Drei Jahre nach den vollen Turnhallen: Die Stadt Rheine und ihre ehemaligen Geflüchteten

Was passiert, wenn über 1.000 Geflüchtete in eine Stadt ins katholische Münsterland kommen, eine Moschee bauen und Arbeit suchen? Der Versuch einer Bilanz.

Wer aus der Geflüchtetenunterkunft heraustritt, blickt auf Schrebergärten. Eine Deutschlandfahne weht zwischen den Blumenbeeten im Wind. Hier leben auch jetzt noch, im Jahr 2018, Geflüchtete, die gerade erst in Deutschland angekommen sind, in einer ehemaligen Bundeswehrkaserne – ausgerechnet. Auf einem großen Schild an dem Gebäude steht: „Rheine sagt willkommen“.

Das hier ist nicht das multikulturelle Berlin, Köln oder Hamburg. Rheine im Nordwesten Deutschlands ist eine mittelgroße Stadt mit knapp 75.000 Einwohner*innen. Doch in diesen Tagen, wo viel über deutsche Identität gesprochen wird, wo der bayrische Ministerpräsident Markus Söder in Staatskanzleien Kreuze aufhängt und in Berlin Menschen mit Kippa auf dem Kopf angegriffen werden, muss man auch über die kleineren Städte sprechen. Diese Städte, in denen die meisten Familien schon seit Generationen leben. Wo zugezogen schon ist, wenn die Großmutter nicht drei Straßen, sondern 150 Kilometer entfernt wohnt. Wo man zum Schützenfest mit dem Fahrrad oder Auto über lange Feldwege fährt. Wo Religion noch eine größere Rolle spielt, oder zumindest das, was sie an gemeinschaftlichen Aktivitäten mit sich bringt: Ferienlager und Messdiener*innen-Gruppen, solche Dinge.

Was passiert, wenn in so einer Stadt auf einmal jemand eine Moschee baut?

Über 1.000 Menschen sind seit dem Jahr der sogenannten Flüchtlingswelle 2015 aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Mazedonien in diese Stadt in Nordrhein-Westfalen gekommen. Was ist aus ihnen geworden? Sind sie mittlerweile ein Teil der Gesellschaft in dieser Stadt? Drei Jahre sind vergangen, seit Angela Merkel mit fester Stimme gesagt hat: „Wir schaffen das.“ Zeit für eine Zwischenbilanz.

Der Mann aus Syrien sagt „Moin, moin!“. Er ist gerade zu der Gruppe dazugekommen, die vor dem Gemeindezentrum Kubb spielt: Zwei Gruppen werfen um die Wette nach Holzklötzen mit Wurfhölzern. Das von Pädagog*innen organisierte Treffen richtet sich speziell an Geflüchtete. „Jalla!“, ruft ein junger Mann, „Los!“ Jugendliche zücken ihre Smartphones und machen Gruppenselfies. Deutsche lernen sie hier eher nicht kennen. Gesprochen wird Arabisch und Deutsch. Die meisten, die da sind, leben hier erst seit Kurzem. Es geht erst einmal darum, anzukommen. Überhaupt irgendwen kennenzulernen, selbst wenn der*die auch noch nicht lange in der Stadt ist. Sich zu akklimatisieren.

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Nicht jede*r darf bleiben. 137 von 8.300 Menschen mit einem ausländischen Pass befinden sich der Leiterin des Fachbereichs Soziales, Migration und Integration zufolge in dieser Stadt zur Zeit in einem laufenden Asylverfahren, 134 haben nur eine Duldung und müssten eigentlich das Land verlassen. Die Stadt versucht, die ihr zugeteilten Asylbewerber*innen in Wohnungen im Stadtgebiet unterzubringen. Aber solche Wohnungen sind auch in einer kleineren Stadt wie Rheine nicht so einfach zu finden, wenn man plötzlich hunderte Menschen unterbringen muss.

Von den Geflüchteten wird Integrationswillen erwartet

Okba war einer der ersten, die aus Syrien hierher kamen. ©ze.tt

Okba war einer der ersten, die aus Syrien hierher kamen. Der 31-Jährige steht entspannt neben der spielenden Gruppe vor dem Gemeindezentrum, gibt Anweisungen, später holt er Tiefkühleis für alle. Er arbeitet als pädagogischer Mitarbeiter bei einer lokalen Bildungseinrichtung, leitet Projekte an verschiedenen Schulen und betreut an diesem Tag den Spielenachmittag. Ein guter Vermittler für die neu Angekommenen. Okba hat sich Deutsch selbst beigebracht. Er hat sich durchgeboxt. Er kam 2014 aus Syrien, mit einem Flugzeug, einige Verwandte waren da bereits in Deutschland.

2015 schliefen die meisten der Geflüchteten, die in Rheine ankamen, erst einmal in Turnhallen. Die Schüler*innen der Stadt mussten beim Sportunterricht zurückstecken. Die Geflüchteten hatten eine Art Zimmer mit drei, vier anderen Personen, abgetrennt in der Halle durch dünne, provisorische Trennwände.

Im Herbst 2015 malen Unbekannte ein Hakenkreuz auf die Fensterscheiben des Vereins für Flüchtlingshilfe, der sich in Rheine neu gegründet hat. Das Büro des Vereins direkt am Marktplatz mit seinen pittoresken Bürgerhäusern und der großen Stadtkirche ist für Sprachunterricht eröffnet worden. „Ausländer raus“, schreiben die Unbekannten an die Fensterscheibe.

Der junge Syrer Okba backte in dieser Zeit Pizzen in einem Imbiss, direkt um die Ecke der großen ehemaligen Kaserne, wo noch heute die neu Ankommenden wohnen. Er fand eine eigene Wohnung. Fuhr in die nächstgrößere Stadt, um die erforderlichen Sprachzertifikate zu bekommen. Okba wollte einen Doktor in Medienpädagogik machen, was er bereits in Aleppo studiert hatte. Heute ist er zufrieden: Er hat eine Professorin gefunden, die seine Dissertation betreuen wird. „Ich habe meine verlorene Zukunft wiedergefunden“, sagt er. Sein derzeitiger Job passt zu dem, was er gelernt hat. Damit kann er anderen helfen. Er wollte es unbedingt. Wenn man Okba fragt, was er von Politik hält, verdüstert sich sein Blick. „Dazu sage ich nichts.“ Einer seiner Brüder ist in Syrien gestorben, seine Mutter ist noch immer dort. Sie ist zu sehr in ihrer Heimat verwurzelt, um zu gehen.

Ich habe meine verlorene Zukunft wiedergefunden“ – Okba

Von Geflüchteten wird erwartet, dass sie sich integrieren wollen. Sie sollen nicht nur die Sprache lernen, sich einen Job suchen, Teil der Gesellschaft werden. Sie sollen auch einen Teil der Kultur übernehmen. Doch was gehört alles dazu? Ist ein Kopftuch okay in so einer deutschen Gesellschaft? Was ist mit einer Burka?

Seit dem Anstieg in der Fluchtbewegung im Jahr 2015 ist auch Religion in Deutschland immer mehr zum Politikum geworden. In einem Land, dessen Bürger*innen mit Religion eigentlich immer weniger am Hut haben, ist es auf einmal wieder wichtig, ob in öffentlichen Gebäuden ein Kreuz über der Tür hängt. Das Christentum bezeichnen einige in dieser Diskussion als einen der Grundpfeiler der Gesellschaft Deutschlands.

Auch wenn das Christentum in Deutschland auf dem Rückmarsch ist – immer mehr Menschen sind nicht religiös oder treten aus der Kirche aus – spielt diese Religion in Rheine noch eine große Rolle. Die Menschen in dieser Region, dem Münsterland, sind vorwiegend katholisch. Sogar 49 Prozent der Bürger*innen von Münster, der nächstgrößeren Stadt und dem urbanen Zentrum der Region, sind Mitglieder der katholischen Kirche. Eine Studentenstadt. An der zentral gelegenen Lambertikirche hängen hier noch heute Käfige, in denen im 16. Jahrhundert hingerichtete Wiedertäufer zur Schau gestellt wurden – eine andere Religion als der Katholizismus wurde damals nicht geduldet. Wer im etwas kleineren Rheine als Kind ins Zeltlager möchte, geht zu den Messdiener*innen. Krankenhaus, Kindergärten, Jugendzentren – fast alle werden sie von der Kirche betrieben. Wenn ein angeblich in der Gesellschaft verankertes Christentum und der Islam miteinander irgendwo in Konflikt treten könnten, dann hier.

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Tareq Azem und seine Freund*innen haben mitten in die Stadt Rheine im katholischen Münsterland eine Moschee gestellt. Eine von drei Moscheen, zuvor gab es bereits eine türkische Gemeinde und es gibt eine etwas kleinere Moschee einer anderen sunitischen Richtung des Islam. Tareq, ein Arzt, der im Krankenhaus der Stadt arbeitete und seit 29 Jahren in der Stadt lebt, wollte seine Kinder nicht mehr in die türkische Moschee schicken, denn sie haben dort kein Wort verstanden. Tareq stammt aus Palästina, seine Kinder sprechen Deutsch und Arabisch, aber nicht Türkisch. Am Wochenende sollen sie in der Moschee die Grundlagen ihrer Religion lernen. Früher mieteten er und seine Freund*innen – Afghan*innen, Sudanes*innen, Marrokaner*innen, Tunesier*innen – eine Wohnung, die sie als Gebetsraum nutzten. Doch dann kamen um 2015 herum immer mehr Menschen aus Syrien und anderen Ländern, die ebenfalls Muslim*innen waren.

Die Moschee war früher eine Spielothek

„Wir haben es als unsere Verpflichtung angesehen, diese Menschen aufzunehmen“, sagt Tareq Azem. Also suchten die Muslim*innen, die schon lange da waren, eine neue, größere Moschee für all die neu Angekommenen. Ausgerechnet im Fastenmonat Ramadan renovierten sie auf eigene Kosten eine leer stehende kleine Halle. „Für Muslim*innen eine gute Motivation“, sagen sie. Was man im Ramadan leistet, zählt doppelt. Ein bisschen ironisch ist es auch: In der Halle, in der sie jetzt beten, war früher mal eine Spielothek, später eine Shisha-Bar und eine Turnhalle. Jetzt sitzen Tareq Azem, einige seiner Freund*innen und ihr Imam, ein freundlicher Mann mit langem Gewand, weißer Kappe und nackten Füßen, an einem Tisch und servieren Kekse und Tee. An den Wänden lehnen Kissen, damit man sich setzen kann. Korane liegen auf einer Bank, Männer hocken auf dem Boden.

©ze.tt

„Für Muslim*innen ist es wichtig, dass sie sich an jemanden wenden können“, sagt Tareq Azem. Wie kann man in Deutschland leben und seine Religion weiterhin ausüben? Am Freitag sollen muslimische Männer in einer Moschee beten, so steht es im Koran, dann ist die Halle rappelvoll.

Aber diejenigen, die schon lange hier leben, helfen den neu Angekommenen, den ehemaligen Geflüchteten, auch beim Ausfüllen der komplizierten Papiere von den deutschen Behörden. Sie wollen, dass ihre Moschee keinem Dachverband angehört, sie wollen unpolitisch bleiben.

Deutschland, das Land der Atheist*innen

Nicht jede*r Migrant*in ist Muslim*in oder religiös. Aber für viele Frauen und Männer ist ihre Religion, oft also der Islam, ein wichtiger Teil ihrer Identität. Bisher hat sich niemand gestört an der Moschee in der ehemaligen Spielothek, und die Muslim*innen wundern sich schließlich auch nicht über die Christ*innen in der Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen. Im Gegenteil, sie nutzen die Angebote der kirchlichen Caritas, die Integrationskurse, Spielenachmittage und Sprachkurse in Gemeindezentren.

Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Universität Münster, hat dazu eine interessante Beobachtung gemacht. In Münster forschen führende Islamwissenschaftler*innen und christliche Theolog*innen des Landes Seite an Seite. Pollack sagt: „Vor allem engagierte Christ*innen haben heutzutage das Gefühl, dass sie eine Minderheit sind“. Deutschland, das Land der Atheist*innen. „In dieser Situation“, so Pollack, „fühlen sich religiöse Menschen anderen Menschen, die auch religiös sind, gegenüber stärker verbunden.“

Der kleine Aland wird zweisprachig aufwachsen, vielleicht wird er Syrien nur im Urlaub sehen. ©ze.tt

Angekommen sein in einer Stadt wie Rheine, wo jede*r jede*n kennt, heißt auch: Eine eigene Wohnung haben, Nachbar*innen, Freund*innen. Zainab und ihr Ehemann Jewan haben 2016 eine Wohnung im Stadtzentrum gefunden. Es ist das Jahr, in dem der chinesische Künstler Ai Weiwei in Berlin das Konzerthaus am Gendarmenmarkt von oben bis unten mit orangefarbenen Schwimmwesten verhängt, um an die vielen Ertrunkenen im Mittelmeer zu erinnern. Bevor sie die Wohnung fanden, war Jewan, ein 34-jähriger Familienvater aus Aleppo in Syrien, oft verzweifelt. Ob er bleiben durfte, war nicht sicher, und auch nicht, wie es weitergehen soll. Ihre Wohnung ist jetzt im Erdgeschoss eines Altbaus, die Fassade ist aus Sandstein und rotem Backstein, typisch für diese Region. Jewan hat jetzt eine Aufenthaltserlaubnis, genauso wie Zainab, seine Frau, die in Leggings und Ringelsocken auf dem Sofa sitzt. Sie sprechen beide noch nicht gut Deutsch, Zainab fängt erst bald mit dem Sprachkurs an. Sie hat sich zu Hause um das Kind gekümmert. Der zweijährige Sohn Aland spielt auf dem hellen Teppich im Wohnzimmer. Er kennt nichts anderes als dieses Deutschland. Der kleine Aland wird zweisprachig aufwachsen, vielleicht wird er Syrien nur im Urlaub sehen – falls seine Familie jemals wieder dorthin reisen kann.

[Außerdem auf ze.tt: New Yorker Stickeraktion zeigt, welche Erfindungen wir Geflüchteten zu verdanken haben]

In Deutschland haben zwei Freundinnen sich der Familie aus Syrien angenommen. Linde und Hannelore sind beide Rentnerinnen. Bis vor wenigen Jahren besaß Hannelore einen vorsätzlich linken, feministischen Buchladen am Marktplatz. Ihre Freundin Linde stand an der Kasse, in dicke Romane so versunken, dass sie manchmal aufzublicken vergaß, wenn jemand das Geschäft betrat. Jetzt sitzen sie einmal in der Woche im aufgeräumten, fast schon leeren Wohnzimmer von Zainab und Jwan und reden über Papiere vom Amt, Sprachzertifikate und Berufe. Wer in Deutschland keine Freund*innen oder zumindest Helfer*innen findet, hat es sehr viel schwerer zurechtzukommen. Hannelore hat ihre Enkelin Amelie mitgebracht. Zainab bringt Gebäck und Saft aus der Küche. Als der kleine Aland den Saft aus seinem Glas vorsichtig in das Glas seines Vaters umgießt, gluckst Amelie. „Guck mal, was er gemacht hat“, sagt sie zu Zainab, die nur wenig versteht von dem, was das Mädchen da sagt. Amelie nimmt Zainabs Hand und streichelt sie lächelnd, und auch wenn sie nicht weiß, was sie antworten soll, lächelt jetzt auch Zainab.

Zainab, Jewan, Aland, Okba sind jetzt unsere Mitbürger*innen, die Geflüchteten, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind. Sie haben Wohnungen gefunden, Arbeit, sie haben sich eingerichtet. Doch das genügt nicht. So wie Deutschland zur Zeit mit der Frage nach seiner Identität ringt, so brauchen auch die ehemaligen Geflüchteten dieses Landes eine Identität. Zum Teil ist es eine deutsche Identität, was auch immer das sein mag. Und zum Teil setzt sich diese Identität aus dem Erbe zusammen, das sie aus ihren Heimatländern mitbringen. Dazu gehört auch der Islam.