Drei queere Fußballer über Ängste, dumme Sprüche und die Akzeptanz im eigenen Verein

Schwule laufen in Tutus rum, Schwule können kein Fußball spielen. Emre, David und Jonathan haben schon viele Klischees und Beleidigungen gehört. Aber wie lebt es sich eigentlich als queerer Fußballer? Zwei schwule und ein trans* Fußballer berichten.

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"Ich habe mich nie getraut, mit zu duschen – aus Angst, mich zu verraten", sagt David (Mitte) über seine Zeit in einem Heteroverein. Foto: © Laura Dahmer

Als Thomas Hitzlsperger sich 2014 outete, war er der erste deutsche Profifußballer, der sich zu seiner Homosexualität bekannte – und auch das erst nach seinem Karriereende. Berater*innen und Ratgeber*innen, so erzählt er in Interviews, raten den Fußballern davon ab, sich zu outen. Nach wie vor ist Homosexualität im Männerfußball ein Tabuthema. Im Profifußball zumindest gibt es weiterhin kaum geoutete Spieler, als Begründungen werden oft mögliche Probleme im Verein, mit Fans oder Sponsoren genannt. Ein Fußballprofi, der sich als schwul outet – so die Befürchtung –, muss um seine Karriere bangen.

Aber wie ist es eigentlich im Amateurfußball, fernab vom großen Geld und einem möglichen Medienhype? Zumindest öffentlich findet man auch hier wenige Geschichten von schwulen Fußballspielern. In München aber gibt es eine Fußballmannschaft, die sich genau das auf die Fahne schreibt: die Streetboys vom Team München. Sie gehören zu einem der wenigen schwulen Vereine in Deutschland. Bis heute sind sie der einzige, der im offiziellen DFL-Ligabetrieb mitspielt, in der C-Klasse. Wie waren die Erfahrungen der Spieler vor dem Team München? Wie gehen andere Mannschaften in der Liga mit den Streetboys um? Ist Schwulsein im Fußball ein Problem? Drei Fußballer erzählen ihre Geschichten.

Emre, 28: „Ich habe nicht verstanden, wie Fußball und Schwulsein zusammenpassen“

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Foto: © Laura Dahmer

„Es gab eine konkrete Szene. Wir haben einen Schwarzen Mitspieler in der Mannschaft, unsere Gegner haben auf Türkisch gesagt: ‚Schau mal, ist der auch schwul? Das habe ich ja noch nie gesehen.‘ Dann haben sie angefangen zu lachen und ihn beleidigt, auf Türkisch. Er hat es natürlich nicht verstanden und ist weitergelaufen. Ich bin zu ihnen hin und habe, auch auf Türkisch, gesagt: ‚Hey Jungs, das Spiel hat noch nicht mal angefangen, und ihr reißt eure Fresse schon auf. Können wir nicht einfach Fußball spielen?‘ Die waren total schockiert. Szenen wie diese kommen jede Saison vor. Ich mag es nicht, wenn Leute andere schlechtreden, mit einer böswilligen Absicht. Da sag ich dann auch was. Mittlerweile geht das, früher hätte ich das nicht gekonnt.

Die Mannschaft, in der ich in der E-Jugend mit Fußball angefangen habe, war ab der A-Jugend eine ziemliche Türkenmannschaft. Mit ungefähr 16 hatte ich meine erste Freundin – einfach, weil das bei uns jeder im Dorf hatte. Ich habe mich aber nicht wohl gefühlt und gemerkt: Irgendwas stimmt da nicht bei mir. Für mich war Schwulsein immer eine Beleidigung. Es war ganz komisch zu denken: Vielleicht bin ich selbst eine dieser Beleidigungen. Parallel habe ich in meinem Fußballverein mal vorgefühlt und gefragt: ‚Was wäre denn, wenn einer von euch schwul wäre? Hättet ihr Stress damit?‘ Darauf habe ich krass homophobe Sprüche gehört: Den würden wir verprügeln, den würden wir aus der Mannschaft schmeißen, Türken sind nicht schwul, Schwule können doch kein Fußball spielen.

Wenn jemand ein Problem mit mir hat, dann zeige ich es ihm eben auf dem Fußballplatz.

Emre

Mit 18 bin ich nach München gezogen und habe den Fußball sein lassen. Ich habe nicht verstanden, wie Fußball und Schwulsein zusammenpasst, habe mir vorgestellt, ich müsste dann lügen. Wenn sie mich in der Mannschaft sowas fragen wie: Was machst du am Wochenende? Und ich sage, ich geh in einen Club, kann aber nicht verraten, welchen, weil es vielleicht ein schwuler Club ist. Da habe ich für mich beschlossen: Nein, ich kann nicht im Verein spielen. Im Internet habe ich dann mal nach schwulem Fußball gesucht und Team München gefunden, aber es mir schnell wieder anders überlegt, weil ich mir dachte: Die machen wahrscheinlich alles außer Fußball spielen. Ich hatte selbst Vorurteile. Bis ein Kumpel mir von David erzählt hat, der auch Fußball spielt. Und ob ich nicht Lust hätte, mal mitzugehen. Erst danach habe ich festgestellt, dass es ein schwuler Fußballverein ist. Meine Vorurteile haben sich nicht bestätigt.

Fußball ist schon immer eine wichtige Säule in meinem Leben gewesen. Mir hat der Fußball, und insbesondere Team München, geholfen, mich selbst zu finden. Und auch zu akzeptieren: Ich kann Fußball spielen, ich kann schwul sein und ich kann gewinnen. Das gibt mir Selbstbewusstsein. Aus sportlicher Sicht, aber auch als schwuler Fußballer. Ich spiele seit Kurzem noch in einer Freizeitmannschaft, da sind alle hetero – früher hätte ich das nie gemacht. Meine Orientierung war nie ein Thema, da gilt: Du spielst gut Fußball, und darum geht es doch am Ende. Selbst wenn heute jemand ein Problem mit mir hat, dann zeige ich es ihm eben auf dem Fußballplatz.“

David, 31: „Ich habe mich früher nie getraut, mit zu duschen – aus Angst, mich zu verraten“

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Foto: © Laura Dahmer

„Ich bin in einem Dorf mit 450 Einwohnern aufgewachsen. Mitten in der Pampa, im nördlichen Oberbayern. Sehr katholisch geprägt, konservativ. Fußball spiele ich, seit ich zehn bin. Im Laufe der Jahre haben alle Jungs angefangen, sich zu duschen. Ich hatte Angst, mit zu duschen. Aus Sorge, mich irgendwie zu verraten – durch einen falschen Blick oder gar die mögliche Reaktion eines gewissen Körperteils.

Schwulsein wurde als Beleidigung verwendet – das ist halt normal im Fußball.

David

Ich habe immer gedacht, es wäre nicht normal, wie ich fühle. Ich kannte niemanden im Dorf, der schwul war und wusste nicht, dass es eigentlich völlig normal ist. Bei mir im Fußball gab es natürlich immer mal wieder Sprüche, Schwulsein wurde als Beleidigung verwendet – das ist halt normal im Fußball. Ich selbst konnte es ganz gut verstecken, hab einfach nie mitgeduscht.

Bis wir in der C-Jugend Meister geworden sind, auf einem Auswärtsspiel, da haben mich meine Teamkollegen gezwungen. Keiner hat was gemerkt, von da an war ich immer mit in der Dusche. Das war kein Problem, bis ich mich in meinen Mitspieler verliebte. Irgendwann, mit 18 oder 19, habe ich es ihm dann gesagt – aber nur ihm. Er hat es auch nicht weitergetratscht, aber ich habe gemerkt, dass er sich in meiner Nähe unwohl fühlt. Beim Duschen hat er immer gewartet, bis ich fertig bin.

Es war keine einfache Zeit, weil ich alles für mich behalten musste. Dann bin ich zum Studieren nach München gekommen – habe aber weiterhin in meinem Heimatverein gespielt. In München habe ich es langsam schon offener gelebt, in der Mannschaft wusste es weiter keiner. Irgendwann war ich dann mal mit den Fußballjungs auf der Wiesn und habe den Fehler gemacht, mein Handy offen liegen lassen. Da hat einer eine Nachricht gesehen, die wohl ziemlich offensichtlich war. Erfahren habe ich das erst Monate später, zu Hause auf einem Dorffest. Mein Nachbar hat mich gefragt: ‚Wie sieht es denn bei dir mit Männern aus? Weiß doch jetzt jeder, dass du schwul bist.‘ Ich war völlig geschockt, hab es aber auch nicht mehr verleugnet.

Wenn ich sage, ich spiele in einem schwulen Verein, ist der erste Kommentar immer: ‚Das Duschen ist bestimmt voll interessant bei euch‘.

David

Danach habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Das hat mich sehr überrascht – und stolz gemacht –, weil ich es nicht von meinem Dorf erwartet hätte. Im Fußballverein habe ich es aber schon gemerkt. Früher war alles ganz ungezwungen, plötzlich war es gehemmter. Beim Weggehen in München habe ich dann einen von den Jungs hier kennengelernt und bin mal mit zum Training gekommen. Ich habe trotzdem noch mit Doppelspielrecht bei mir im Heimatverein gespielt. Zwischen den beiden Mannschaften lag ein Riesenunterschied. Wenn ich sage, ich spiele in einem schwulen Verein, ist der erste Kommentar immer: ‚Das Duschen ist bestimmt voll interessant bei euch‘. Aber hier ist alles ganz normal. Eigentlich wie es vor meinem Outing im Heteroverein war.

Ich habe mal erwogen, in eine andere Mannschaft zu wechseln. Aber wenn ich jetzt nochmal zu einem Heteroverein gehe, müsste ich das ganze Prozedere noch mal durchlaufen. Ich würde wahrscheinlich erst mal nicht sagen, dass ich schwul bin. Weil ich es auch nicht relevant finde, weil Fußball Fußball ist. Das Tolle an Team München ist, dass wir den Leuten zeigen: Es gibt auch Schwule, die Fußball spielen können. Und nicht nur mit ihrem Tutu durch die Gegend hüpfen.“

Jonathan, 23: „Ich weiß nicht, wie andere Vereine auf mich reagieren, wenn Schwulsein doch schon schwierig ist“

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Foto: © Laura Dahmer

„Ich spiele schon immer Fußball, seit den Bambinis. Bis zur C-Jugend habe ich bei den Jungs mitgespielt, danach musste ich weg, weil Jungen und Mädchen getrennt wurden. Ich bin zu einer neuen Mädchenmannschaft im Nachbardorf gegangen. Ich war eine gute Torhüterin, habe bei der Länderauswahl von Baden-Württemberg gespielt, U15. Ich wollte mich karrieremäßig weiterentwickeln und habe mir zwei private Torwarttrainer genommen. Einer hat mich dann zum Probetraining zum FC Bayern gebracht. Zwei Wochen später habe ich einen Anruf bekommen, ob ich dort anfangen möchte, in der Zweiten Bundesliga. Nach der Schule bin ich immer mit dem Zug ins Training, zweieinhalb Stunden hin, zweieinhalb Stunden zurück. Aber das war es mir wert. Irgendwann kam die Nachricht von Bayern, dass sie keinen Platz mehr für mich haben.

Aber hier wurde ich direkt mit offenen Armen empfangen, bin der erste Transgender in der Mannschaft.

Jonathan

Ich war da 18 und spätpubertär, meine Brüste sind gewachsen, meine Hüften breiter geworden. Der Fußball ist weniger geworden, ich musste mich mehr auf die Schule konzentrieren, da kam vieles zusammen. Ich habe mich nur noch ungerne im Spiegel angeschaut, wollte mir meine Brüste am liebsten abreißen und meine Hüften abschleifen. Zu der Zeit habe ich im Schulchor meine jetzige Frau kennengelernt, das war ganz irre, weil sie für mich eine Vertrauensperson war, wie ich sie bis dahin nie hatte. Bei ihr hatte ich keine Hemmungen, zu sagen, dass ich mich in meinem Körper nicht wohl fühle.

Als meine Frau mir dann gesagt hat, man könne das auch operativ machen lassen, bin ich zum Arzt gegangen und habe den ganzen Prozess durchlaufen: Ein Jahr Psychotherapie, Namensänderung, ein Gutachten von einem zweiten Psychologen, dann durfte ich mit Hormonen anfangen. Eigentlich. Ich habe Sportabitur gemacht und musste deshalb noch warten. Hätte ich da schon Hormone genommen, hätte das in der Frauenwertung als Doping gegolten. Hätte ich mich direkt als Mann werten lassen, hätte ich deutlich schlechter abgeschnitten. Seit dem 11. Mai 2016 nehme ich Hormone. Ein knappes Jahr später kamen, Gott sei Dank, meine Brüste ab.

In der ganzen Zeit habe ich gar keinen Fußball gespielt. Ich hätte gar nicht gewusst, wo. Bis ich beim CSD 2017 auf das Team München gestoßen bin. Ich habe ihnen danach direkt geschrieben, ohne Fußball geht es eben doch nicht. Und für mich war klar: Wenn, dann nur da. Ich weiß nicht, wie andere Vereine reagiert hätten, wenn das mit dem Schwulsein doch schon schwierig ist. Vielleicht hätte ich auf einem anderen Weg im Tor noch mal was Hochklassigeres spielen können, wer weiß. Aber hier wurde ich direkt mit offenen Armen empfangen, bin der erste Transgender in der Mannschaft. Hier bin ich glücklich. Mit Beleidigungen von anderen Teams werde ich auch selten konfrontiert, aber ich habe schon mitbekommen, dass die anderen Jungs mal angespuckt worden sind oder Beleidigungen an den Kopf bekommen haben.“