Eat, Spray, Love: So verändern junge Frauen gerade die Graffiti-Szene Indonesiens

Fast 30 Millionen Einwohner*innen leben in der Mega-Metropole Jakarta. Für Individualität bietet sich in Indonesiens Hauptstadt immer weniger Freiraum. Grünflächen verschwinden und weichen Neubauten aus Beton. Eine neue Generation von Aktivistinnen antwortet darauf mit bunten Graffitis.

Es ist laut und schwül im indonesischen Großstadtdschungel. Zur Feierabendzeit mischt sich der Abgasgestank von Jakartas Straßen mit den intensiven Grillgerüchen aus den Warungs, den indonesischen Garküchen. Inmitten der Hektik posiert eine junge Frau lässig vor einer frisch angesprühten Wand. „Bunga“ steht dort in knalligen Lettern geschrieben. „Nicht allen gefällt, dass Frauen wie ich die Wände Jakartas mit Spraydosen verzieren. Viele halten mich für ein ungezogenes bad girl. Ich wurde auch schon als Kriminelle beschimpft“, sagt die 27-jährige Künstlerin. Ihr Name ist Bunga Fatia, sie hat die sorglose Aura einer urbanen Jeanne d’Arc. Von der Kritik zeigt sie sich unbeeindruckt.

Langsamer Aufstieg von Graffiti als Kunstform

Seit ein paar Jahren treten immer mehr junge Frauen in Jakarta mit bunten Farbdosen gegen die Tristesse der monochromen Metropole und die Konventionen der konservativen Gesellschaft Indonesiens an. Über Instagram teilen sie Fotos ihrer fertigen Werke und vernetzen sich. Für viele dieser Mädchen ist Bunga eine Galionsfigur.

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Inspiriert von illegalen Graffitis nahm sie 2005 zum ersten Mal eine Sprühdose in die Hand. „Gleichgesinnte Mädchen gab es damals schlichtweg keine unter den Sprühern“, erklärt Bunga, deren Vorname aus dem Indonesischen übersetzt Blume bedeutet und zugleich ihr Graffiti-Alias ist. „Bis 2013 bin ich zum Sprayen ausschließlich mit Jungs um die Häuser gezogen.“ Denn auch wenn der Islam in Indonesien keine Staatsreligion ist, ist es das größte muslimische Land der Welt – mit nach der Religion traditionell verteilten Geschlechterrollen. Kritiker*innen sind der Ansicht, die Graffiti-Aktionen, die oft dicht am turbulenten Verkehr und in einsturzgefährdeten Gebäuden am Stadtrand stattfinden, seien zu gefährlich für junge Frauen. Die Akzeptanz der Bevölkerung für Graffiti als Kunstform wächst zudem nur ganz allmählich in Indonesien. Legale Aufträge für das globale Graffiti-Phänomen gibt es fast nur in den touristischeren Zentren.

Graffiti-Bewegung von und für junge Frauen: Ladies on Wall

2014 rief Bunga deshalb Ladies on Wall ins Leben, ein legales Graffiti-Event nur für Frauen. Nach der erfolgreichen Premiere mit neun Künstlerinnen exportierte Bunga die Veranstaltung zusammen mit ihren Mitstreiterinnen Kare und CIML mit zunehmendem Erfolg in weitere javanische Metropolen. Gemeinsam wollen sie die künstlerische Entfaltung von Frauen in Indonesien fördern. „Noch sind leider viele der indonesischen Mädchen zu schüchtern und zögerlich, um selbst zu sprayen. Aber es ist ja nicht so, dass unsere Graffitis aus Blümchen und Herzen bestehen, nur weil wir Mädchen sind“, erklärt die 20-jährige Kare. Geschlechterkampf interessiert sie allerdings nicht, auch gesellschaftlicher Protest ist nicht die Antriebsfeder für ihre Kunst. „Graffiti macht mich glücklich. Mir geht es einfach darum, die Wände im öffentlichen Raum schöner zu gestalten.“ Viele männliche Graffiti-Künstler respektieren das Ladies-on-Wall-Kollektiv und bewundern die hohe Qualität ihrer Wandwerke.

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Die eigene Identität durch die Kunst finden

Während einige Frauen beim Sprayen Turnschuhe, Jeans und Hidschab tragen, hat Bunga lieber eine Basecap oder gar nichts auf. Ihre religiöse Kopfbedeckung hat sie vor vier Jahren abgelegt. Denn offiziell ist diese in Indonesien nicht von oben verordnet, sondern Glaubensbekenntnis und modisches Accessoire zugleich. „Zehn Jahre lang habe ich meinen Kopf verhüllt. Als ich anfing mich für das Nachtleben zu interessieren und eine wilde Seite an mir entdeckte, habe ich mich selbst vor die Wahl gestellt, ob ich weiterhin Hidschab tragen und für die Gesellschaft tagsüber das brave Mädchen verkörpern möchte“, erklärt sie und fügt mit selbstsicherer Attitüde hinzu: „Es war die bislang härteste Entscheidung in meinem Leben. Aber ich habe mich für Selbstbestimmung entschieden und bin glücklich damit.“

Auch beruflich hat sie vor zwei Jahren eine folgenreiche Entscheidung getroffen und ihren regulären Job in einem Luxushotel in Jakarta aufgegeben, um sich fortan voll und ganz ihrer Passion für Pop-Art und Graffiti zu widmen. Als gefragte Graffiti-Künstlerin leitet sie heute eigene Workshops, sprayt Auftragsarbeiten und war schon in TV-Shows in Singapur und Manila zu Gast. An ihrer Ladies-on-Wall-Veranstaltung nahmen im vergangenen Jahr mehr als 60 Künstlerinnen teil, unter ihnen auch INKTEN und Sam Lo, zwei prominente Gäste der Street-Art-Szene aus dem benachbarten Singapur. Doch für Bunga ist der Weg damit noch nicht zu Ende. Ihre Mission: Noch mehr junge indonesische Frauen für die Sprühdosenkunst begeistern.