Ein Pfefferspray als Accessoire? Unsere Angst ist kein verdammter Lifestyle!

Ein Berliner Start-up macht „Sicherheitsprodukte für Trendsetter“, damit Frauen, wenn sie nachts alleine auf der Straße Angst haben, wenigstens stylisch aussehen? Die Idee klingt zynisch. Ein Kommentar

Nachts allein auf der Straße gehen und Angst haben.

Pfeffersprays sind kein Accessoire, sondern ein Mittel zur Selbstverteidigung! Quelle: Unsplash/CC0

Ein schönes Accessoire gegen die Angst

Und dann ist man fast alleine auf der Straße, die meisten Menschen sind schon zu Hause, die Kneipen und Kioske machen langsam dicht und hinter sich hört man plötzlich Schritte. Das Herz geht schneller, die Hand sucht in der Tasche nach dem Handy, um ein Telefongespräch vorzutäuschen – oder lieber doch den Schlüssel zwischen die Finger nehmen, um sich im Zweifel wehren zu können? Wenigstens irgendwie, wenigstens ein bisschen? Noch einen Kilometer, bis die Haustür erreicht ist.

Fast alle Frauen haben diese oder ähnliche Situation schon erlebt, in denen sie sich bedroht fühlten. Das gehört in der Regel genauso selbstverständlich zu der Biografie einer Frau wie die Warnungen, die ihr von Eltern und Freund*innen mitgegeben werden, wenn sie alleine unterwegs ist – und sei es nur von der Bushaltestelle nach Hause. „Pass auf dich auf. Ruf mich an, wenn du da bist.“ Oder auch: „Geht bitte zusammen.“ Alles ganz normal. Die Angst ist unsere Begleiterin.

Um unsere Sicherheit müssen wir uns selbst kümmern

Die Lösung? Scheint für viele immer noch vor allem darin zu liegen, dass Frauen sich selbst darum kümmern, dass ihnen nichts passiert. Mit Selbstverteidigungskursen oder damit, nicht alleine in der Öffentlichkeit zu sein, sich nicht falsch anzuziehen, nicht falsch zu schauen – was auch immer das bedeutet. Oder aber, sich mit Dingen wie einem Pfefferspray auszustatten.

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Ja, das alles kann natürlich bis zu einem gewissen Grad hilfreich sein oder wenigstens ein Sicherheitsgefühl vermitteln – und doch müssten wir doch vielmehr darüber reden, dass es nicht Konsens sein darf, dass sich potenzielle Opfer schützen müssen, sondern wir diese Straftaten gegen Frauen endlich verhindern. Stattdessen wird die Verantwortung abgewälzt und reden wir das Thema einfach klein. Oder kleben Glitzersteine an die Sprays.

Was kommt als nächstes: Keuschheitsgürtel mit Hello-Kitty-Verzierung?“

Genau das hält zumindest das Berliner Start-up Safaya offensichtlich für eine gute Idee, denn es entwickelt nicht einfach nur schnöde Sicherheitsprodukte für Frauen, nein, es bezeichnet sich als „Lifestyle-Plattform für Sicherheitsprodukte“. Wow. Als erstes Produkt gibt es ein Abwehrspray, „welches ein stylishes Outfit“ ergänzt. Denn: „Mit verschiedenen Hüllen kann man das Spray im XS-Pocket-Format im Handumdrehen individualisieren und seinem Look ein cooles Accessoire hinzufügen.“ – so heißt es in der Pressemitteilung. Wie großartig! Was kommt als nächstes: Keuschheitsgürtel mit Hello-Kitty-Verzierung, einen Schlüsselalarm in Herzform oder ein Elektroschocker, der die Farbe wie ein Stimmungsring verändert? Das wäre so süß! Wenn wir schon panisch unsere Haut verteidigen, dann wollen wir Frauen dabei schließlich gut aussehen!

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Quelle: Screenshot Safaya

Pfeffersprays sind kein Accessoire, sondern ein Mittel zur Selbstverteidigung!

Verdammt noch mal, Pfeffersprays sind keine Accessoires, und sollten auch nicht als solche gehandelt werden, sondern als das was sie sind: ein Mittel zur Selbstverteidigung, das Frauen brauchen, weil unsere Welt scheiße ist! Und diese Pfeffersprays müssen nicht schick aussehen, nicht trendy, nicht niedlich – das einzige was dann nämlich passiert ist, dass die Gefahrensituationen einmal mehr bagatellisiert werden. Frauen ist nur mit einer Sache geholfen: mit einer sicheren Umgebung, in der diese Produkte nicht notwendig sind, weil es für sie normal ist, ohne Belästigung, Bedrohung oder sexualisierte Gewalt zu erfahren auch nachts alleine nach Hause gehen können.

[Außerdem auf ze.tt: Ohne Feminismus lässt sich die Welt nicht retten]

Zudem brauchen diese Produkte kein Makeover, um gekauft zu werden – welche Frau kümmert sich ernsthaft um das Design eines solchen Produkts oder macht sich Gedanken darüber, ob es zu ihrem Stil passt – es geht um Selbstschutz! Wer Angst hat, denkt nicht darüber nach, wie er oder sie bei der Selbstverteidigung aussieht. Aber auch das, sieht Taneeh Latenser, eine Mitgründerin des Unternehmens, offensichtlich anders. So wird sie auf der Webseite folgendermaßen zitiert: „Angst und Furcht sollen nicht mehr dominieren, sondern Frauen sollen sich selbstbewusst und mit ihrem eigenen Stil, um ihre Sicherheit kümmern können.“ In den kommenden Monaten will das Start-up „weitere Sicherheitsprodukte für Trendsetter“ in das Sortiment aufnehmen.

Den sicherlich guten Gedanken in allen Ehren, aber neben dem Klischee, dass Frauen schöne Glitzerprodukte brauchen, um als Kundinnen angelockt zu werden, ist die Idee, ein Produkt, das dem Selbstschutz dient, zum Lifestyle-Produkt für Trendsetter*innen zu erklären, einfach nur zynisch.

von Silvia Follmann auf EDITION F

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