Edvard Munchs „Der Schrei“ schreit gar nicht

Schrei oder Nicht-Schrei? Das British Museum hat eine langjährige Debatte um die Bedeutung von Edvard Munchs wohl berühmtestem Gemälde gelöst.

Edvard Munchs "Der Schrei" schreit gar nicht

Aaah! | Foto: Leon Neal/Getty Images

Der norwegische Maler Edvard Munch schuf zwischen 1893 und 1910 vier Gemälde sowie eine Lithografie mit dem Namen Der Schrei. Das Motiv dürfte den meisten bekannt sein: Unter einem roten, bedrohlichen Himmel steht eine geschlechtslose Person auf einer Brücke. Ihre Hände liegen auf den Ohren, die Person reißt vor Entsetzen Augen und Mund weit auf. Ihr Kopf ist simpel gehalten, fast totenkopfähnlich. Es scheint, als würde ihr ein Schrei entweichen – so die bisherige Annahme.

Wie das British Museum bekannt gegeben hat, trifft diese Interpretation nicht zu. Die Figur auf dem Bild stoße keinen Schrei aus, sondern höre einen Schrei, der aus der Natur kommt. Die Figur würde bloß mit einem entsetzten Gesichtsausdruck darauf reagieren. In der neuen Ausstellung Edvard Munch: Love and Angst zeigt das Museum eine lithographische Version von Der Schrei. Am unteren Rand des Bildes steht der Satz „Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur“.

Edvard Munchs "Der Schrei" schreit gar nicht
Foto: Dpa

„Diese seltene Version von Der Schrei verdeutlicht, dass Munchs bekanntestes Kunstwerk eine Person abbildet, die einen Schrei hört und nicht – wie viele es glauben – selbst schreit“, sagt Giulia Bartrum, Kuratorin der Ausstellung, zu The Telegraph.

Einem Tagebucheintrag von Munch ist zu entnehmen, dass der Satz am unteren Bildrand wohl auf einen seiner Spaziergänge entlang eines Fjordes vor Oslo verweist:

„Ich ging mit zwei Freunden die Straße hinab. Die Sonne ging unter – der Himmel wurde blutrot, und ich empfand einen Hauch von Wehmut. Ich stand still, war todmüde und lehnte am Geländer – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück, zitternd vor Angst – ich fühlte den großen Schrei in der Natur. Ich malte dieses Bild – malte die Wolken wie wirkliches Blut – die Farben schrien.“

„Er versuchte, ein Gefühl zu einem bestimmten Zeitpunkt einzufangen“, erklärt Kuratorin Bartrum. „Er schrieb den Satz ganz bewusst auf diese Version, um zu beschreiben, dass die Inspiration für dieses Bild von einer plötzlichen Panikattacke stammte.“ Ob Munch nun tatsächlich einen Schrei in der Natur hörte oder nur in seinem eigenen Kopf, könne sie natürlich nicht wissen.

Der Schrei wird zum Emoji

Die Diskussion über die Bedeutung von Der Schrei besteht seit Jahrzehnten. Selbst der ehemalige Direktor des Munch-Museums in Oslo, Gunnar Sørensen, war bisher der Meinung, dass die Bedeutung des Bildes eine Frage der Interpretation sei. Sein Nachfolger Stein Olav Henrichsen gab dem British Museum nun aber recht: „Es gibt viele Anmerkungen zu dem Bild, aber wir haben Munchs eigene Worte. Sie belegen, dass jemand seine Ohren hält, weil er die Natur schreien hört.“

Der Schrei (die Pastellversion von 1895) gilt bis heute als eines der teuersten Gemälde weltweit. Es wurde im Mai 2012 für knapp 120 Millionen US-Dollar versteigert. Für viele steht das Bild für den Beginn einer neuen Stilrichtung: des Expressionismus. Der Schrei hat es mittlerweile auch in unsere Handys geschafft, nämlich in Form von Emojis. Und wie es aussieht, haben wir sie bisher falsch benutzt. Denn laut der globalen Emoji-Datenbank und Mitglied des Unicode Consortiums Emojipedia stellen sie „gelbe, vor Angst schreiende Gesichter“ dar und sollen tatsächlich an Munchs Gemälde erinnern. 😱🙀