Ein Jahr nach Halle: „Ich wollte die Tür nicht noch mehr verletzen“

Eine Holztür rettete vor einem Jahr 52 Menschen in der Synagoge von Halle das Leben. Lange war unklar, was mit ihr passieren soll – bis die 19-jährige Lidia Edel anbot, sie in ein Kunstwerk zu verwandeln.

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Lidia Edel nennt die Einschusslöcher an der Tür Schusswunden. Fotos: © ze.tt (links), dpa (rechts)

Wie die alte Synagogentür der Jüdischen Gemeinde in Halle heute aussieht, darf Lidia Edel nicht verraten. Bis die Tür am Freitagnachmittag zum ersten Jahrestag des Anschlags enthüllt wird, soll geheim bleiben, woran die 19-Jährige in den vergangenen Monate gearbeitet hat: Die lebensrettende Tür künstlerisch in ein Mahnmal zu verwandeln.

Wie die Tür aussah, nachdem sie 52 Menschen vor einem rassistischen und antisemitischen Attentäter bewahrt hatte: 110 Zentimeter breit, 209 Zentimeter hoch, in Lamellenoptik, von rund 20 Schüssen durchlöchert, die Klinke verschwunden. An dieser Tür aus Eiche scheiterte am 9. Oktober 2019 ein Rechtsextremer.

„Schusswunden“, so nennt Lidia Edel die Einschusslöcher, die in den Wochen und Monaten nach dem Anschlag noch tiefer geworden seien. Immer wieder seien Menschen an der Synagoge vorbeigekommen und hätten mit ihren Fingern in den Löchern gebohrt. Auf der Suche nach Holzspänen, die ihnen Glück bringen und auch sie beschützen sollten. Für viele grenzt es an ein Wunder, dass diese unscheinbare Tür hielt.

Lidia hat in diesem Jahr in Halle ihr Abitur gemacht. Selbstsicher führt die 19-Jährige Anfang dieser Woche durch das Kellergeschoss der jüdischen Gemeinde im Zentrum der Stadt, wo sie die vergangenen Monate viel Zeit verbrachte. Ihr Vater und sie haben die Räume gemeinsam renoviert. Die jüdischen Kinder und Jugendlichen der Gemeinde können sich hier nach der Schule treffen, Billard spielen oder Geburtstage feiern. An den Wänden hängen Bilder von Lidia: das Tote Meer, eine Stadtansicht von Tel Aviv und die Klagemauer in Jerusalem. Sie malt seit ihrer Kindheit, erzählt davon, dass sie gerade die Stilrichtung Expressionismus ausprobiere. Am liebsten würde sie auch darüber sprechen, was aus der durchlöcherten Synagogentür geworden ist. Geht aber nicht. Das hat sie dem Vorsitzenden der Gemeinde Max Privorozki versprochen.

„Der Typ fährt noch durch die Stadt. Bitte passt auf.“

Lidia war am Tag des Anschlags nicht in der Synagoge, sondern zu Hause. Sie ist keine Jüdin. Trotzdem ist sie eng mit den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde verbunden. Ihre Eltern kamen im Jahr 2001 aus dem Osten Russlands nach Halle, Lidia wurde an einem der ersten Tage der Familie in Deutschland geboren. Die russische Gemeinde in Halle ist in einem Verein namens Slawia-Kulturcentrum organisiert. Nahezu alle jüdischen Kinder seien auch dort Mitglied, so Lidia. Mit vielen von ihnen sei sie befreundet. Sie teilen die gleiche Muttersprache, Russisch. Oft nahmen ihre jüdischen Freund*innen sie zu Veranstaltungen oder auf Ausflüge der Gemeinde mit. Lidia unterrichtet außerdem seit einer Weile jüdische Kinder in Kunst, malt und bastelt mit ihnen, wenn Feiertage wie Jom Kippur oder das Pessachfest anstehen.

Als der Attentäter auf die Tür feuerte, befand sich auch eine von Lidias jüdischen Freund*innen in der Synagoge. Die schickte eine Nachricht in eine WhatsApp-Gruppe, in der viele aus der Gemeinde und auch Lidia Mitglied sind: „Es fährt gerade ein grauer Polo durch die Stadt, aus dem geschossen wird. Bei der Synagoge ist alles voller Polizei. Aber der Typ fährt noch durch die Stadt. Bitte passt auf.“ Wenig später meldete sich auch der Vorsitzende der Gemeinde Max Privorozki per Telefon aus der Synagoge bei Lidia und ihrem Vater. Er befürchtete, sie könnten sich im Haus der Gemeinde im Stadtzentrum aufhalten und der Attentäter könne auch dort auftauchen. Privorozki bat sie, andere Mitglieder zu informieren.

Lidia verbrachte den ganzen Tag am Handy. Das Schlimmste für sie seien die vielen Falschmeldungen gewesen. Freund*innen in anderen Städten hätten zum Teil ganz andere Informationen gehabt. Zeitweise sei von mehreren Attentäter*innen und sogar einer Geiselnahme auf dem Marktplatz in Halle die Rede gewesen. Erst als die Polizei den Attentäter gefasst hatte, sei die Anspannung von ihr abgefallen. Weinen konnte Lidia nicht. Zu wenig konnte sie begreifen, was passiert war: „Ich war in einer Schockstarre, wie weggetreten.“ Tränen kamen ihr erst später, als sie am Mahnmal arbeitete.

Das Gemälde, an dem Lidia zum Zeitpunkt des Anschlags saß, übermalte sie an dem Abend komplett mit schwarzer Farbe, erzählt sie. Bis Anfang Oktober stand das Bild so in ihrem Zimmer und erinnerte sie an den Tag und daran, wie sie sich gefühlt hatte: „Wie ein schwarzes Loch.“

Die Namen der zwei Getöteten hat Lidia im Kunstwerk verewigt

In den folgenden Wochen musste Lidias Kunstunterricht in der Gemeinde ausfallen; einige Eltern fühlten sich nicht sicher, ihre Kinder dort hin zu schicken. Immer wieder dachte Lidia über die Tür nach und darüber, was nun mit ihr passieren würde. Erst im Juli dieses Jahres wurde sie durch eine neue ersetzt. Mehrere Museen und auch die Stadt Halle fragten an, um die Tür ausstellen zu dürfen. Doch die Gemeinde entschied, dass sie bei ihnen bleiben solle. Aber wo?

Lidia wollte nicht, dass die Tür irgendwo im Keller eingelagert wird und bot dem Vorsitzenden an, die Tür künstlerisch umzugestalten. Dabei habe es keine Rolle gespielt, dass sie keine ausgebildete Künstlerin ist, sagt sie. Die Gemeinde sei froh, dass niemand Fremdes das Projekt übernommen habe. Viele von ihnen kennen Lidia von Kindesbeinen an – und vertrauen ihr. Sie bekam den Auftrag.

Als die Tür schließlich ausgebaut wurde und vor ihr im Gras lag, spürte sie eine gewisse Ehrfurcht: „Ich wollte die Tür nicht noch mehr verletzen.“ Immer wieder hielt Lidia Rücksprache mit Mitgliedern der Gemeinde. Ihr war am wichtigsten, dass die Tür ihnen gefällt. Und die Gemeindemitglieder wiederum wünschten sich, dass die Tür so wenig wie möglich verfälscht wird. Lidia veränderte deshalb kaum etwas an der Tür selbst, sondern arbeitete an Elementen, die drumherum angebracht sind.

Wenn die Tür am Freitag vor der Synagoge enthüllt wird, wird Lidia eine kurze Rede halten. Die scheint ihr mehr Sorgen und Stress zu bereiten als das Kunstprojekt selbst: „Auf so etwas bereitet kein Schulreferat vor.“ Tagelang habe sie daran geschrieben und immer wieder Wörter gestrichen, bei denen sie befürchtete, sie könnten falsch verstanden werden. Sie möchte Danke sagen für das Vertrauen und die Unterstützung. Und erklären, für wen das Mahnmal gedacht ist: für die 52 Überlebenden, die Verletzten und für Jana L. und Kevin S., die an diesem Tag starben. Ihre Namen hat Lidia im Kunstwerk verewigt.

Lidias Zuhörer*innen bei der Gedenkfeier werden am Eingang der Synagoge, Hausnummer 52, durch eine neue Tür treten, um die alte zu betrachten. Diese neue Tür stammt von Thomas Thiele, dem Tischler, der vor zehn Jahren bereits die lebensrettende Tür für die jüdische Gemeinde anfertigte. Die neue sieht aus wie die alte: Eichenholz, Lamellenoptik, unscheinbar. Nur im Inneren ist sie durch Stahlblech verstärkt.