Ein Lachforscher erklärt, was unser Lachen über uns verrät

Heute schon gelacht? Ein Lachforscher erzählt im Interview, weshalb unkontrolliertes Lachen das Schönste ist und wie wir unsere eigene Lache entwickeln.

Heute schon gelacht? Ein Lachforscher erklärt, weshalb unkontrolliertes Lachen das Schönste ist, was dabei in unserem Körper geschieht und was unser Lachen über uns verrät.

Kichern, jauchzen, johlen: Jeder Mensch hat eine eigene Art zu lachen. Foto: Fakhri Labib / Unsplash |CC0

Rainer Stollmann ist einer der bekanntesten Lachforscher Deutschlands. Der Kulturwissenschaftler forschte an der Universität Bremen und schrieb ein Buch über die Geschichte des Lachens. Er spricht mit ze.tt über Affenbabys, Yoga und die Angst vor dem Lachen.

ze.tt: Am heutigen Weltlachtag treffen sich in Tausenden Lachclubs Menschen, um gemeinsam um 14:00 Uhr drei Minuten lang zu lachen. Das soll gesund sein. Sind Sie auch dabei?

Rainer Stollmann (lacht): Nein, das ist nichts für mich. Ich finde die ganze Situation des Lach-Yogas ziemlich künstlich. Eigentlich lacht der Mensch nicht um der Gesundheit, sondern um der Lust willen.

Kann man das Lachen also nicht trainieren?

Es gibt tatsächlich eine ernsthafte Form des Lachtrainings. Die stammt aus dem Buddhismus, der einzigen Religion, in der das Lachen positiv bewertet wird. Buddhistische Mönche haben deshalb eine Lachmeditation entwickelt, die jetzt in diesen Yoga-Clubs aufgegriffen wird. Doch um das Lachen der Erkenntnis zu gewinnen, reicht keine Dreiviertelstunde im Lachclub. Das kann Jahre dauern. Außerdem lernen wir ohnehin schon im Kindesalter zu lachen.

Wann fängt der Mensch denn mit dem Lachen an?

Das Lachen entwickelt sich sehr früh. Es kommt mit dem Krabbeln, dann können Kinder erstmals koordiniert ihren ganzen Körper bewegen. Mit fünf oder sechs Monaten werden sie dann kitzelig. Das lässt sich übrigens schon bei Affenbabys beobachten.

Tiere lachen also auch?

Wissen Sie, wer auf der Welt zuerst gelacht hat? Der Vorfahr des Menschen, der Schimpanse. Bis heute kitzeln Schimpansenmütter ihre Babys – und die lachen laut drauf los. Das Lachen ist also mindestens sechs bis sieben Millionen Jahre alt. Manche Tiere haben sogar Humor, wie Biologen bei lateinamerikanischen Papageienschwärmen beobachtet haben. In jeder Fluggruppe konnten sie einen Clown ausmachen, der sich fallen lässt oder mit den Flügeln wackelt, um die anderen zum Schnattern zu bringen.

Aber Witze verstehen Tiere nicht.

Jüngere Kinder auch nicht. Das beginnt erst mit dem siebten oder achten Lebensjahr. Dann wird unser Verstand erstmals gekitzelt. Witz kommt von Wissen, und das haben wir erst ab einem bestimmten Alter.

Lachen ist also nichts Angeborenes?

Doch, aber die dumpfe Naturreaktion muss aktiviert werden – das geschieht durchs Kitzeln des Körpers oder der Seele.

Studien sagen, dass Kinder täglich etwa 400 Mal lachen, Erwachsene hingegen nur 15 Mal. Woran liegt das?

Das hängt damit zusammen, dass für Kinder die Welt neu ist. Der Mensch lacht vor allem bei Überraschungen. Die Pointe eines Witzes ist nur dann gut, wenn sie überrascht. Für Kinder kann jeder neue Gegenstand überraschend sein – wir Erwachsenen haben das schon erlebt und lachen nicht mehr, wenn der Ball die Treppe hinunterrollt.

Was passiert im menschlichen Körper, wenn der Mensch lacht?

Das Lachzentrum unseres Körpers ist das Zwerchfell. Es unterstützt die Lungen bei der Atmung, indem es sie nach oben drückt, wenn wir ausatmen. Beim Lachen spielt der Muskel verrückt und flattert hin und her. Das bringt die ganze Hierarchie des Körpers durcheinander. Gleichzeitig werden im Gehirn beim Lachen Glückshormone freigesetzt und der Blutkreislauf gerät in Wallung. Der Körper erlebt Anarchie!

Und das soll gesund sein?

Zweifellos. Heute wissen wir, dass Lachen gut für uns ist. Mediziner haben das längst bewiesen. Historisch gesehen ist das revolutionär, noch im Mittelalter hat die katholische Kirche das Lachen verboten und es als Teufelszeug betrachtet.

Heute schmunzeln, johlen, kichern wir: Warum lachen Menschen so unterschiedlich?

Jeder Mensch hat eine eigene Lachsprache. Lachen ist auch immer Kommunikation – zumindest beim kontrollierten Lachen. Es kann Freundlichkeit und Offenheit signalisieren, wird zum Flirten genutzt, kann aber auch Trauer vermitteln. Das kommt ganz auf den mimischen Ausdruck an. Ganz anders als beim exzessiven Lachen.

Lachen ist auch immer Kommunikation.

Rainer Stollmann, Lachforscher

Was geschieht dort?

Exzessiv lachen wir, wenn es nur so laut aus uns herausströmt, unkontrolliert, eben anarchisch. Dann ist Lachen keine seelische Regung, sondern eher ein Platzen. Den Ausdruck kann dann niemand mehr steuern.

Kann ein solches Lachen ansteckend sein?

Definitiv, genauso wie weinen ansteckend sein kann. Der Mensch als empathisches Wesen wird von Emotionen angezogen und kann sich in andere hineinversetzen. Beim Lachen ist das etwas Besonderes, denn das Lachen ist eines der wenigen ansteckenden Dinge, das uns Freude bereitet.

Wieso lachen manche Menschen trotzdem nur selten oder nie?

Das Phänomen können wir seit der Antike beobachten. Die Gelotophobie, die Angst vor dem Lachen, hat nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung. Diese Menschen haben Angst, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren und lachen deshalb nicht. Gleichzeitig fürchten sie sich davor, ausgelacht zu werden.

Worüber kann ein Lachforscher wie Sie noch lachen?

Ich finde Humor in der Politik ziemlich witzig. Ich mag die Heute Show und den Europa-Abgeordneten Martin Sonneborn, ein toller Satiriker. Wie wichtig Lachen in der Politik ist und wohin Unterhaltung führen kann, zeigt aktuell Wolodymyr Selensky, der neue ukrainische Präsident, der zuvor Komiker war. Eine sehr interessante Entwicklung.

Zum Abschluss: Erzählen Sie uns doch bitte Ihren Lieblingswitz!

Ich mag Kinderhumor besonders gerne, also: Opa und Oma fahren auf der Autobahn. Da kommt die Meldung „Vorsicht, ein Geisterfahrer ist unterwegs“ im Radio. Opa schreit: „Einer? Dutzende! Dutzende!“

Außerdem auf ze.tt: Diese Fotos zeigen, dass ein schönes Lachen keine Frage des Alters ist