„Don’t Call Me Angel“: Das Video von Ariana Grande, Miley Cyrus und Lana Del Rey wirkt wie ein Scherz

Die drei Musikerinnen singen davon, dass sie keine Engel sein wollen – während sie sich mit Engelsflügeln rekeln. Warum das gefeierte Musikvideo weder feministisch noch künstlerisch wertvoll ist. Ein Kommentar

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Ist das Feminismus oder was? Screenshot: Ariana Grande/YouTube

Was passiert, wenn drei der größten Musikerinnen der Popindustrie einen gemeinsamen Song herausbringen? Erst einmal rasten ihre Fans aus vor Freude. Bereits der Twitter-Countdown, mit dem Ariana Grande, Miley Cyrus und Lana Del Rey Stunden vor Erscheinen auf ihre gemeinsame Single Don’t Call Me Angel aufmerksam machten, wurde tausendfach gelikt. Kaum war das Video erschienen, landete es weit oben in den US-YouTube-Trends. Inzwischen ist es knapp sechs Millionen Mal (Stand: 14 Uhr) aufgerufen worden. Das mag neben der Bekanntheit der Sängerinnen auch daran liegen, dass es sich bei Don’t Call Me Angel um den aktuellen Titelsong des Filmreboots zu 3 Engel für Charlie handelt.

Anders als mit den großen Namen lässt sich der Hype um Don’t Call Me Angel nicht erklären. Denn die Qualität von Song und Video ist unterirdisch. Als Titelsong für eine pseudo-feministische Adaption der einstigen Fernsehserie könnte man mehr erwarten als drei halbnackte, sich rekelnde Frauen. Was wahrscheinlich selbstermächtigend wirken soll, gleicht im Ergebnis einer klischeehaften Inszenierung. Wie aus der Fantasie eines männlichen Regisseur, dessen Vorstellungen von Frauen irgendwo in den Anfängen der Nullerjahre steckengeblieben sind. Warum sonst ist es wichtig für den Song, dass Ariana Grande bei ihrer Performance immer wieder mit ihren Händen ihren Körpern entlangstreicht oder Lana Del Rey lasziv Weintrauben futtert? Oder warum braucht es einen Lapdance von Miley Cyrus, um die Aussage, sie sei kein Engel, zu stützen? Doch die regieanweisende Kraft hinter dieser Misere ist kein Mann, sondern Hannah Lux Davis. Die Regisseurin hat schon vorher mit Ariana Grande sowie Nicki Minaj und Demi Lovato zusammengearbeitet. Leider ist sie einem male gaze verfallen, der klischeehafte Bilder von sexy Frauen reproduziert.

Engel wollen sie nicht sein, Flügel tragen sie trotzdem

Verwunderlich sind auch die Bild-Ton-Scheren: Engel wollen sie nicht sein, singen Grande, Cyrus und Del Rey, während Grande und Cyrus weiße und schwarze Engelsflügel tragen, die in Kombination mit Korsett und Overknee-Stiefeln an gewollt sexy wirkende Halloween-Kostüme erinnern. Sie singen, dass sie zwar darauf stehen, von ihrem boy attraktiv gefunden zu werden. Dann stehen sie aber im Ring und schlagen auf Typen ein und werfen mit Messern auf den Schritt einer Dartscheibe in Männerform. Lana Del Rey darf derweil technische Strategien in einer Kommandozentrale aushecken und mit Waffen hantieren. Das ist aber auch eher eine pseudo-mächtige Inszenierung: Denn eine Story hat das Video nicht. Was Del Rey plant, spielt keine Rolle. Hauptsache, es sieht gut aus.

Dabei hätte es so schön werden können: Der neue 3 Engel für Charlie säte mit einem diversen Cast und seiner weiblichen Regisseurin Elizabeth Banks Hoffnung auf einen feministischen Actionfilm. Das Musikvideo zu dessen Titelsong enttäuscht nicht nur. Es erscheint, verglichen mit den Songs zu den bisherigen Verfilmung der Kultserie, sogar wie ein schlechter Scherz. Während bei Feel Good Time von Pink hauptsächlich Filmszenen adaptiert wurden, setzt Independent Women von Destiny’s Child zwar auch schon auf weibliche Optik, bezieht sich aber in seinen Textzeilen immerhin auf Gleichberechtigung in einer Beziehung.

Das Musikvideo zu Don’t Call Me Angel ist ein großes Durcheinander merkwürdiger Botschaften, die in irritierendem Gegensatz zueinanderstehen: Wo es erst noch „Ain’t from no heaven“ heißt, singen Grande und Del Rey wenig später „I fell from heaven“. Wer soll da noch durchblicken, was Phase ist?

Egal, wie man zu den Künstlerinnen Grande, Cyrus und Del Rey und deren musikalischen Œuvres steht – von einer Kooperation zwischen drei Stars dieser Größe könnte mehr zu erwarten sein. Denn genau diese Größe scheint den dreien hier zum Verhängnis geworden zu sein: Statt sich hier in ihrer Gänze entfalten zu können, wie sie es einzeln gewohnt sind, werden Grande, Cyrus und Del Rey hier in ein Girlbandformat gedrängt, das der Performancequalität im Weg steht. Jede für sich hätte aus Don’t Call Me Angel vielleicht etwas großes, eigenes erschaffen können. Zu dritt gelingt es ihnen nicht.

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