„Ein unsichtbares Netz“: So kann Freund*innenschaft bei Depressionen helfen

Wenn ein Herzensmensch depressiv ist, dann ist das schwer. Und zwar für alle Beteiligten. Wie Freund*innen Betroffene unterstützen können – und wie auch nicht.

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„Eine wortlose Umarmung bringt mehr als jeder Ratschlag“, sagt Jasmin. Foto: Morteza Yousefi / Unsplash I CC0

Jasmins Kindheit war voller Schicksalsschläge. Als Jugendliche wollte sie sich das Leben nehmen – seitdem ist die Depression ein Teil ihres Lebens. „Mit 17 wurde die Depression zum ersten Mal bei mir diagnostiziert. Damals war aber noch nicht klar, dass es sich um eine rezidivierende (Anm. d. Red.: wiederkehrende) Depression handelt“, sagt die 43-jährige Kölnerin heute.

Obwohl eine Depression eine unsichtbare Erkrankung ist, die sehr viel mit Einsamkeit, Rückzug und Alleinsein zu tun hat, waren und sind Freund*innen ein wichtiger Halt für Jasmin, sagt sie. „Freundschaften sind wie ein unsichtbares Netz. Ich weiß: Wenn ich falle, kann ich nur aus eigener Kraft wieder aufstehen – aber es ist jemand in der Nähe, der mir wieder ein bisschen Licht auf den Weg bringt“, sagt Jasmin, die auch über ihre Depression bloggt. „Ich habe eine Handvoll enger Freunde, die immer an meiner Seite waren.“

Doch das war oft alles andere als einfach. „Es hat lange gedauert, bis meine Freunde verstanden haben, wie eine Depression funktioniert“, erzählt Jasmin. „Aber ich habe nie aufgehört, es zu erklären. Auch, wenn es bisweilen frustrierend war oder ich eigentlich nicht mehr die Kraft hatte.“

Denn vielen Menschen – einschließlich der Betroffenen – fehlt häufig das Wissen darüber, was genau eine Depression eigentlich bedeutet, was sie mit sich bringt, was hilft und was eher schadet.

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut

Tipps in die Richtung von „Mach doch mal Sport“ oder „Du brauchst nur Ablenkung“ sind zum Beispiel kontraproduktiv. Doch die hat auch Jasmin gehört. „Ratschläge wie Sonnenlicht oder Sport banalisieren die Krankheit in meinen Augen. Das ist so, wie zu sagen: ‚Wenn du keine Luft bekommst, atme doch einfach ruhiger'“, meint sie. Es liegt schlicht nicht in der Macht der Betroffenen, die Depression mit ein bisschen Mühe und gutem Willen einfach abzustellen.

Um es noch mehr zu verdeutlichen: Es würde niemand zu jemandem mit einem gebrochenen Bein sagen: „Jetzt stell dich nicht so an und benutz halt das andere!“

Warum genau solche salopp dahingesagten Ratschläge sogar schaden können, erläutert Dr. Maria Strauß, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig: „Sicherlich gut gemeinte Vorschläge wie ‚Komm, reiß dich zusammen‘ sollten vermieden werden, denn sie können die krankheitsbedingten Schuldgefühle des Betroffenen erhöhen.“

Wer an einer Depression leidet, fühlt sich ohnehin oft total ausgelaugt, leer und unfähig, auch nur die kleinsten Kleinigkeiten zu erledigen. „Es macht mir Druck, wenn ich nicht ’normal‘ funktionieren kann, wenn ich das Gefühl habe, nur um mich selbst zu kreisen und mich zu wenig um meine Freunde zu kümmern“, sagt auch Jasmin. „Ich fühle mich wie eine schlechte Freundin, die nur nimmt und nicht gibt.“

Dabei sei es dann auch ganz egal, was ihre Freund*innen dazu meinen und wie sehr sie versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen; das Gefühl entsteht durch die Depression. „Das ist Druck, den ich mir selber mache“, sagt Jasmin. Und dann tut es logischerweise nicht gut, wenn dieser Druck durch gut gemeinte, aber kontraproduktive Tipps noch weiter erhöht wird.

„Geduldig bleiben und nicht versuchen, den Betroffenen die Symptome ‚auszureden‘. Denn das wird nicht erfolgreich sein“, rät Dr. Strauß. „Im Gegenteil: Der oder die Erkrankte wird sich unverstanden fühlen und zurückziehen.“ Wichtig sei in einer Freund*innenschaft, die Depression und die daraus resultierenden Symptome als Erkrankung zu akzeptieren und das auch genau so zu kommunizieren.

Sorgen machen Druck

Neben den Ratschlägen gibt es allerdings noch eine weitere Komponente, die eine Freund*innenschaft bei Depressionen belastet und die deutlich schwerer in den Griff zu bekommen ist: ein schlechtes Gewissen der Betroffenen durch die Sorgen von Freund*innen.

„Das hat mich am meisten heruntergezogen. Ich möchte nicht, dass man sich um mich sorgt, denn die Schuldgefühle deswegen sind riesengroß. Ich gerate wahnsinnig unter Druck, wenn sich jemand um mich sorgt und ich die Sorge nicht nehmen kann, weil keine Kraft dafür da ist“, berichtet Jasmin.

Allerdings ist es eine komplett natürliche Reaktion in Freund*innenschaften, sich um andere zu sorgen, wenn es ihnen nicht gut geht. Genauso natürlich, wie nicht zu wollen, dass es jemandem schlecht geht, weil man selbst leidet. Was dabei am ehesten hilft, ist gegenseitige Akzeptanz und beidseitiges Vertrauen.

Ich kann nicht erwarten, dass meine Freunde alles verstehen oder aushalten.

Jasmin

Grenzen ziehen und das, was ist, annehmen

Akzeptanz dessen, dass Betroffene nun mal eine Erkrankung haben, die ihr Leben beeinträchtigt und die Freund*innenschaft verändert, dass sie sich ab und zu zurückziehen und dass das nichts mit dem Gernhaben zu tun hat, ist wichtig. Unter der Woche einfach mal so lustig Schnaps oder Champagner trinken, geht vielleicht nicht mehr. Das ist nicht böse gemeint und muss okay sein. Auch, wenn es schwerfällt.

„Depressive Menschen wirken häufig abweisend, da ihnen soziale Kontakte plötzlich zu viel sind. Sie ziehen sich zurück, gehen nicht ans Telefon, vermeiden Gespräche“, erklärt Dr. Maria Strauß. „Erkrankte wirken verändert und können sich über nichts mehr freuen, auch nicht über Besuch von Freunden. Und das kann möglicherweise zu Frustration und Enttäuschung auf der Gegenseite führen.“ Das könne laut Dr. Strauß für eine Freund*innenschaft bei Depression zu einer großen Herausforderung werden. Ganz entscheidend sei laut Expertin dabei jedoch, dass Freund*innen von Betroffenen darauf nicht mit Rückzug reagieren.

Akzeptanz ist aber auch auf Seiten der Betroffenen nötig. Zum Beispiel dafür, dass sich Freund*innen kurzzeitig abgrenzen, wenn sie die Depression und alles, was damit einhergeht, überfordert. „Wichtig ist bei aller Hilfs- und Unterstützungsbereitschaft, sich selber nicht zu vergessen und vor allem nicht zu überfordern“, sagt Dr. Strauß. Zwar sei es wichtig, für die Erkrankten da zu sein – aber eben nicht über die eigene Belastungsgrenze hinaus.

Das haben auch Jasmin und ihre Freund*innen gelernt. „Ich kann nicht erwarten, dass meine Freunde alles verstehen oder aushalten. Ich kann klar sagen, was ich zu geben habe, muss es aber auch akzeptieren, wenn das dem anderen zu wenig ist“, sagt sie. „Und ich muss die Grenzen der anderen Person bedenken und respektieren.“

Letztlich ist bei Betroffenen die Akzeptanz der eigenen Erkrankung und der damit einhergehenden Einschränkungen und Besonderheiten ein entscheidender Schritt. „Ich möchte mich nicht als Sorgenkind betrachtet sehen, bin es aber leider wohl auch“, sagt Jasmin inzwischen.

Ohne Vertrauen geht es nicht

Ein zweiter wichtiger Aspekt in einer Freund*innenschaft bei Depression ist Vertrauen. Zum einen Vertrauen, dass die Freund*innenschaft hält und dass Grenzen ziehen nicht verlassen bedeutet. „Wenn jemand sich abgrenzt, dann heißt das nicht, dass wir nicht mehr befreundet sind – auch, wenn sich diese Angst sofort in meinem Kopf festsetzt“, sagt Jasmin. „Meine Freunde sollen sich abgrenzen, wenn es für sie selbst so zu viel wird, dass ihr Wohlergehen leidet.“

Ein ziemlich anstrengender, langwieriger Lernprozess. Doch er lohnt sich, findet Jasmin: „Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, dass ich mich zwar einsam fühle, aber nicht allein bin“, sagt sie. „Dass da Menschen sind, die mich wieder mit offenen Armen empfangen, erleichtert sind, dass ich wieder da bin und sich freuen. Ihre Freude bedeutet mir sehr viel und ich habe gelernt, dieser Freude zu vertrauen, weil sie echt ist.“ Ein enorm großer Fortschritt, der nicht zuletzt auch mit Vertrauen in sich selbst und die eigene Wahrnehmung zu tun hat.

Was ihr dabei konkret geholfen hat, war beispielsweise ein Tipp ihrer Therapeutin: „Sie hat mir mal geraten, Bilder von meinen Freunden aufzuhängen, auf denen wir gemeinsam drauf sind – damit ich mich in den Zeiten, in denen ich nichts (Gutes) fühle, daran erinnern kann, dass sie da sind und ich nicht alleine bin“, erzählt Jasmin. „Dieser Rat hat mir durch eine Menge schlechter Tage geholfen.“

Auf der anderen Seite gehört in einer Freund*innenschaft bei Depression das Vertrauen dazu, dass der*die Betroffene sich nichts antun wird, wenn er*sie sich ein paar Tage nicht meldet. „Meine Freunde müssen es aushalten, dass ich mal nicht verfügbar bin. Oder dass ich die Frage nach meinem Wohlergehen nicht beantworte“, sagt Jasmin. „Sie müssen mir vertrauen, dass ich keinen unbedachten Schritt mache.“

Denn es gibt immer wieder Tage, an denen gar nichts geht, an denen Jasmin nicht aufstehen kann und nicht in der Lage ist, zu kommunizieren. „Ich verstecke dann sogar mein Handy, weil ich nicht mit ihm in einem Raum sein kann“, sagt sie. Anfangs hätten ihre Freund*innen angefangen, sich untereinander auszutauschen und sich gegenseitig zu fragen, ob jemand etwas von ihr gehört hätte. Das war wenig sinnvoll. Doch inzwischen geht es auch so, sagt Jasmin: „Sie wissen, dass ich irgendwann wieder aus der Versenkung auftauche und gehen lockerer damit um.“

Nicht jede Freund*innenschaft bei Depression hält

Aber längst nicht jede Freund*innenschaft hält so eine Erkrankung und die damit einhergehenden Anforderungen und Belastungen aus. „Es trennt sich einfach die Spreu vom Weizen“, meint Jasmin. „Meine engen Freunde waren und sind an meiner Seite. Bekanntschaften sind allerdings schon mal verlorengegangen.“

Denn ob eine Freund*innenschaft bei Depression hält, hängt unter anderem wesentlich mit ihrer Grundstruktur zusammen. Zwischenmenschliche Beziehungen, die hauptsächlich auf Jux und Dollerei, auf Feiern und Partys oder auf beruflichen Vorteilen und Netzwerken basieren, erweisen sich in schweren, stürmischen Zeiten als wenig stabil und eher entbehrlich.

Manche Freund*innenschaften jedoch sind besonders wichtig und haltbar. „Es gibt eine sehr gute Freundin. Wir waren beide vor einigen Jahren an Krebs erkrankt und haben uns dann im Rahmen dieser Krankheit kennengelernt“, erzählt Jasmin. „Sie versteht wie niemand anders, was in mir vorgeht, weil sie bestimmte Ängste kennt und sich als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin mit dem Mechanismus einer Depression auch berufsbedingt auskennt. Sie ist mein Anker und meine emotionale Wasserwaage, sensibel und rational an den richtigen Stellen. Egoistisch genug, um sich Raum zu nehmen, den ich ihr aber auch sehr gut geben kann.“

Ein Freund bleibt immer Freund. Und wenn die ganze Welt zusammenfällt.

— Robert Gilbert

Manchmal hilft eine wortlose Umarmung mehr als alles andere

Inzwischen geht es Jasmin ganz gut. Gemessen an den Umständen, wie sie sagt: „Es gibt immer wieder Einbrüche. Ich habe akzeptiert, dass die Depression ein Teil meines Lebens bleiben wird und dass sie manchmal stärker ist als ich. Aber ich weiß mittlerweile auch, dass es Tage gibt, an denen ich ihr gut die Stirn bieten kann.“

Letztendlich spielen Freund*innenschaften bei Depression eine wichtige Rolle. „Ohne geht es nicht“, sagt Jasmin. „Sie sind für die guten Zeiten unerlässlich und in schlechten Zeiten ein beruhigendes Gefühl.“

Als Betroffene rät sie Freund*innen von depressiven Menschen vor allem dazu, nicht krampfhaft helfen zu wollen: „Eine Depression ist eine einsame Sache, Betroffene machen es mit sich aus. Es gibt kein Patentrezept gegen die Angst und Traurigkeit, niemand kann sie einem nehmen.“

Eine Ausnahme ist allerdings Hilfe auf dem Weg in eine Therapie. „Begleitung zum ersten Arztbesuch wäre beispielsweise eine Unterstützungsmöglichkeit“, wie Expertin Dr. Maria Strauß sagt.

Besonders wichtig ist in einer Freund*innenschaft bei Depression jedoch, dass sich Freund*innen zum Beispiel im Internet über die Erkrankung informieren und keine ungebetenen Tipps oder Ratschläge geben – und seien sie auch noch so gut gemeint. Es geht nämlich auch anders. Oder wie Jasmin sagt: „Eine wortlose Umarmung bringt mehr als jeder Ratschlag.“


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Falls du unter einer Depression leidest und/oder dich Suizidgedanken plagen, findest du bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800 / 111 01 11 und 0800 / 111 02 22 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen. Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.

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