Dokus auf Disney+ zu streamen fühlt sich an, als würde man einer Sekte beitreten

Für seinen neuen Streamingdienst hat Disney Dokus über sich selbst produziert. Darin stellt sich der Konzern so angestrengt sympathisch dar, dass man abschalten möchte. Ein Kommentar

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Disney beweihräuchert sich auf seinem Streamingdienst zu viel selbst. Foto: © ze.tt

Oh, was gibt es für tolle Jobs beim Disney-Konzern! Als Bilderbuchillustratorin kann man Fortsetzungen zu beliebten Zeichentrickfilmen gestalten. Als Tierärztin in Disney World Gorillas aufziehen. Als Musicalsängerin auf bunten Bühnen auftreten. Und was für eine Erfüllung jede dieser Tätigkeiten ist! Manchen Mitarbeiter*innen kommen glatt die Tränen, wenn sie den Kameras von ihrem Job bei Disney berichten.

Ein Tag bei Disney heißt die 16-teilige Dokureihe, in der Angestellte Einblick in ihre Arbeit geben. Sie gehört zu den ersten Originalproduktionen für Disney+, den neuen Streamingdienst des Unternehmens.

Wer danach nicht genug hat vom Blick hinter die Kulissen, kann Disney Insider schauen. Anderer Titel, ähnliches Format. In den Hauptrollen: noch mehr glückliche Mitarbeiter*innen. Die Reihe The Imagineering Story erzählt euphorisch die Geschichte der Themenparks von Walt Disneys ersten Ideen bis heute. Und die Realityshow Disneys Märchenhochzeiten ergänzt Storys von Verlobten, die sich in Disney-Ressorts das Jawort geben. Klar, dass auch die Frischvermählten überglücklich sind.

Disney+ ist zum Start voll von Formaten, in denen Disney zeigt, wie toll der Disney-Konzern ist. Sich durch dieses Programm zu streamen ist, als würde man sich durch Willkommensvideos einer Sekte gucken, die einem die heile Welt verspricht. Selbst Hardcore-Disney-Fans dürfte da schnell der Spaß vergehen.

Der Höhepunkt der Disneyfizierung

Disneys Kernkompetenz besteht darin, Menschen heile Welten zu verkaufen. Das gelang schon 1937 mit Schneewittchen und die sieben Zwerge und gelingt noch heute bei Die Eiskönigin II: Wenn ein neuer Animationsfilm mit garantiertem Happy End erscheint, pilgern Menschen aller Generationen ins Kino. Sie erfreuen sich an niedlichen Figuren und lieblichem Gesang und vergessen für ein paar Stunden, wie ungerecht und brutal die Realität manchmal sein kann.

Bei Disney+ stellt der Konzern nun seine gesammelten Heile-Welt-Werke aus nahezu 100 Jahren Unternehmensgeschichte bereit. Hinzu kommen Blockbuster von Pixar, Marvel sowie weiteren Studios, die Disney sich über die Jahre einverleibt hat. Eine beachtliche Mediathek. Aber auch wenig Neues. Um mit Konkurrent*innen wie Netflix und Prime Video mitzuhalten, braucht Disney neben den Blockbustern regelmäßigen Nachschub an neuen seriellen Formaten. Immerhin soll Disney+ in den kommenden vier Jahren bis zu 90 Millionen Abonnent*innen gewinnen und langfristig binden. Streaming-Riese Netflix hat mehr als eine Dekade gebraucht, um 159 Millionen Abonnent*innen von sich zu überzeugen.

Ja, die neue Star-Wars-Serie The Mandalorian ist sehenswert. Angekündigte Marvel-Produktionen wirken vielversprechend. Aber die Zwischenzeit-Strategie, mit kurzweiligen Dokureihen über sich selbst zu unterhalten, geht nicht auf. Die perfekte Disney-Welt, die Ein Tag bei Disney und Co. verkaufen, erscheint aufgesetzt und ist unglaubwürdig. Zumal die Selbstbeweihräucherung logischerweise dreckige Ecken ausspart. Disney steht seit Jahren in der Kritik dafür, dass in Zulieferbetrieben für Spielzeug und Kleidung unter anderem in China miserable Arbeitsbedingungen herrschen. Laut eines Berichts von 2018 waren elf Prozent der Disneyland-Angestellten obdachlos, weil der Konzern ihnen ein geringes Gehalt zahlte. Unterdessen soll der frische Ex-CEO Bob Iger ein Millionengehalt verdient haben, das selbst Disney-Familienmitglied Abigail Disney als zu hoch einschätzte.

Disney ist nicht der ausschließlich freundliche Arbeitgeber, wie es die Formate bei Disney+ die Zuschauer*innen glauben machen wollen. Disney ist ein Multiversum unternehmerischer Ambitionen, in dem Charaktere und Marken auf jedmögliche Art und Weise ausgeschlachtet werden. Allem Anschein nach auch zu Lasten von Mitarbeiter*innen. In den Dokus die Fähigkeit zur Selbstkritik zu beweisen, wäre mutig und ehrlich gewesen. So möchte man lieber abschalten.

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