Drohbriefe vom NSU 2.0 an Frauen: Feindbild Feminismus

Es sind vor allem Frauen, die vom sogenannten NSU 2.0 bedroht werden. Eine Politikwissenschaftlerin erklärt, warum uns das nicht überraschen sollte und welche Bedeutung Antifeminismus im Rechtsextremismus hat.

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Die Kabarettistin Idil Baydar ist eine der Frauen, die Drohbriefe vom NSU 2.0 erhielt. Foto: © Thalia Engel / dpa

Die Anwältin Seda Başay-Yıldız, die Linken-Politikerinnen Janine Wissler, Anne Helm, Martina Renner und Evrim Sommer, die Kabarettistin İdil Baydar. Die Drohbriefe des sogenannten NSU 2.0 richten sich vornehmlich gegen Frauen, politisch und künstlerisch antirassistisch aktiv, zum Teil mit Migrationsgeschichte. Die Schreiben sind voller sexistischer Beleidigungen, Androhungen sexualisierter Gewalt bis hin zu Vergewaltigungsfantasien – und sie enthalten Informationen über die Empfänger*innen, die nicht öffentlich zugänglich sind. Von wem die Drohbriefe stammen, ist bislang unklar. Es besteht jedoch der Verdacht, dass die Informationen von Polizeicomputern abgefragt wurden und es sich um ein rechtes Netzwerk innerhalb der Behörde handeln könnte.

Warum sind dabei vornehmlich Frauen das Ziel? „Geschlecht ist ein zentrales Moment im Rechtsextremismus“, sagt die Wiener Politikwissenschaftlerin Judith Goetz. Sowohl wenn es darum gehe, vermeintliche Weiblichkeit als auch Männlichkeit zu konstruieren. „Was beim Antifeminismus so deutlich wird, ist die patriarchal-männliche Dominanzvorstellung. Also die Vorstellung, dass Männer in dieser Gesellschaft das Sagen haben sollen und sich daraus ein Geschlechterbild ableiten lässt, das sehr klare Vorstellungen davon hat, wie Männer und Frauen zu sein haben.“

Laute Frauen als Provokation

Männer sollen demnach wehrhaft und stark sein, das Volk nach außen verteidigen, wohingegen Frauen eher passivere Rollen zugewiesen würden, die unter anderem darauf abzielen, das Volk zu reproduzieren.

Dass Frauen wie Seda Başay-Yıldız, Janine Wissler oder İdil Baydar öffentlich auftreten und sich artikulieren, wird laut Goetz von rechtsextremen Männern als Provokation wahrgenommen. „Daraus leiten sie auch einen Legitimationsanspruch ab, diese Frauen wieder in ihre Schranken weisen zu müssen.“ Die Frauen stehen dabei symbolisch für das Feindbild Feminismus.

„Rechtsextreme Männlichkeit ist immer bedroht und prekär“, erklärt Judith Goetz. Denn gesellschaftliche Veränderungen und Modernisierungsprozesse in Bezug auf Geschlechterverhältnisse fänden permanent statt, Identitäten, Liebes- und Lebensweisen würden vielfältiger – und führten damit zum Verlust männlicher Privilegien. Die Politikwissenschaftlerin betont dabei, derartige Gewalttaten intersektional zu betrachten:

Rechtsextreme Männlichkeit ist immer bedroht und prekär.

Judith Goetz, Politikwissenschaftlerin

„Grundsätzlich stellt jede Frau, die aus diesen Geschlechterrollen ausbricht, für eine andere Gesellschaft eintritt und damit die männliche Dominanzvorstellungen infrage stellt, eine Bedrohung für rechtsextreme Männer dar. Das potenziert sich, wenn diese Frau nicht weiß ist, wenn sie eine Migrationsgeschichte hat oder nicht heterosexuell ist, weil diese Personen im rechtsextremen Weltbild noch mal eine untergeordnetere Rolle einnehmen sollen.“ Deshalb sei es wichtig, in Analysen diese Komponenten verschränkt miteinander zu sehen. „Rechtsextreme Ideologie richtet sich nicht nur gegen eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, wie zum Beispiel zugewanderte Menschen, sondern gegen alle, die nicht in das volksgemeinschaftliche Bild passen.“

Das Ineinandergreifen verschiedener Feindbilder wie Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus mündet letztlich in eine sinnstiftende Ideologie, sie bedingen und stärken einander.

Der Antifeminismus rechter Gewalttaten wird oft übersehen

Noch immer wird bei rechten Gewalttaten und rechtsterroristischen Anschlägen, die als rassistisch und antisemitisch motiviert verortet werden, der Antifeminismus der Täter nachrangig behandelt oder übersehen. Dabei zieht sich die Verachtung für Frauen und andere Geschlechtsidentitäten wie ein roter Faden durch rechtsextreme Attentate der vergangenen Jahre.

Jeder Rechtsextremismus ist antifeministisch, aber nicht jeder Antifeminismus ist automatisch rechtsextrem.

Judith Goetz, Politikwissenschaftlerin

So legte der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik in seinem Manifest auf allein hundert Seiten dar, welche vermeintliche Gefahr aus seiner Sicht vom Feminismus ausgehe. Breivik leitete daraus die Notwendigkeit ab, Frauen als Repräsentant*innen dieses Feindbildes töten zu müssen, um die patriarchale Ordnung wiederherzustellen. Das Massaker auf der Insel Utøya im Juli 2011 hatte er laut Plan mit der Enthauptung der früheren norwegischen Premierministerin Gro Harlem Brundtland beginnen wollen – einer Sozialdemokratin und Ärztin, engagiert für Frauenrechte in ihrem Land und darüber hinaus. Doch Brundtland war bereits abgereist, als Breivik die Insel verspätet erreichte und dort 77 Jugendliche tötete.

Der Attentäter von Christchurch, der im März 2019 51 Menschen in zwei Moscheen in Neuseeland erschoss und viele weitere verletzte, begann sein Manifest mit dem Verweis auf niedrige Geburtenraten in sogenannten westlichen Gesellschaften und fantasierte daraus die Gefahr eines sogenannten großen Bevölkerungsaustauschs und den vermeintlichen „Genozid an der weißen Rasse“.

Und während der Attentäter von Halle seine Tat im Oktober 2019 live streamte und über das Übel des Feminismus schimpfte, lief im Hintergrund ein frauenfeindliches Lied, das als eine Art Hommage an Alek Minassian bekannt ist. Minassian, bekennender Incel, hatte im April 2018 in Toronto zehn Menschen mit einem Kleintransporter überfahren und getötet – acht der zehn Opfer waren Frauen. Incels, die sich unfreiwillig ins Zölibat verdammt sehen und dafür unter anderem Feministinnen verantwortlich machen, tauschen sich zum Teil online in Chatforen wie dem mittlerweile geschlossenen 8chan aus.

Der Attentäter von Halle soll auf dessen Nachfolgeplattform 8kun aktiv gewesen sein. Nachdem er an der Tür der Synagoge in Halle gescheitert war, erschoss er eine Passantin und einen Gast in einem nahegelegenen Döner-Imbiss. Über den Tod von Jana L. zeigte sich der Angeklagte vor Gericht indifferent und wertete die Frau nochmals ab.

Hass gegen Frauen und Queers ist kein rechtsextremes Alleinstellungsmerkmal

So wichtig die Kategorie Geschlecht im Rechtsextremismus auch sei, Judith Goetz betont, dass antifeministische Gewalt kein Alleinstellungsmerkmal der extremen Rechten ist: „Jeder Rechtsextremismus ist antifeministisch, aber nicht jeder Antifeminismus ist automatisch rechtsextrem. Antifeminismus erfüllt vielmehr eine wichtige Scharnierfunktion.“ Zum Beispiel beim Thema Geschlechterdualismus. Die Vorstellung, dass es nur zwei Geschlechter gäbe, die komplementär und hierarchisch zueinander seien, sei auch in der Mitte der Gesellschaft fest verankert. Setzten sich nun Menschen dafür ein, dass es vielfältige geschlechtliche Identitäten und Lebensweisen gibt, fühlten sich davon auch Personen bedroht, die nicht notwendigerweise am rechten Rand anzusiedeln sind.

Die Angriffe treffen zwar einzelne Frauen, aber damit ist eine ganze Gesellschaft gemeint, die für demokratische Werte, Gleichberechtigung, Pluralismus und Vielfalt steht.

Judith Goetz, Politikwissenschaftlerin

Über Verschwörungsmythen wie die vermeintliche Genderideologie oder geheime Ziele des Feminismus, Stereotype, dass Feministinnen alle Jungen in Prinzessinnenkleider stecken und Menschen verbieten wollen, so zu sein wie sie möchten, würden Rechtsextreme gezielt Ängste schüren und den Versuch unternehmen, aus der rechtsextremen Ecke herauszukommen und sich als vermeintlicher Mainstream zu verkaufen, erläutert Politikwissenschaftlerin Goetz.

„Antifeminismus stellt hier die Klammer von ganz vielen verschiedenen politischen Akteur*innen dar, die von der extremen Rechten über christlich-konservative- und Single-Issue-Gruppen wie Männer- und Väterrechtler, bis zu konservativen Feuilletonjournalist*innen und Wissenschaftswächter*innen, die Gender Studies die Wissenschaftlichkeit absprechen, reicht.“

Männlichkeit vielfältiger denken

Was in der aktuellen Debatte aus Sicht von Judith Goetz zu kurz kommt, ist die Frage nach dem Umgang mit solchen Bedrohungen und möglichen Gegenstrategien: „Die Angriffe treffen zwar einzelne Frauen, aber damit ist eine ganze Gesellschaft gemeint, die für demokratische Werte, Gleichberechtigung, Pluralismus und Vielfalt steht.“ Solidarität mit den Betroffenen zu äußern und ihre Stimmen zu Wort kommen zu lassen, sei wichtig. Doch um sich nicht einschüchtern und mundtot machen zu lassen, brauche es auch eine solidarische Gesellschaft.

„Es wäre dringend nötig, in der pädagogischen und politischen Bildungsarbeit Geschlecht stärker als eine relevante Kategorie miteinzubeziehen. Das bedeutet, nicht nur da anzusetzen, wo Mädchen und Frauen diskriminiert und benachteiligt werden, sondern auch zu sehen, wie stark Männlichkeitsanforderungen schon Jungen betreffen und wie sehr sie unter Druck stehen, diesen Männlichkeitsbildern zu entsprechen – um vorzubeugen, dass sich Männlichkeit in toxischer Form weiterentwickelt und letztlich auch in rechtsterroristischen Anschlägen oder Aktionen wie denen des NSU 2.0 münden kann.“