„Du wirst angeschaut wie ein Außerirdischer“: Was an Elektroautos wirklich nervt

Kurze Reichweite, schlechte Infrastruktur, zu teuer? Es gibt viele Vorurteile darüber, was am Elektroauto stört. Nach zwei Jahren mit einem weiß unsere Autorin, was wirklich nervt.

Man merkt, dass sich oft niemand in die Lage der Elektroautofahrer*innen versetzt. CC0 / Pexels

Mein Verlobter und ich entschieden uns im Frühjahr des vergangenen Jahres dazu, ein Elektroauto zu kaufen. Nicht, weil wir die Umwelt retten wollen. Einfach nur, weil uns die Technologie und das angenehme elektrische Fahren begeisterten: kein nerviges Kuppeln und Schalten, die Kraft ist immer sofort voll da. Dazu fährt man sehr leise, was gerade bei längeren Fahrten angenehm ist. Weitere Vorteile wie kostenloses Stromtanken und die Befreiung von der Kfz-Steuer kommen hinzu.

Nun sind wir fast zwei Jahre sehr zufrieden mit unserem Elektroauto unterwegs. Trotzdem gibt es einige Dinge, die wirklich nerven, wenn man Elektroauto fährt:

1. Du stehst immer im Mittelpunkt und wirst angesehen wie ein Außerirdischer

Gerade an Orten mit vielen Leuten, wie etwa Autobahnrastplätzen oder mitten in der Innenstadt, bilden sich schnell große Trauben um dein Auto, noch bevor du überhaupt aussteigen kannst. Die Leute starren dich und dein Gefährt mit großen Augen an. Einige trauen sich sogar, dir Fragen zu stellen. Ja, das ist wirklich ein richtiges Elektroauto und das fährt wirklich nur mit Strom!

Unser persönliches Highlight war ein ganzer Reisebus voller Rentner*innen, die sich nach dem Aussteigen um unser Auto versammelt hatten und deren Fragen wir beantworten mussten. Wenn du nicht gerne mit fremden Menschen sprichst, solltest du lieber kein Elektroauto fahren.

2. Die Veganer*innen unter den Autofahrer*innen

Kennst du diese Gespräche, die sich entwickeln, wenn sich in der Runde eine Person als Veganer*in outet? Plötzlich sind alle anderen Ernährungsexpert*innen; erklären, dass der Mensch ja schon immer Fleisch gegessen hat, dass das ja gar nicht gesund sein kann und dem*derjenigen Vitamine, Proteine und sonst was fehlen. Außerdem ist das ja viel zu einseitig, dauernd nur Gemüse essen – sagt dann ausgerechnet die Person, die täglich nur Schnitzel mit Pommes verspeist.

Genauso ist es als Elektroautofahrer*in unter den überzeugten Fans von Verbrennerautos. War es beim eigenen Auto noch völlig egal, wie umwelt(un)freundlich die Herstellung ist, wie viel Abgase man in die Luft bläst oder dass Benzin auch nicht auf Bäumen wächst, sondern für die Herstellung Erdöl gefördert werden muss, wird man als Elektroautofahrer*in gleich darauf hingewiesen, dass die Batterie-Herstellung eine einzige Katastrophe für die Umwelt sei und dass man letztendlich auch nur mit Kohle- oder Atomstrom fahren würde.

Und außerdem die Reichweite! Da kommt man ja nur bis zur nächsten Straßenecke und muss dann erst einmal stundenlang das Auto wieder aufladen.

Lässt man sich auf eine solche Diskussion ein und räumt die gängigen Vorurteile aus dem Weg, reagiert der*die Gesprächspartner*in am Ende doch wieder wie Fleischesser*innen: Naja, gut und schön, aber für mich wär das ja nichts!

3. Elektromobilität wird nicht ernst genommen und nicht zu Ende gedacht

Mittlerweile betreiben viele Städte und andere Einrichtungen Ladestationen für Elektroautos. Doch gewinnt man oft den Eindruck, dass dieses eher für das grüne Image getan wird und man sich nicht ernsthaft Gedanken zum tatsächlichen Anwendungsfall gemacht hat.

So standen wir einige Male vor Ladestationen auf einem eingezäunten Gelände, welches nur Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr zugänglich ist. Wer fährt denn schon abends oder am Wochenende mit dem Auto? Defekte Ladesäulen werden zudem ewig nicht repariert – Auskunft der Notfallhotline: Ja, die ist schon länger kaputt, aber da lädt doch sowieso keiner.

[Außerdem auf ze.tt: Kein Sprit, keine Kosten, keine Menschen am Steuer: Sieht so das Carsharing der Zukunft aus?]

Man merkt sehr oft, dass sich niemand in die Lage der Elektroautofahrer*innen versetzt. Das ist sehr schade. Trotzdem überwiegen bei uns die positiven Erfahrungen und die freundlichen Begegnungen.

Wie an einem Autohaus in Mecklenburg, in dem uns der Chef persönlich noch einen Kaffee anbot als Entschädigung dafür, dass die Schnellade-Station nicht funktionierte und wir nur an der langsamen laden konnten. Toll ist auch der Zusammenhalt unter den E-Autofahrer*innen, die wie eine kleine eingeschworene Gemeinde sind und mit denen man solche Probleme teilt. Und letztendlich auch das Wissen, in einigen Jahren sagen zu können: Wir hatten schon ein Elektroauto, bevor es cool war.