Drogen, Periodenblut und sexueller Missbrauch: Die Serie „I may destroy you“ ist schonungslos ehrlich

Die Serie I may destroy you beschäftigt sich mit der Frage, wo einvernehmlicher Sex aufhört und Missbrauch beginnt. Gezeigt werden viele Situation, die von Betroffenen häufig nicht als Missbrauch erkannt werden.

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Im folgenden Beitrag werden sexualisierte Gewalthandlungen und deren Folgen für die Betroffene geschildert, die belastend und retraumatisierend sein können.

„Bevor ich vergewaltigt wurde, nahm ich nie viel Notiz davon, eine Frau zu sein. Ich war zu sehr damit beschäftigt, Schwarz und arm zu sein“, sagt Arabella, ein lebensfroher und witziger Millenial. Sie feiert gerne, nimmt Drogen, hat unverbindlichen Sex und twittert über ihren Lifestyle. Sie hat auch schon einen Debütroman veröffentlicht, der aus einer Sammlung ihrer Tweets besteht. Hier setzt die Handlung von I may destroy you an: Arabella sitzt auf der Toilette, raucht einen Joint und überlegt sich Rahmenbedingungen für ihr zweites Manuskript. Die Schreibblockade, die am Abend einsetzt, versucht sie durch eine Kneipenpause und etwas Koks zu überwinden. Schnitt. Plötzlich ist die Nacht vergangen und Arabellas Erinnerungen an die letzten Stunden wie ausgelöscht.

Stück für Stück versucht Arabella im Verlauf der Serie, die vergangene Nacht zu rekonstruieren. Woher kommt die blutverkrustete Schramme an ihrer Stirn? Wer ist der Mann, den sie in plötzlich aufkommenden Sequenzen vor ihrem inneren Auge sieht? Warum bewegt er sich so komisch auf und ab und warum blickt sie von unten zu ihm herauf? Mit detektivischer Akribie verbindet Arabella Aussagen von Freund*innen und gespeicherte Routen in ihrer Uber-App mit dem wenigen, woran sie sich selbst zu erinnern glaubt. So kommt sie nach und nach zu dem verstörenden Ergebnis, wahrscheinlich unter K.-o.-Tropfen gesetzt und vergewaltigt worden zu sein.

Ich wollte weinen, ich fühlte mich auf eine schockierende Weise als Frau gesehen.

Twitter-Nutzerin

Die britische Serie, die bereits im Sommer auf BBC und HBO lief, wurde durchweg von englischsprachigen Medien gefeiert, The Guardian rühmte I may destroy you sogar als beste Serie des Jahres. In den 12 Folgen werden nicht nur Drogenkonsum und die Londoner Hook-up-Kultur thematisiert, sondern auch die Frage gestellt, wo einvernehmlicher Sex aufhört und Missbrauch beginnt. Lobend erwähnt wurde außerdem immer wieder, dass der Cast der Serie hauptsächlich aus Schwarzen und nicht-weißen Menschen besteht – und das, obwohl es nicht primär um das Thema Rassismus geht – eine Seltenheit in Mainstream-Filmen und -serien.

War das wirklich eine Vergewaltigung?

Arabella ist zu Beginn der Serie verunsichert: War es wirklich eine Vergewaltigung? Hat sie es mit Alkohol und Drogen übertrieben, vielleicht sogar eingewilligt in eine spontane Nummer auf der Clubtoilette? Michaela Coel und Sam Miller, den Macher*innen der Serie, gelingt es hier außerordentlich gut, die ambivalente Gefühlswelt eines Missbrauchsopfers darzustellen. So geht Arabellas erste Reaktion völliger Ungläubigkeit über in eine Art Abwehrhaltung, bei der sie das Geschehene durch Abgeklärtheit von sich fernzuhalten scheint. Sie geht zwar zur Polizei, spielt jedoch herunter, woran sie sich zu erinnern glaubt. Es könnte schließlich auch alles nur Einbildung sein, ausgelöst durch den Mix aus Drogen und Alkohol, glaubt sie.

In I may destroy you sind es die Polizistinnen, die Arabella durch präzise und nüchterne, aber niemals unempathische Nachfragen dazu bringen, sich zu erinnern – und zu realisieren, dass der sexuellen Übergriff tatsächlich geschehen ist. In vielen vergleichbare Produktionen, wie etwa der Netflix-Serie Unbelievable, wird meist das Gegenteil dargestellt: Dort müssen oftmals die Opfer sexualisierter Gewalt die Ermittler*innen davon überzeugen, dass ihnen Gewalt angetan wurden. I may destroy you zeigt hingegen, wie Beamt*innen im Idealfall reagieren sollten: sensible Fragen stellen, Untersuchungen aufnehmen und keine vorschnellen Urteile fällen.

So spielt es für die Feststellung des Verbrechens keine Rolle, ob Arabella zu viele Substanzen konsumiert, und welche Klamotten sie getragen hat. Arabella trägt in dieser Nacht Jogginghose und Schlabberpulli – ein Detail, das nicht wichtig sein sollte, in Vernehmungen von Vergewaltigungsopfern aber oft als bedeutend interpretiert wird. Was für die Feststellung der Vergewaltigung zählt sind Fakten, wie die blau gefärbten Druckstellen an ihren Oberschenkeln und die Ergebnisse diverser Abstriche.

Sexualisierte Gewalt kann viele Formen annehmen

Neben der Haupterzählung, die sich mit der Aufklärung der Vergewaltigung beschäftigt, zeigt I may destroy you auf vielen Nebenbühnen die Alltäglichkeit sexualisierter Übergriffe. Die Serie thematisiert dabei Vergehen, die selbst für Betroffene nicht immer eindeutig als sexueller Missbrauch erkennbar sind. Als Arabella das erste Mal nach ihrer Vergewaltigung wieder mit jemandem schläft – mit ihrem Arbeitskollegen Zain – zieht dieser währenddessen das Kondom ab. Erst nach dem Akt merkt Arabella was geschehen ist, lässt sich aber von ihrem Gegenüber einlullen. Es sei doch keine große Sache, er habe gedacht, sie habe es ohnehin gemerkt und aus Zustimmung nicht protestiert, so die Reaktion des Mannes.

Hier deutet die Serie gleich zwei Arten des Missbrauchs an: Stealthing – das Abstreifen eines Kondoms beim Sex – verletzt das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung sowie Gaslighting, eine Form psychischer Gewalt, bei der Betroffene in ihrer Selbstwahrnehmung manipuliert werden. Arabella reagiert zunächst gefasst auf den Vorfall und fordert Zain dazu auf, ihr die Pille danach zu bezahlen. Erst später erfährt sie, dass es sich bei Stealthing um einen Straftatbestand handelt. In Deutschland wurde im Dezember 2018 das erste Mal ein Mann wegen Stealthing strafrechtlich verurteilt.

Eine andere Szene macht deutlich, warum sich so viele Opfer sexualisierter Gewalt nicht bei der Polizei melden. Arabellas Freund Kwame wird nach zunächst einvernehmlichem Sex mit Kondom von einem Grindr-Date vergewaltigt – wobei dieser kein Kondom verwendet. Anders als Arabella ringt Kwame damit, zur Polizei zu gehen und meldet die Vergewaltigung erst einige Wochen später.

Der britische Autor JJ Bola schreibt in seinem Buch Sei kein Mann, dass sexuelle Übergriffe auf Männer viel seltener gemeldet werden, da die Annahme bestehen könne, „sie seien weniger Mann oder schwach […], weil sie körperlich überwältigt“ wurden. Außerdem gäbe es viele Fälle, in denen Männern von den Polizist*innen nicht geglaubt werde. Ähnlich ergeht es Kwame. Statt wie in Arabellas Fall von sensiblen Beamt*innen befragt zu werden, wird Kwame von einem Beamten vernommen, der das Thema nicht ernst nimmt. Schlimmer noch: Dem Beamten ist es gar unangenehm, von den sexuellen Handlungen zwischen Männern zu hören und zu sprechen.

Zuschauer*innen fühlen sich von der Serie gesehen

I may destroy you will für die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt sensibilisieren, wobei diese zu keinem Zeitpunkt normalisiert wird. Dass ihr das so gut gelingt, könnte auch daran liegen, dass die Regisseurin und Drehbuchautorin Michaela Coel Arabella selbst verkörpert und hier eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt verarbeitet. 2016 wurde Coel in einer Bar unter Drogen gesetzt und anschließend vergewaltigt, wie sie der BBC erzählte. „Es war therapeutisch, darüber zu schreiben und aktiv eine Erzählung von Schmerz in etwas mit mehr Hoffnung und sogar Humor zu verwandeln“, erzählt sie in einem Interview mit der Zeitschrift Variety. Durch die Arbeit an der Serie habe sie nicht nur für ihre Figur, sondern auch für sich einen Weg gefunden, zurück in eine vermeintliche Normalität.

Neben den verschiedenen Formen sexualisierter Gewalt, gelingt es I may destroy you, weitere bisher tabuisierte Themen sichtbar zu machen. Eine Szene zeigt beispielsweise Arabella und ihren Lover Biagio kurz vorm Sex. Mit ihrem Einverständnis zieht er Arabella den Tampon aus der Vagina und befühlt anschließend fasziniert einen daran haftenden Blutklumpen. Mit dieser Darstellung stellen die Macher*innen die Weichen für eine neue Normalität, die bei den Zuschauer*innen schiere Begeisterungsstürme auslöste. Eine User*in kommentierte auf Twitter: „Ich wollte weinen, ich fühlte mich auf eine schockierende Weise als Frau gesehen.“

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Sich gesehen fühlen, ist definitiv das allumfassende Thema dieser fantastischen Serie: Als Mensch, dem Gewalt angetan wurde sowie als Frau abseits von Klischees und gesellschaftlichen Idealen.


Die Serie I may destroy you ist ab dem 19. Oktober auf Sky zu sehen.