Diskriminierung an der Uni: Was du dir klar machen solltest, bevor du anfängst zu studieren

Die Universität ist noch längst kein diskriminierungsfreier Raum. Umso wichtiger, dass marginalisierte Studierende gestärkt und Privilegien reflektiert werden.

Die Universität ist noch längst kein diskriminierungsfreier Raum. Umso wichtiger, dass marginalisierte Studierende gestärkt und Privilegien reflektiert werden.

Was hättest du gerne schon vor Beginn deines Studiums gewusst? Foto: Gift Habeshaw / Unsplash | CC0

Das neue Semester ist gerade losgegangen, für viele ist es das erste überhaupt. Alles ist neu, aufregend und oft auch unübersichtlich. „Was ich gerne schon am Anfang meines Studiums gewusst hätte”: Dieses Thema greifen zurzeit viele Texte auf, manchmal humorvoll, manchmal ernst – fast immer aber wird nur an der Oberfläche gekratzt oder aus einer eher privilegierten Position geschrieben. Welche Fragen hat man aber, wenn man zum Beispiel die erste Person aus der Familie ist, die studiert? Wenn man nicht in das gängige Bild der Studierenden passt? Wenn man also entweder optisch oder durch das eigene Auftreten aus der Reihe fällt?

Die Uni hat noch einiges zu lernen

Das gängige Bild eines*einer Studierenden ist immer noch: weiß, jung, gut oder gewollt ranzig gekleidet. Was, wenn man sich ausgeschlossen fühlt, schon bevor das Semester überhaupt angefangen hat? Ausgeschlossen, weil man das Gefühl hat, aus einer anderen Welt zu kommen als fast alle anderen Studierenden. Wenn man das Gefühl hat, dass vor allem über einen und nicht mit einem gesprochen wird? Wenn man eine psychische Krankheit hat, die einem jetzt schon Angst vor Abgaben und Deadlines macht?

Inspiriert von einem Thread der Twitter-Nutzerin Ukhti haben wir deshalb eine Liste zusammengestellt für Menschen, für die ein Studium aus bestimmten Gründen viele Hürden bereithält und für Menschen, die sich ihrer Privilegien bewusst sein wollen.

Es ist okay, nichts zu verstehen

Gerade am Anfang ist es völlig normal, dass man kaum bis nichts versteht. Die Uni ist ein ganz eigener Kosmos, der oft viel Vorwissen voraussetzt. Die abgehobene Sprache in vielen Texten, Vorlesungen und Seminaren und das ständige Verweisen auf vermeintlich berühmte Theoretiker*innen ist – obwohl das viele immer noch glauben ­– nicht nur ein Qualitätsmerkmal, sondern vor allem ein Ausgrenzungsmechanismus. Nur wenn man den Unisprech beherrscht, kann man vermeintlich mitspielen. Gerade deshalb ist es aber völlig in Ordnung, Texte am Anfang öfter lesen zu müssen und Begriffe nachzuschlagen – und trotzdem noch ein großes Fragezeichen im Kopf zu haben. Auch Uni ist eine Übungssache. Und es wird besser, versprochen.

[Außerdem auf ze.tt: Erstes Kind aus der Familie, das studiert? Warum beruflicher Erfolg trotzdem schwierig ist]

Für alle anderen: Versucht das elitäre Spiel aufzubrechen. Setzt umfassendes Wissen nicht voraus, und macht euch bewusst, dass nicht jede*r hier Eltern hat, mit denen beim Abendessen über Politik diskutiert wurde, die sonntags mit euch ins Museum gegangen sind – und die Klavier-, Reit- und Nachhilfestunden bezahlen konnten. Checkt eure Privilegien.

Trau dich, Fragen zu stellen

Passend dazu: Trau dich, Fragen zu stellen. Die meisten Kommiliton*innen verstehen auch kein Wort, nur zugeben mag das kaum jemand. Und auch wenn Professor*innen, Dozent*innen und Mitstudierende dich schief anschauen, deine Fragen sind berechtigt.

Stellt Fragen – auch um es anderen leichter zu machen, dasselbe zu tun.“

Für alle anderen: Unterstützt Kommiliton*innen, die Fragen stellen. Schaut sie nicht blöd an, sondern räumt vielleicht ein, dass ihr die gleiche Frage hattet. Thematisiert, wenn der Raum für Fragen nicht gegeben wird oder zum Beispiel rassistisch auf Nachfragen reagiert wird. Und wenn ihr selbst selbstbewusst genug seid, stellt Fragen – auch um es anderen leichter zu machen, dasselbe zu tun.

Du gehörst hierher

Gerade, wenn man nicht aus einem akademischen Elternhaus kommt, bezweifelt man viel zu oft, dass man wirklich an die Uni gehört. Aber: Du gehörst genauso hierhin wie deine Mitstudierenden. Lass dir nichts anderes einreden.

Für alle anderen: Achtet darauf, wie ihr euch verhaltet. Hört auf, verwundert zu sein, wenn jemand noch nie von Kant gehört hat. Setzt euren Lebenslauf nicht als Norm. Verlasst eure Blase. Wenn die Uni ein wirklich vielfältiger Ort sein soll, müssen wir aufhören, ein exklusives System mitzutragen und weiter zu reproduzieren.

Deadlines können verschoben werden

Deadlines heißen eigentlich nicht umsonst so, aber: Sie können verschoben werden. Sprecht mit euren Dozent*innen. Und wenn ihr psychische Erkrankungen habt, lasst euch das, soweit für euch möglich, bescheinigen. Ihr habt das Recht auf Aufschub.

Für alle anderen: Ihr seid nicht mehr in der Schule. Es ist also völlig egal, ob Mitstudierende andere Abgabevereinbarungen haben. Wir wissen nicht, welche Gründe Kommiliton*innen für verspätete Abgaben oder Sonderregelungen für Prüfungsleistungen haben – und es geht uns auch nichts an.

[Außerdem auf ze.tt: Wie Trans*studierende an deutschen Unis diskriminiert werden]

Bildet Banden

Gerade wenn man sich an der Uni nicht willkommen oder nicht wohlfühlt, stellt sich schnell auch ein Gefühl von Einsamkeit ein. Und gerade, wenn man zu einer marginalisierten Gruppe gehört, ist es wichtig, sich auszutauschen. Denn: Ja, die Uni ist kein diskriminierungsfreier Ort. Viel zu oft ist das Gegenteil der Fall. Deshalb suche dir Menschen, die dich verstehen können, tausche dich mit ihnen aus, bestärkt und unterstützt euch gegenseitig.

Hinterfragt eure eigenen Privilegien jeden Tag und thematisiert sie.“

Für alle anderen: Seid solidarisch. Hinterfragt eure eigenen Privilegien jeden Tag und thematisiert sie. Nehmt eure Voraussetzungen nicht für selbstverständlich. Engagiert euch und helft die Kämpfe zu kämpfen, die marginalisierte Gruppen an Universitäten betreffen. Seid dabei aber nicht übergriffig. Hört vor allem zu.

Es ist okay, Hilfe anzunehmen

Vieles läuft falsch an den Universitäten. Das System ist selektiv und auf eine bestimmte Klientel ausgerichtet. Von 100 sogenannten Arbeiter*innenkindern fangen gerade einmal 21 an zu studieren und nur 15 schließen ihren Bachelor ab. Es gibt aber Initiativen, die das ändern wollen und an die man sich wenden kann. Es gibt aber auch Stipendienprogramme und andere Unterstützungsnetzwerke. Die sind nur oft nicht auf den ersten Blick zu finden. Und auch hier kann der Austausch mit Kommiliton*innen helfen.

Zusammengefasst: Damit die Universität ein möglichst diskriminierungsfreier Raum werden kann, muss Solidarität auch hier von der Theorie in die Praxis umgesetzt werden – und zwar jeden Tag.


von Helen Hahne auf EDITION F

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