Egal ob Mann oder Frau: Diese Fotografin lässt die Unterschiede der Geschlechter verschwimmen

Es wird Zeit, den Körper des Menschen endlich abseits von Rollenbildern zu schätzen. Fotografin Aline Pape zeigt mit ihrem Fotoprojekt, wie ähnlich wir uns im Grunde alle sind.

Niemand kann sich das Geschlecht, mit dem er*sie geboren wird, aussuchen. Unsere sexuelle Identität entwickelt sich, während wir aufwachsen. Zeit unseres Lebens erfahren wir alle Vor- und Nachteile von Rollenbildern, die die Gesellschaft mit unserem Geschlecht verknüpft. Um die Komplexität unserer Welt begreifen zu können, simplifizieren und banalisieren wir sie. Wir machen Vielschichtiges zweidimensional und Buntes monochrom. Kurz: Wir denken in Kategorien – und machen die Welt damit unweigerlich ein bisschen ungerechter.

Gesellschaftlicher Geschlechtszwang

Geht es um die Einteilung von Geschlechtern, können wir im binären Denken alle Menschen nur in Männer und Frauen einteilen. Chromosomen und Hormone formen unsere Körper zumeist typisch männlich oder weiblich, allem voran die primären und sekundären Geschlechtsorgane. Neben unserer Anatomie unterscheidet sich aber auch unsere Psyche und unser Sozialverhalten voneinander – auch dieser werden oft angeblich männliche oder weibliche Attribute zugeschrieben.

Dadurch werden wir in bestimmte Geschlechterrollen gezwängt. Die Gesellschaft stellt an alle Menschen gewisse Erwartungen und Anforderungen, diese Rollen zu erfüllen. Wer sich weigert oder schlicht nicht die Möglichkeit hat, muss mit Diskriminierung, Ausgrenzung und Ablehnung rechnen. Vor allem trans Menschen, aber auch Homosexuelle oder Personen, die sich abseits der binären Norm bewegen, blicken auf einen langen Kampf gegen ebenjene Stereotype zurück.

Konformität der Geschlechter

Gegen derartige Zwänge richtet sich Fotografin Aline Pape mit ihrem Projekt Between. Sie stellt sich die Frage, inwieweit sich Menschen durch ihr Geschlecht definieren. Antworten auf diese Fragestellung versucht sie zu visualisieren, indem sie ihre Protagonist*innen erst nackt ablichtet und deren Fotos anschließend übereinanderlegt. Damit kreiert sie eine Art Konformität der Geschlechter, eine utopisches Menschenbild ohne stereotype Körpermerkmale.

Durch die Verschmelzung der Körperkonturen entstehen neue Formen, die abseits von Frau oder Mann androgyne Menschen zeigen und jeweils alle Geschlechtsmerkmale tragen. „Ich zeige mit meinen Arbeiten gerne eine Zukunft, die ich selbst als erstrebenswert erachte“, sagt die 22-Jährige.

Eine visuelle Gleichberechtigung von Mann und Frau

Der Großteil der Fotomodelle stammt aus Papes Freund*innen- und Bekanntenkreis. Trotz der emotionalen Nähe fiel es den meisten nicht schwer, sich vor der Fotografin auszuziehen. Denn sie entdeckte schnell, dass sich die Teilnehmenden entspannten, solange sie selbst auch locker war. „Ich habe mich mit den Menschen ganz offen über Meinungen, Haltungen und ihre Erfahrungen unterhalten und es war einfach eine ganz normale, ungewöhnliche Situation“, sagt die Fotografin aus dem Sauerland. Nur in Einzelfällen nahm das Schamgefühl überhand. Wer sich im eigenen Körper nicht wohlfühlte, weil nach eigenem Empfinden der Bauch zu groß, der Busen zu klein oder die Hüften zu breit seien, brauchte erst ein paar Momente, um das Unbehagen zu verjagen. Am Ende hat es bis auf eine Ausnahme geklappt. Eine Frau schämte sich so sehr, dass sie das Fotoshooting vorzeitig abbrach.

„Es geht um den Körper von Menschen, nicht darum, wem er gehört.“

Aline Pape, Fotografin

Fotografin Pape entschied sich bewusst dazu, keine Gesichter zu zeigen. Nicht nur, um die Anonymität der Teilnehmenden zu wahren. Sondern überwiegend, um nicht von der Botschaft des Projekts abzulenken: „Es geht um den Körper von Menschen, nicht darum, wem er gehört.“ Aus demselben Grund blendete sie auch die Penisse männlicher Personen großteils aus. Das Hauptaugenmerk soll nicht auf dem Geschlecht liegen. Zudem sollten die primären Geschlechtsorgane „in ihrer visuellen Wichtigkeit auf gleicher Ebene stehen“, sagt Pape. Auf einen derartigen Ausgleich achtete sie ebenso bei der Bildbearbeitung. Die Transparenz beider Fotografien sind jeweils gleich hoch, damit nicht einer der beiden Körper in den Vordergrund rückt.

Ein Zeichen der Verbundenheit

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Papes liebstes Foto. Foto: © Aline Pape

Papes Lieblingsfoto unterscheidet sich ein wenig von den restlichen Fotos der Serie. Die beiden Körper sind hier in gespiegelter Perspektive übereinandergelegt. Dadurch scheint es so, als würden sich die Personen gegenseitig sanft halten. „Die Geschlechtsteile liegen jeweils an der Brust des anderen und das vermittelt für mich eine Art von Verbundenheit“, sagt Pape. Der Bauchnabel würde sie zudem verbinden und an den Ursprung des Körpers erinnern, bei dem das Geschlecht noch keine Rolle gespielt habe.

Jeder Mensch unterscheidet sich vom nächsten. Unsere Körperformen, unsere Gedanken und Verhalten sind so verschieden wie Schneeflocken. Trotzdem beugen wir uns mehr oder minder freiwillig Idealvorstellungen, die streng genommen unerreichbar sind. Laut Pape sind wir allerdings alle in einem Punkt gleich: „Wir alle wohnen in einer Verkörperung unseres Selbst und das hat mit dem jeweiligen Geschlecht und dessen Rolle nichts zu tun.“ Nicht ohne Grund wählte Pape als Logo für ihr Projekt Between die sogenannte Hodentitte. Damit möchte sie zum Nachdenken anregen und empfiehlt, das eigene Rollenverhalten zu hinterfragen. Denn am Ende könnte das die Welt ein kleines Stückchen besser machen.

Hodentitte
Die Hodentitte. Illustration: © Aline Pape

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