fensterbank, in den Händen halten die Schüler*innen die iPads. Sie wischen, ziehen Bilder hin und her und fügen englische Sätze hinzu.

Aktuell arbeitet die 8c der Waldschule Hatten auf dem Land zwischen Bremen und Oldenburg im Englischunterricht an einem Geschichtsprojekt. Fünf Schulstunden nutzen sie, um kurze Videos zu erstellen. Das Thema: die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre in den USA. Zur Wahl stehen Martin Luther King, Rosa Parks oder Malcom X. Gruppen aus zwei bis drei Schüler*innen erstellen jeweils ein kurzes Video über eine der Personen.

Finia tippt die Sätze für den Ton in ihrem Video direkt in ein Programm, das die Texte spricht. Wie die Software das genau macht, weiß sie nicht – irgendwie könne das Programm das halt. Zwischendurch präsentiert sie ihr Video vor der Klasse. Reihum duplizieren alle den Bildschirm ihres iPads auf den fest installierten Beamer im Klassenraum. Ihre Mitschüler*innen sagen, was schon gut ist und was noch verbessert werden kann.

Pilotschule in Niedersachsen

Seit mehr als 60 Jahren gehört die Waldschule zur Gemeinde Hatten in Niedersachsen. In dem niedrigen Backsteingebäude bereiten sich rund 800 Schüler*innen auf ihren Haupt- oder Realschulabschluss vor. Die Schule hat jedes Jahr viele Anmeldungen für die neuen fünften Klassen, denn bundesweit gilt sie als Pilotschule für digitalen Unterricht. Von ungefähr 40.000 Schulen in Deutschland wurden 41 von Bitcom als Smart School ausgezeichnet – die Waldschule ist eine davon. Die Schule ist Teil des Netzwerks Forum Bildung Digitalisierung, um digitales Lernen voranzubringen.

Es ist schon unruhiger geworden, aber der Unterricht macht auch mehr Spaß.

Schülerin Finia Hölker

Bis zur siebten Klasse wurden nur manchmal die iPads der Schule genutzt, jetzt haben alle in der 8c ein eigenes. Sie erstellen Videos, erarbeiten Sprachübungen, quizzen und rufen die Schulbücher darüber auf. „Das nervt“, sagt Finia Hölker, Schülerin der Klasse 8c, „die Bücher werden nie gut dargestellt. Man muss reinzoomen und rumscrollen, um alles lesen zu können.“

Die iPads gehören den Schüler*innen, ihre Eltern haben sie gekauft. Wer sich das nicht leisten kann, hat die Möglichkeit, sich ein Gerät gegen eine monatliche Gebühr von der Schule zu leihen. Zu Hause werden die Geräte privat genutzt, aber wenn sie sich in das Schulnetzwerk einwählen, gelten die Regeln der Schule. Sie können nicht alle Webseiten aufrufen und nicht einfach Programme herunterladen.

Ich könnte vielleicht wieder klassisch unterrichten, würde es aber nicht wollen.

Lehrerin Aljona Walter

Nur manchmal streikt die Technik, einige iPads wollen die Verbindung zum Beamer nicht wieder beenden. Ihre Englischlehrerin Aljona Walter geht dann kurz vorne an ihren Computer und trennt die Verbindung von dort. Alle iPads der Schüler*innen lassen sich über diesen Computer steuern. Walter sieht die Bildschirme, kann bestimmte Programme sperren oder das Gerät ausschalten. Das funktioniert über das schuleigene Netzwerk iserv, in dem alle Geräte registriert sind. Dieses Netzwerk ist Teil der Medienstrategie der Schule. Denn bei digitalem Unterricht wird der Datenschutz und der eventuelle Missbrauch der Geräte immer mitgedacht.

Auch für die Lehrenden eine neue Erfahrung

Natürlich nutzen die Schüler*innen die iPads trotzdem manchmal um sich abzulenken: Sie chatten und spielen Spiele. „Es ist schon unruhiger geworden, aber der Unterricht macht auch mehr Spaß“, sagt Finia Hölker. Während der Arbeitsphase an den Videos sind alle konzentriert bei der Sache. Wer schon fertig ist, hilft anderen. Sie sprechen über unterschiedliche Formulierungen und erklären sich gegenseitig, wie man eigene Bilder in das Programm laden kann. Diese Funktion kannte ihre Lehrerin auch noch nicht.

Wenn jemand nicht weiß, wie ein Satz auf Englisch übersetzt wird, tippt er die Wörter schnell in den Google Translator. Das klappt mit einzelnen Wörtern gut, ganze Sätze übersetzen die Schüler*innen nicht. Ihnen ist klar, dass der Translator das nicht gut kann, da kämen falsche Aussagen bei raus.

Bevor sie an der Waldschule gearbeitet hat, war Walter nicht bewusst, dass man Unterricht auch so gestalten kann. „Ich könnte vielleicht wieder klassisch unterrichten, würde es aber nicht wollen“, sagt sie. Für sie erleichtern die digitalen Möglichkeiten den Unterricht. Die Klasse sei motiviert bei der Arbeit, da es ihnen Spaß mache, mit den iPads zu arbeiten. Außerdem sei die Sicherung der Ergebnisse einfacher und dauerhaft verfügbar. Wenn jemand die Stunde verpasst hat, kann er*sie auf die Ergebnisse der anderen einfach zugreifen. Natürlich nur, wenn die erarbeiteten Produkte auch richtig abgespeichert werden. Das sei ein wichtiger Punkt in ihrem Unterricht: den Schüler*innen die Sicherung und Weitergabe ihrer Ergebnisse zu zeigen.

Bei der Produktion der Videos funktioniert das nicht immer, bei zwei Gruppen wurden ihre Fortschritte gelöscht. Als einer der Schüler*innen seinen Ärger darüber lautstark äußert, wird auch Walter lauter. Er solle sich beruhigen, sonst fliege er raus. „Erziehen müssen wir mehr als vorher“, sagt sie. Nur weil die Kinder mit digitalen Endgeräten umgehen könnten, heiße das nicht, dass sie keine Regeln bräuchten. Nicht zu fluchen, zuzuhören, andere ausreden zu lassen – den Umgang miteinander müssen die Schüler*innen lernen. Egal ob sie ein Schulheft oder ein iPad auf ihrem Tisch liegen haben.

In den Pausen sind Handys verboten

Einen Ausgleich zum Digitalen bietet das Schulgelände. Die Schule liegt direkt neben einem Wald, in den Pausen dürfen und sollen die Kinder dort spielen. Ein Teil des Schulhofs ist ein großes Hühnergehege. Jede Klasse hat ein eigenes Klassenhuhn. Bilder der Hühner hängen an den Türen der Klassenzimmer – gebastelt, mit Tonpapier und bunten Stiften. Auf der Webseite der Schule gibt es einen Hühnerstall-Livestream.
Auch der Geburtstagskalender im Klassenzimmer ist aus Papier, und neben der weißen Wand für die Beamer-Projektion hängt die grüne Kreidetafel. Weiße verwischte Kreidespuren darauf und ein dreckiger Schwamm daneben. Wenn Walter schnell was aufschreiben möchte, dann schreibt sie es auf die Tafel.

Am Ende der Stunde lässt Walter über ein Programm online abstimmen, welche der drei Personen aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung die Schüler*innen gerne mal treffen würden. Die Ergebnisbalken wachsen in Echtzeit auf dem Beamerbildschirm empor.

Die meisten haben sich für Rosa Parks entschieden. „Und was würdet ihr sie gerne fragen?“ Stille. Niemand meldet sich. Niemand traut sich vor der Klasse auf Englisch eine Frage zu formulieren. Walter spricht einen der Schüler*innen direkt an, zögerlich formuliert er einen Satz. Die anderen tuscheln leise und tippen weiter auf ihren iPads. Die Pause kommt, bevor die Aufmerksamkeit ganz schwindet. Die iPads bleiben in der Klasse. In den Pausen herrscht Handyverbot und wer erwischt wird, die*der muss das Handy abgeben. Dass es im Wald in Hatten nur eine sehr schwache mobile Internetverbindung gibt, hilft bei der Umsetzung dieses Verbots.