Ein Tribut an die prachtvollen Frisuren nigerianischer Frauen

Medina Dugger interpretiert für ihr Fotoprojekt die traditionellen Hairstyles neu.

Seit sieben Jahren lebt die Texanerin Medina Dugger in Lagos, Nigeria. Als gelernte Fotografin dauerte es nicht lange, bis sie vor Ort von einer regionalen Ikone hörte: Johnson Donatus Aihumekeokhai Ojeikere, ein nigerianischer Fotograf, der einen großen Teil seines Lebens ebenfalls in Lagos verbrachte. Der 1930 geborene Künstler widmete sich über einen Zeitraum von 40 Jahren der Dokumentation von Frisuren und Kopfbedeckungen nigerianischer Frauen.

Dafür verzichtet er auf die künstlich erzeugte Umgebung eines Fotostudios. Lieber fotografierte er die Frauen in ihrem Lebensalltag. Er besuchte sie während der Arbeit, ging auf Hochzeiten und Partys oder bat Passantinnen auf der Straße, sich für wenige Momente vor seine Linse zu stellen. Die Sammlung von etwa 1.000 Schwarz-Weiß-Fotos nannte er Hairstyle. Sie sollte später das renommierteste Werk seiner Karriere werden. Bis heute wird ihr ein hoher kulturgeschichtlicher Wert beigemessen. Die Genfer Contemporary African Art Collection bezeichnet die Fotosammlung sogar als einzigartig in ihrer anthropologischen und eth­no­gra­fischen Bedeutung.

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Ein winziger Auszug aus Ojeikeres Sammlung. Screenshot: African Pride South Africa/Twitter

Die 1.000 Fotos brauchte es, um die gewaltige Frisurenvielfalt mit all ihren Flechttechniken annähernd einzufangen. Sie zu frisieren, zu knüpfen und zu flechten, kann abhängig von der Komplexität der Frisur zwei bis sechs Stunden dauern und ist teilweise mit tagelangen Schmerzen verbunden. Nicht allein deswegen betrachtete sie der Künstler, genauso wie das traditionelle Handwerk dahinter, als eine Form der Kunst. Während die Haarkunst von Frau zu Frau weitergegeben werde, seien Frisuren hingegen flüchtig, ja vergänglich. „Die präzisen Bewegungen eines*r Haarkünstler*in zu beobachten, ähnlich eines*r Bildhauer*in, ist faszinierend. Ich möchte, dass meine Fotografien eine Spur der Erinnerung hinterlassen“, sagte er einmal. Ojeikere gab daher jeder einzelnen Frisur einen eigenen Namen.

2014 starb Ojeikere. Sein Ziel, nigerianische Frisuren mithilfe seiner Fotografien unvergänglich zu machen, hatte er erreicht. Seine Hairstyle-Serie wurde zu seinem Markenzeichen.

Ojeikere Fotos neu interpretiert

Seit 2017 widmet sich Fotografin Medina Dugger aus Texas demselben Thema. Als sie in Lagos auf Ojeikeres Werk stößt, ist sie so beeindruckt, dass sie ihm mit ihrem eigenen Fotoprojekt Chroma: An Ode to J.D. ‚Okhai Ojeikere würdigt. Sie nahm sich seiner Idee an und modernisiert sie, macht die Fotos auffälliger und bunter. Dugger spielt dabei ganz bewusst mit intensiven Farben und bunten Accessoires. Im Gegensatz zum Originalwerk sollte Chroma auffällig, laut und mit modernen Entwicklungen vermischt sein. Die Serie dauert bis heute an.

Um die kunstvollen Frisuren auf die Frauenköpfe zu bringen, arbeitet Dugger mit einer nigerianischen Haarkünstlerin zusammen. Sie baut auf Basis eines Fotos von Ojeikere die Frisuren nach, verwendet dabei aber knallbunte Perlen, Extensions und andere Accessoires. Genau wie bei Ojeikere ist auch heute jede Frisur mit mehrstündiger Handarbeit verbunden. Ist das erst mal überstanden, setzt Dugger die jungen Frauen vor einen bunten Hintergrund in ihrem eigenen kleinen Fotostudio in ihrer Wohnung in Lagos und drückt dann den Auslöser ihrer Kamera. Da sich die Teilnehmerinnen ihre Frisuren aussuchen dürfen, tragen sie die meisten von ihnen auch nach dem Shooting weiter.

Kulturelle Aneignung und falsche Pionier*innen

Mit Chroma möchte Dugger nicht nur den Fotografen Ojeikere und die traditionelle Handwerkskunst ehren, die hinter der anspruchsvollen Frisurenpracht aus Nigeria steht. Sie möchte auch daran erinnern, woher die Frisuren kommen, denen sich so viele Menschen bedienen.

Weiße Modedesigner*innen würden hochgelobt, wenn sie diese Frisuren ihren Models für den Laufsteg verpassen, Popstars tanzten damit in ihren Musikvideos, Studentinnen ließen sie sich flechten, weil es cool sei, so Dugger. Unsere Welt sei mittlerweile so vernetzt, dass kulturelle Kleidungs- und Ausdrucksweisen oft unangebracht angeeignet und die falschen Personen zu den Pionier*innen dieser Frisuren erklärt würden. Im Sinne des Mainstreams würden sie verwaschen und vermischt, ohne deren Ursprung zu ehren. Gleichzeitig ist in den Medien von Vorfällen zu lesen, bei denen Schwarze Mädchen wegen ihrer geflochtenen Haare von der Schule verwiesen werden. „Es herrschen nach wie vor fehlende Anerkennung, Ignoranz, Vorurteile und soziale Exklusion gegenüber den Menschen, von denen diese Frisuren eigentlich stammen“, sagt Dugger.

Dugger ist daher wichtig, dass Chroma nicht das Ergebnis ihrer eigenen amerikanischen Vorstellung von Schwarzer Haartradition ist, sondern in Zusammenarbeit mit Menschen aus Nigeria umgesetzt wird.

Außerdem auf ze.tt: Was würdest du sagen, wenn dir die ganze Welt zuhören würde?