Ein Jahr Ehe für alle – Warum ich kein Konfetti in die Luft werfe

Seit einem Jahr dürfen Lesben und Schwule genauso heiraten wie Hetero-Paare. Für unsere Autorin mangelt es dennoch an Gleichberechtigung – vor allem beim Thema Sorgerecht. Ein Kommentar

Seit einem Jahr dürfen Lesben und Schwule genauso heiraten, wie Hetero-Paare. Für unsere Autorin mangelt es dennoch an Gleichberechtigung; vor allem bei der Adoption von Kindern. Ein Kommentar

Die Ehe für alle wird heute ein Jahr alt. rawpixel / Unsplash | CC0

Zu dieser Zeit, vor einem Jahr, bekam ich plötzlich viele Whatsapp-Mitteilungen und SMS mit Glückwunschbekundungen von Freund*innen und Bekannten. Ich war verwundert. Mein Geburtstag war schon eine Weile her und unsere Hochzeit sowieso. Stopp, es war gar keine „richtige“ Hochzeit damals; vor dem 1. Oktober 2017 gab es für gleichgeschlechtliche Paare nur die Möglichkeit der eingetragenen Lebenspartnerschaft.

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Ich scrollte mich durch sämtliche Social-Media-Feeds und sah Bilder voller Regenbogeneuphorie. Auch ich war geneigt, spontan Konfetti in die Luft zu werfen. Aber leider musste ich feststellen: Die Ehe für alle ist für Familien noch lange kein Grund zum Jubeln. Auch ein Jahr danach nicht.

Heiraten ja, gemeinsames Sorgerecht hmm ja, vielleicht

Zwar ermöglicht das Gesetz zur Ehe für alle, dass nicht – wie zuvor – nur heterosexuell verheiratete Paare gemeinsam ein Kind adoptieren dürfen, sondern von nun an alle Ehepaare. Allerdings sind wir von einer kompletten Gleichstellung des Familienrechts noch weit entfernt.

Laut Gesetz wird ein Ehepaar zu einem gleichberechtigten Elternpaar, sobald in diese Ehe ein Kind geboren wird. Dabei ist tatsächlich egal, ob das Kind auch gemeinsam von dem Ehepaar gezeugt wurde. Punkt. Dies gilt aber nach wie vor nur für Heteropaare.

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Wenn nun etwa verheiratete Frauenpaare gemeinsam Kinder bekommen würden, indem eine der beiden Frauen schwanger wird, müssten sie noch immer den bürokratischen Marathon einer Stiefkindadoption durchlaufen. Davon, wie erniedrigend und emotional belastend dieser sein kann, können etliche Paare ein Lied singen. Auch mir graut es davor: Frühestens acht Wochen nach der Geburt unseres Kindes müssten meine Frau und ich sämtliche Dokumente wie  ein polizeiliches Führungszeugnis und ein ärztliches Gesundheitszeugnis beim Familiengericht einreichen, welches daraufhin das Jugendamt beauftragt, um meine Frau und mich auf Herz und Nieren zu prüfen.

Dazu würden endlose Fragerunden über unsere psychische Verfassung, die Stabilität unserer Beziehung oder das Verhältnis zu unseren eigenen Eltern gehören. Damit nicht genug, würde man unsere Wohnung zwecks Kinderfreundlichkeit begutachten und beobachten, wie wir denn mit dem Kind umgehen würden und ob das so alles so seine Richtigkeit hätte.

„Co-Mutter“, statt einfach „Mama“

Natürlich dürfte nicht der Eindruck entstehen, dass eine von uns mit irgendetwas überfordert sei in dieser frühen Zeit mit Baby. Die Co-Mutter, meine Frau, müsste beweisen, dass sie die ihr zugeteilte Namensschöpfung verdient hätte. Oft höre ich das Argument, die Mütter müssten sich ja begrifflich irgendwie voneinander unterscheiden und „Co-Mutter“ sei keine Diskriminierung. Ich frage mich nach wie vor, warum bei zwei Omas nicht auch zwischen Oma und Co-Oma unterschieden wird.

Im Anschluss an das ganze Prozedere würden also fremde Personen entscheiden, ob unser Kind, welches ich austrug, durch meine Frau adoptiert werden dürfte. Solch ein Akt kann sich gut und gerne über mehrere Jahre hinziehen.

Mein erster Gedanke vor einem Jahr war daher, dass mit der kompletten Gleichstellung dieser ganze Irrsinn ja wohl endgültig wegfallen müsste. Dies ist bislang nicht geschehen. Und diese Diskriminierung wird in erster Linie auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen.

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Die Ehe für alle änderte bisher vor allem eins: Sie schaffte die komplizierten Begrifflichkeiten ab, die bis dato die Beziehungen heterosexueller und nicht-heterosexueller Menschen voneinander unterschieden: Trauung, Hochzeit, Ehe und Scheidung gehörten bisher den Heteros – jetzt gehören sie Heteros und Homos! Wir können seit inzwischen einem Jahr zum Amt gehen und gegen eine erneute Gebühr unsere Lebenspartnerschaft in eine Ehe umwandeln lassen.

Geheiratet haben seit dem 1. Oktober 2017 laut einer bundesweiten Umfrage der Deutschen Presse Agentur (dpa) unter Standesämtern mindestens 10.000 Lesben und Schwule – die meisten davon in Köln und Berlin. Auf Nachfrage nach genauen Zahlen der Paarkonstellationen bei den jeweiligen Standesämtern kommt häufig die Antwort, man erfasse nicht gesondert, ob Frau und Mann, Frau und Frau oder Mann und Mann geheiratet hätten. Ehe für alle bedeute ja nun einmal keinen Unterschied mehr zu machen.

Welch Lichtblick, das zu hören. Die gute Hoffnung bleibt, dass das irgendwann einmal wirklich so sein wird. Dann bin ich die erste, die all meinen Freund*Innen und Bekannten Nachrichten schreibt und Konfetti in die Luft wirft.