Ein Mann ist nicht schwach, nur weil er weint

„Sei ein Mann!“ Ein Satz, den sich emotionale Männer immer wieder anhören müssen. Fotografin Maud Fernhout zeigt mit ihrer Fotoserie, dass Weinen keine Schwäche, sondern vielmehr eine Stärke ist.

„Lang lebe der König“, flüstert Scar, lässt seinen Bruder Mufasa in die Tiefe fallen und macht Simba damit zum Halbwaisen. Wer hat bei dieser Szene aus Der König der Löwen (1994) nicht geweint? Als der kleine Baby-Simba versucht, den leblosen Körper seines Vaters mit der Nase hochzustupsen und unter Tränen sagt: „Du musst aufstehen, Papa. Lass uns nach Hause gehen“. Es ist eine herzzerbrechend grausame Szene und daher kein Wunder, wenn vielen Zuschauer*innen Tränen die Wangen herunterrollen.

Eigentlich nicht erwähnenswert. Befinden sich unter den Weinenden aber Männer, wird es doch zum Thema. Männer, die weinen? Das ist schwach, das ist nicht männlich, das ist peinlich, heißt es dann. Warum aber soll es unpassend sein, wenn Männer emotional auf emotionale Situationen reagieren?

Bist du ein Mädchen, oder was?

„Stell dich nicht so an. Sei ein Mann!“ Was soll das überhaupt bedeuten? Sei ein Mann, hä? Fotografin Maud Fernhout stellte sich dieselben Fragen. Bedeutet Mannsein wirklich, seine Emotionen zu unterdrücken? So zu tun, als würde er keine haben? „Nicht, wenn du mich fragst“, sagt die 22-jährige Fotografin aus den Niederlanden. „Meiner Meinung nach ist das Zeigen von Gefühlen ein Zeichen von Stärke und Persönlichkeit, nicht Schwäche.“ Mit ihrem Fotoprojekt What Real Men Cry Like möchte Fernhout auf diesen Umstand aufmerksam machen. Weinen sei dabei bloß eine visuelle Repräsentation. Es stehe stellvertretend für alle Emotionen, die als unmännlich gelten. „Es ist okay, sich zu öffnen und seine Gefühle freizulassen. Darum geht es“, sagt sie.

Teilnehmer für ihr Projekt zu finden, sei das kleinste Problem gewesen. Dafür fragte sie ganz einfach in ihrem Freundeskreis und auf ihrem Uni-Campus, wer mitmachen wollte. Daher auch die geringe Altersspanne unter den Teilnehmern. Das größte Problem war, die teilnehmenden Männer zum Weinen zu bringen. Nicht, weil es an traurigen Situationen in der Vergangenheit mangelte, an die sie denken sollten. Eher, weil alle Teilnehmer den gesellschaftlich kreierten Druck, nicht weinen zu dürfen, spürten. Jemand, der mit der Annahme aufwächst, Weinen sei ein Zeichen von Schwäche und unmännlich, kann sich eben nicht im Handumdrehen davon lösen. Schon gar nicht auf Kommando, vor einer Kamera und mit einer Beobachterin.

Männlichkeit ist Ansichtssache

Um das hinzukriegen, versuchte Fernhout, jedem Teilnehmer erst mal mit lockeren Gesprächen bei einer Tasse Tee die Angst zu nehmen. Waren die Nerven einmal beruhigt, griffen die Teilnehmer auf unterschiedliche Methoden zurück, um emotional zu werden. Manche hörten Musik, andere schauten sich Videos an. Die einen sprachen über vergangene Erlebnisse, die anderen saßen einfach nur da und sagten gar nichts. Fernhout gab jedem so viel Zeit wie notwendig. Am Ende musste jeder ein paar Tränen vergießen und Fernhout konnte den Auslöser ihrer Kamera drücken.

Dabei fiel ihr auf, dass Männer unterschiedlicher Kulturen unterschiedlich große Hemmungen hatten. Studenten aus Osteuropa hätten sich am meisten geziert, Italiener und Spanier hätten kein Problem damit, schnell mal loszuweinen. Das könnte daran liegen, dass es in den Ländern Europas verschiedene Auffassungen von Männlichkeit gibt, meint Fernhout. „Ich schreibe niemandem vor, wie er oder sie zu sein hat. Wenn du dich als Mann identifizierst und nichts mit Weinen anfangen kannst, tu es einfach nicht. Aber wenn du losheulen willst, während du The Notebook guckst und dich mit Eis vollstopfst, lass dich nicht von so etwas Trivialem wie Geschlechterrollen abhalten.“

Außerdem auf ze.tt: Keine Reaktion ist so aufrichtig wie Weinen