Ein Plädoyer dafür, dass es nie zu spät ist, um sich selbst zu verwirklichen

Immer wieder ist die Rede davon, dass insbesondere Frauen ab einem bestimmten Alter irgendwas nicht mehr können oder tun sollten. Was für ein Unsinn. Ein Kommentar

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Zu alt für was? Foto: Retha Ferguson / Pexels | CC0

Eine der Mütter in der Kita meiner zwei Kinder sagt im Tür-und-Angel-Gespräch über berufliche Weiterentwicklung, sie habe da keine Ambitionen mehr. Schließlich sei sie nun vierzig, und in einem solchen Alter noch mal den seit vielen Jahren verhassten Beruf zu wechseln, sei ja wohl ziemlich lächerlich. Lächerlich?

Ich treffe eine Frau zum Interview, die sagt, in diesem Alter, in dem man nicht mehr fuckable ist, sei die Karriere zu Ende. Fuckable?

Eine Frau in der S-Bahn haucht niedergeschlagen ins Handy hinein, sie habe in einem „intellektuellen Podcast“ (O-Ton) gehört, sie dürfe demnächst keine kurzen Röcke oder Hosen mehr tragen, denn in einer Woche werde sie vierzig, und da wolle das niemand mehr sehen.

Ich sitze am Abend mit zwei Freundinnen vor einer Bar, die beiden sind Ende dreißig, sehen blendend aus und sprechen über Hitzewallungen (im Hochsommer) und spekulieren, ob das bereits die Wechseljahre seien; sie sprechen zwei Stunden lang über nichts anderes, ziehen sich gegenseitig runter, sehen richtig traurig aus, während ich stumm Gin Tonic trinke und am Ende leicht beschwipst mein Herz bei einem Taxifahrer ausschütte.

Auf dem Weg von F wie Fuckable bis U wie Unfuckable stolpert man plötzlich über jede Menge hässlicher Begriffe, die Frauen übernehmen, um sich selbst fertig zu machen.

Eine Kollegin sagt, sie beobachte immer, dass Frauen beim Thema Partner*innensuche Vernunft und Sicherheit vor die Liebe stellen, sobald sie „ein bestimmtes Alter erreicht haben“.

Eine Verwandte macht mich seit der Entbindung mit 36 darauf aufmerksam, was für eine „alte Mutter“ ich sei und das kommt immer so direkt und scharf, dass da eine wirklich tiefe Wunde entstanden ist, die ich zu ignorieren versuche.

Veränderung beginnt bei alltäglichen Dingen

Um das vorwegzunehmen: Natürlich gibt es einen Grund für unsere Haltung. Es gibt einen Grund dafür, dass Frauen die ohnehin schon auf Anschlag gedrehte Schraube oft noch ein bisschen weiter drehen. Es ist die durch und durch patriarchale Gesellschaft, in der wir leben. Eine Gesellschaft, die ihre Strukturen einfach nicht abgeschüttelt kriegt, weil sie viel, viel tiefer sitzen, als wir es wahrhaben wollen.

Doch: Veränderung und Protest fangen nie erst auf der Straße an, sondern im alltäglichen Umgang mit den Dingen. Selbst, wenn akut kein grenzüberschreitender Kommentar im Raum steht, befinden sich viele Frauen doch dauerhaft in einer erlernt devoten Lage, die sie dazu bringt, sich selbst verbal fertig zu machen.

Alle reden davon, überall und jederzeit: „Jetzt bin ich aber wirklich alt“, „Jetzt darf ich dieses und jenes nicht mehr tun/ tragen/ sagen“, „Jetzt lass‘ ich mir die Nase machen und die Lippen aufspritzen.“ Aus einem ununterbrochenen Kreisen um etwas, das diese krasse Präsenz nicht verdient hat, ergibt sich ein ganz eigener und widerlicher Wortschatz: Auf dem Weg von F wie Fuckable bis U wie Unfuckable stolpert man plötzlich über jede Menge hässlicher Begriffe, die Frauen übernehmen, um sich selbst fertigzumachen.

Ich werde wütend, wenn Menschen kommen und von abgefahrenen Zügen sprechen. Welche Züge denn?

Diese Art der Selbstqual scheint mittlerweile ein fester Bestandteil unseres Lebens zu sein, und das Einzige, was helfen kann, ist, ein Bewusstsein zu schaffen für unsere Freiheit. Wir müssen uns dieser einen unfassbar wichtigen Freiheit bewusst werden, nämlich Welt und Wirklichkeit selbst gestalten zu dürfen und zu können.

Es sind oft ausgerechnet Frauen um mich herum, die mir – halb Frage, halb Anweisung – immer mal wieder zu verstehen geben, dass das Ende kurz bevorsteht. Es sind die Frauen um mich herum, die mir raten, dass ich nicht mehr zu viel erwarten solle und auch keinen Ehrgeiz mehr entwickeln müsse. (Dann drücke ich mir übrigens Knöpfe ins Ohr und höre extrem laut Suds and Soda von dEUS – guter Song, um sich kurzfristig abzulenken.)

Lieber um die wichtigen Dinge kümmern

Ja, ich werde wütend, wenn Menschen kommen und von abgefahrenen Zügen sprechen. Welche Züge denn? Ich würde mich so gern wieder um die wirklich wichtigen Dinge kümmern dürfen, ohne ständig absetzen und reagieren zu müssen auf eine dieser nach Bestätigung suchenden, willkürlichen Aussagen.

Ich will ungestört ich sein, Leuten zuhören, von ihnen lernen, Leuten helfen, Geschichten erzählen, die Nacht durchtanzen, meine Musik hören, Bandposter an die Wände hängen, meinen Kindern die Welt zeigen, Witze machen, schnell sein, offen sein, und immer nach den Menschen fragen und eben nicht nach ihrem Alter.

Macht euch gegenseitig Mut, seid füreinander da, unterstützt euch, feuert euch an und haltet zusammen.

Ist es möglich, dass wir das, was von außen kommt, oft mit dem verwechseln, was von innen kommt? Dass sich unsere Erwartung bestätigt, wann immer wir nach Bestätigung suchen? Dass einige dieser Worte, Sätze, Thesen dem Abgleich mit der Realität nicht unbedingt standhalten?

Die Welt als Eingenerationenhaus

Mal angenommen, wir wären nicht auf die Idee gekommen, unser Leben in Jahren festzumachen. Mal angenommen, es wäre gar nicht erst zu dieser Zählerei gekommen und wir würden alles feiern, nur keine Geburtstage. Mal angenommen, es gäbe keinerlei Ü20-, Ü30-, Ü40-, Ü50-, Ü60-Partys, -Untersuchungen und -Mann*Frauschaften. Wäre das nicht irgendwie erstrebenswert: Die Welt als Eingenerationenhaus – alle sprechen mit allen, es gibt keine an Zahlen festgemachte Klamottenfarbe und kein „altersgerechtes“ Verhalten? Wäre es nicht ein gutes Ziel, wenn wir alle uns mit den gegenwärtig relevanten Dingen beschäftigen und uns diesen Schubladenteil ersparen und damit auch den damit verbundenen enormen Zeitaufwand?

An alle Frauen: Bitte. Hört auf, von abgefahrenen Zügen zu sprechen! Macht euch gegenseitig Mut, seid füreinander da, unterstützt euch, feuert euch an und haltet zusammen. Aber benutzt doch bitte nicht – ergänzend zur männlichen, oft außergewöhnlich widerwärtigen „Kreativität“ in diese Richtung – derart erniedrigende Begriffe, die euch runterziehen, die euch kaputt- und klein machen. Wir brauchen die Energie, um woanders laut zu sein.


Dieser Text von Anne-Kathrin Heier erschien zuerst bei EDITION F.

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