„Eher wie eine Zweck-WG“: Wie das Leben in einem besetzten Haus funktioniert

Der 37-jährige Janosch wohnt im Grünberger 73, einem Hausprojekt in Berlin Friedrichshain. Hier gibt es weder Putz- noch Duschplan. Janosch nervt das nicht, andere schon.

Der Innenhof des Hausprojekts "Grünberger 73" in Berlin © Verena Simon

Fast unscheinbar steht das Haus in der Grünberger Straße am Boxhagener Platz in Berlin Friedrichshain. Putz bröckelt von der Fassade, die an manchen Stellen mit Farbklecksen und Malereien versehen ist, hier ein von Strahlen umrahmtes Auge, dort ein überdimensionales Strichmännchen. Im Erdgeschoss reihen sich Graffiti und Plakate an Hauswand und Haustür entlang.

Wild bepflanzte Blumenkästen hängen an den Fenstern, Parolen auf Bettlaken sind an den Balkonen befestigt, Grünzeug rankt sich daran hinab.

Das Grünberger 73 ist ein besetztes Haus. Anfang der 90er wurde der vierstöckige Altbau Teil der Hausbesetzerbewegung, deren Zentrum die Mainzer Straße war, die sich gleich um die Ecke befindet. Im November 1990 lieferte sich die Polizei dort mit den Hausbesetzer*innen Straßenschlachten – die Beamt*innen wollten alle Häuser räumen, die Besetzer*innen wollten bleiben. Das Grünberger 73 war auch zwei Jahre später noch illegal bewohnt, bis die nötigen Stellen der Stadtverwaltung nachgaben.

Der Hausverein „Stormy Landscape e.V.“ wurde gegründet und die Instandsetzung des Hauses nahm ihren Lauf. Einige Eigentümerwechsel folgten, bis das „Grüni 73“ schließlich dem Hausverein zum Kauf angeboten wurde. Zum Jahreswechsel 2004 erwarb es die Grünberger 73 GmbH dann nach dem Modell des Freiburger Mietshäusersyndikats. Das heißt: Das Haus verschwand vom Immobilienmarkt und wurde der Selbstverwaltung durch seine Bewohner*innen überlassen.

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Dabei ist es bis heute geblieben. Das Grünberger 73 ist eines dieser Häuser, das übrig geblieben ist. Es ist ein Relikt aus alten Zeiten, denn die bunte Vergangenheit der Gegend um den Boxhagener Platz lässt sich heute nur noch erahnen. Zugleich ist es ein Zeugnis der Gegenwart, denn die Hausbesetzer*innen-Szene existiert nach wie vor in Berlin, wenn auch nicht mehr so offensichtlich oder so radikal. Jedoch nicht minder interessant. Immer wieder tingeln Touribusse an den Hausprojekten vorbei, auch am Grünberger 73.

Gemeinschaftsfläche statt Kommunen-Klischee

Hausprojekte lassen an ein umtriebiges Zusammenleben denken, ein Dasein zwischen Sperrmüll und Hippe-Allüren. Doch die „Alternative zum klassischen Mietverhältnis“, wie es auf der Webseite des Grünberger 73 steht, sieht anders aus. Das Haus hat eine Wohnfläche von 1907 Quadratmetern, die sich auf drei durchgängige Bereiche verteilen: das Vorderhaus, den Seitenflügel und das Hinterhaus, in dem ausschließlich Frauen leben.

Im Erdgeschoss richtete sich ein Künstler-Kollektiv, ein Sportverein NSC und ein Kurzfilmfestival-Veranstalter ein. Auch ein Stadtteilladen, in dem verschiedene Projekte und Konzerte organisiert und eine Volksküche angeboten wird, befindet sich dort. Außerdem gibt es Werkstätten, ein Yogastudio, einen Innenhof und eine Dachterrasse. Hier herrscht reges Treiben.

Das war für Janosch ausschlaggebend, um dort einzuziehen – die vielen Gemeinschaftsflächen. Ich treffe ihn an einem Freitagnachmittag in einem Café gleich neben dem Grünberger 73. Er wohnt seit eineinhalb Jahren dort, vor allem, weil er mit vielen Menschen zusammenleben will.

Janosch an der Tür zum Yogaraum © Verena Simon
Janosch an der Tür zum Yogaraum © Verena Simon

Das Hausprojekt ist für Janosch wie eine normale WG, nur „dass eben noch ein paar Leute mehr da sind.“ Eine Menge mehr Leute, 60, um genau zu sein. Doch im engeren Sinne wohnt er zu zwölft, denn sein Zimmer befindet sich im Vorderhaus, in dem zwölf Bewohner*innen Platz finden. Abgesehen davon waren seine Beweggründe die aller Wohnungssuchenden: die Miete und die Lage, vielleicht noch die Zimmergröße.

Janosch hat das größte Zimmer abbekommen und Miete zahlt er für die 30 Quadratmeter vergleichsweise wenig: 270 Euro. Die Miete geht zum Teil an die GmbH, um bestehende Kredite abzuzahlen. Zum Teil auch an einen Fond, aus dem Reparaturen am Haus bezahlt werden oder Anschaffungen wie eine Waschmaschine. Mit seinen 37 Jahren ist Janosch einer der jüngsten Bewohner. „Der Schnitt liegt bei Mitte 40, der jüngste Mitbewohner ist vier Jahre alt. Da ist alles möglich.“

Hausprojekte sind Janosch nicht unbekannt, er hat zuvor schon in anderen gelebt. Auch in WGs und mit seiner Ex-Freundin zusammen. Nie aber allein. Das Grünberger wurde ihm von einem Freund empfohlen: „Da musst du unbedingt hinziehen, ist nett dort“, sagte der. Als ein Zimmer frei wurde, hat Janosch sich wie bei einem normalen WG-Casting beworben und wurde genommen.

Es war einmal… das Leben

Neue Mitbewohner*innen werden von den einzelnen Hausteilen intern ausgewählt. Jeder Hausteil hat auch einen eigenen Gemeinschaftsraum, in Form einer Küche und einem Wohnzimmer. Das gesamte Haus trifft sich nur in bestimmten Fällen, zu Strategietagen beispielsweise, wenn es um Dinge geht, die alle betreffen. Das Grünberger versteht sich zwar als großes Ganzes, doch die Hausteile bleiben oft unter sich.

Janosch kennt kaum jemanden aus dem Seitenflügel. Dennoch ist jede*r am Wohl der Gemeinschaft beteiligt und trägt dazu bei, was er*sie kann und möchte. „Jeder hat seine Aufgabe. Handwerkliches, Öffentlichkeitsarbeit oder einfach Papierkram.“ Während Janosch mir die Abläufe erklärt, muss ich an die Kinderserie „Es war einmal… das Leben“ denken, in der alle Bauteile des menschlichen Körpers zusammenhelfen, damit er funktioniert. So kommt mir die Selbstverwaltung im Grünberger 73 auch vor: Alle wissen, was sie zu tun haben und zu welchem Zweck ihre Beteiligung nötig ist.

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Janosch hält sich aus vielem raus. „Es gibt Leute, die sehen das Haus als ihr Haupthobby, aber für mich ist das nicht so.“ Er ist Grundschullehrer und Geschäftsführer einer Bar am Ostkreuz. Sein Alltag findet vor allem fernab vom Grünberger 73 statt. „Ich mache hauptsächlich mein eigenes Ding.“

Seinen Beitrag leistet er mit Konzerten, die er für die Gemeinschaft organisiert oder sich selbst daran beteiligt. Der einzige Verwaltungsdienst, den er übernimmt, ist das Postfach der GmbH, und das in Vertretung. Bei den vielen Briefkästen – und es stehen mehr Namen darauf, als Menschen im Haus wohnen – landet die Post oft an der falschen Stelle. „Da gibt es dann jemanden, der die Post sammelt und wieder jemanden, der E-Mails verschickt, wo die Post abgeholt werden kann. Ich kümmere mich darum, dass die Briefe, die die Verwaltung betreffen, ankommen.“

Politisch aktiv sein ist keine Pflicht

Janosch ist nicht politisch aktiv oder sozial engagiert. „Das ist nicht unbedingt wichtig. Wobei der Seitenflügel lieber Leute aufnimmt, die sich sozial engagieren. Das Vorderhaus ist relativ gemäßigt. Solange man nicht rechtsradikal orientiert ist, ist das politische Interesse kein Thema“, sagt er.

Das Grünberger 73 unterscheidet sich in vielem von üblichen WGs: Es gibt keine getrennten Kühlschrankfächer, keinen Putzplan, keine WG-Kasse oder gar ein WG-Konto. „Wer einkauft, kauft immer für alle. Man ist bereit, mit den anderen zu teilen. Meistens dauert es einen Tag und dann ist alles weg. Manche Mitbewohner kleben ihren Namen auf die Lebensmittel, die sie für sich haben wollen oder brauchen. Laktosefreie Milch zum Beispiel.“

Ansonsten herrscht Küchenanarchie. Es gibt keine Absprachen und so kommt es eben auch mal vor, dass fünf Packungen Toilettenpapier gleichzeitig gekauft werden. Mit den Ausgaben geht es dabei nie ganz gerecht zu. Das spielt für Janosch aber keine Rolle. „Es gibt Leute, für die ist das ein Thema, aber mir macht das nichts aus. Es war immer so und ich habe es so angenommen.“

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Ähnlich verläuft es mit dem Putzen. Einzig ein Zettel am Kühlschrank weist freundlich darauf hin, dass jede*r den Putzlappen in die Hand nehmen soll. „Es wird davon ausgegangen, dass alle in der Lage sind, Dinge einzuhalten, die für den Fortbestand des Hauses wichtig sind. Also wird auch vorausgesetzt, dass jeder den Schmutz und den leeren Kühlschrank sieht und sich beteiligt. In der Regel funktioniert das gut.“

Es scheint, als sei Janosch vieles herzlich egal. Mit der Betonung auf herzlich, weil er gerne teilt und toleriert. Einzig der Lärm aus der Bar stört ihn ab und an, weil sein Zimmer direkt darüber liegt. „Ansonsten bin ich ziemlich hart im Nehmen. Auch wenn es zum Beispiel um die Bäder geht. Wir haben sechs, aber nicht jedes hat eine Dusche. Dann kann ich halt mal nicht rein, wenn ich rein möchte.“

Es gibt keine WG-Whatsapp-Gruppe

Konflikte zwischen Einzelnen werden unter den Betroffenen geklärt. Gilt der Unmut allen, wird das WG-Buch zur Hand genommen. „Auch hier wird erwartet, dass jeder hineinschaut.“ Das Buch ist das einzige Medium, über das sich die Bewohner austauschen, es gibt keine WhatsApp- oder Facebook-Gruppe.

Alles, was mitgeteilt werden möchte, kommt dort hinein, denn einige Bewohner*innen laufen sich nur selten über den Weg. „Das Zusammenleben ist sehr von den unterschiedlichen Strukturen der Bewohner*innen geprägt. Es ist nicht so, wie man es vielleicht aus dem Studium kennt. Man hat nicht immer einen riesen Spaß zusammen und quatscht über alles. Das Bedürfnis nach großen Runden ist gar nicht so vorhanden.“ In erster Linie ist man also Mieter.

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Wie man sich im Haus einbringt, ist allen selbst überlassen. „Man sucht sich die Leute raus, die man selbst interessant findet und mit dem Rest hat man nicht viel zu tun.“ Der eigentliche Gemeinschaftssinn, der das Haus verbindet, wird also nicht ständig ausgelebt.

Zweck- statt Freunde-WG

Es verstehen sich nicht alle gut – aber alle akzeptieren einander, wie sie sind. „Es gibt viele spezielle Leute, die hier auch schon lange wohnen. Leute, die bei allem dabei sind, oder welche, die sich komplett raushalten.“ Demnach ist viel Raum für Eigenbrötlerei vorhanden und es geht mehr darum, jederzeit die Möglichkeit zu haben, Gemeinschaft aufzusuchen.

„Der normale Single-Haushalt ist ja so: Du hast deine kleine Wohnung und bist total privat. Dann gehst du aus der Tür und da sind Türen zu anderen Wohnungen, da wohnt Herr Schmitt und Herr Müller und die hast du vielleicht mal gesehen aber noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt. Auf diese Art von Zusammenleben habe ich keine Lust“, sagt er. „Klassische WGs sind trotzdem sozialer. Hausprojekte sind keine Freunde-, sondern eher Zweck-WGs. Hier kannst du dich besser zurückziehen, auch wenn du mit der Gemeinschaft konfrontiert bist, weil Küche und Bad geteilt wird.“

Jeder, der hier wohnt, mag es ja auch, in einer Gemeinschaft zu leben. Aber Freunde hat man vor allem außerhalb des Hauses.

Dementsprechend selten wird beispielsweise zusammen gekocht. Aber es gibt gemeinsame Aktivitäten in Form von Veranstaltungen wie Kinoabende, Flohmärkte oder Partys. Oftmals haben die ihren ganz besonderen Touch.

An dem Tag, an dem ich Janosch treffe, hat eine Mitbewohnerin ein Krimi-Dinner arrangiert. Wer mitmachen möchte, hat eine Rolle zugeteilt bekommen – Janosch ist der avantgardistische Künstler mit dem falschen französischen Akzent. Diese freie Interaktion innerhalb der Gemeinschaftsflächen ist, was für Janosch das Leben in Hausprojekten ausmacht. Und nicht nur für ihn.

Das Wohnkonzept findet großen Anklang. Viele besetzen ihr Zimmer seit Jahren, von außerhalb kommt kaum jemand rein. Da hatte Janosch Glück. Auch er hält an seinem Zimmer fest, noch. Doch eigentlich hat er seine ganz eigene Lebensweise. Er arbeitet zwei oder drei Jahre, dann geht er reisen, und danach sucht er sich eine neue Bleibe. Vielleicht wird es wieder ein Hausprojekt, vielleicht eine WG Hauptsache Gemeinschaft.