Ein Lied von Max Herre macht jede Situation besser

Unsere Autorin wollte immer weg aus ihrer Heimatstadt Stuttgart, doch es kam anders. Das einzig Gute daran: Nirgends wird in Clubs so viel Max Herre gespielt wie hier.

Musician Max Herre

„Max Herre schafft in einem Satz zu sagen, wofür ich ewig nach den richtigen Worten suchen würde.“ Foto: Christoph Soeder / dpa

Vor keiner Frage habe ich mehr Panik, als vor „Und, was hörst du so für Musik?“ Bis heute weiß ich nicht, mit welcher Antwort man sich weniger Verachtung einsammelt: „Äh, Radio …“ oder „Hm, eigentlich hör ich alles.“ Irgendwann bin ich auf Deutschrap als Antwort umgestiegen. Das war nicht mal gelogen. Wenn ich Geld für Musik ausgegeben habe, dann für Max Herre. Wahrscheinlich, weil er es bis heute als einziger schafft, mir aus der Seele zu sprechen, ganz ohne Kitsch, Klischee und Beleidigungen. Damit kann ich mich mehr identifizieren als mit vielen jüngeren deutschen Rapper*innen.

Es ist 2012 und Max Herre singt in 1992: „Und es fühlt sich an wie mein letzter Schultag. 15 Jahre hinter mir und jetzt folg‘ ich dem Ruf nach.“ Das Album heißt Hallo Welt und ist damals wie die Überschrift für alles, was vor mir liegt. Ich habe endlich mein Abi in der Tasche und bin sowas von bereit für die Welt.

Auf keinen Fall in Stuttgart bleiben

Seit der siebten Klasse habe ich davon geträumt, nach der Schule ins Ausland zu gehen. Wie viele meiner Freund*innen wollte ich nach Australien oder in die USA. Raus, die Welt sehen und auf keinen Fall in Stuttgart bleiben. Es kam anders.

Für mich ging es in den Norden. Genauer gesagt: in den Norden Stuttgarts in den Stadtteil Bad Cannstatt. Während meine Klassenkamerad*innen herumreisten, verbrachte ich die Tage meines Freiwilligen Sozialen Jahres in Stuttgarter Sporthallen und die Nächte in Clubs, die sich optisch kaum von den Sporthallen unterschieden. Ich habe viel zu viele Gedanken daran verschwendet, neidisch auf alle zu sein, die nicht in Stuttgart bleiben mussten. Damals war das einzig Gute für mich daran: In keiner anderen Stadt legen die DJs mehr Max Herre auf als hier.

Ich hätte besser auf Max Herre hören sollen

Im Nachhinein hätte ich schon damals besser auf ihn hören sollen. Denn: „Manchmal tut einem leid, dass man’s immer erst rückblickend weiß. Es ist der übliche Kreis, man schätzt nicht wert, was man hat, und bis man merkt, was man hat, kriegt man auch nicht mehr, was man mag.“ (Max Herre, 1ste Liebe)

Losgelassen hat mich der Wunsch, ins Ausland zu gehen, aber nicht. Nicht, wie Max Herre in DuDuDu schreibt, nach Sansibar, Tokio und New York, sondern nach Hongkong, Kuala Lumpur und Dubai. Dazwischen war ich über Weihnachten für ein paar Wochen zu Hause. In dieser Zeit lernte ich meinen jetzigen Freund kennen. Wir trafen uns ein paar Mal, bis ich wieder in den Flieger für mein 6.000 Kilometer entferntes Praktikum stieg. Von Freund war da noch lange nicht die Rede. Treffender als Max Herre könnte man die Situation nicht beschreiben: „Und immer musste ich weiter, denn wer stillsteht, denkt nach. Das ist Fluch und Segen unserer Generation, wir suchen nach Liebe und rennen davon, wenn sie dann kommt.“

Das Video-Dating zwischen Stuttgart und Dubai war nicht einfach, fast wäre der Kontakt abgebrochen. Aber zurück zu Hause war dann alles klar, denn: „Die Welt ist groß da draußen, Baby. Und ich hab schon überall gesucht, und dann komm ich nach Hause, Baby, und merk, alles, was ich am Ende such‘, bist du.“ (Max Herre, DuDuDu).

Glaubt, was auf Stuttgarter Damentoiletten geschrieben steht

Ich habe versucht, eine Erklärung dafür zu finden, warum Max Herre mich – eine Person ohne jegliche Musikaffinität – so fasziniert. So kitschig es klingen mag: Es ist das Gefühl, sich mit den Liedern selbst ein Stück besser zu verstehen. Mal zwischen den Zeilen, mal ganz plakativ. Für jede Laune gibt es den passenden Beat. Der Bogen spannt sich von der Popballade über Soul bis Rap, oft auch Poesie mit politischem Statement. Herre hat bis heute nicht aufgegeben, mit seinen Texten die Welt ein bisschen besser machen zu wollen.

Selbst wenn das nicht klappt, schafft Max Herre in einem Satz zu sagen, wofür ich ewig nach den richtigen Worten suchen würde: „Vielleicht kann man nicht immer gewinnen, doch wie man verliert, kann jeder selber bestimmen.“ Wie ich finde, eine seiner schönsten Lektionen fürs Leben. Nicht umsonst steht dieses Zitat auf mehreren Damentoiletten in Stuttgarter Clubs.