Eine Ode an den Aperitivo

Der Aperitivo passt perfekt zu dieser Stimmung, wenn der Tag leise endet und der Abend langsam schimmert.

aperitivo-suzanne-emily-o-connor-mjnua_DwwGs-unsplash
Cheers! Foto: Suzanne Emily O Connor / Unsplash | CC0

Gegen 18.30 Uhr schnappe ich mir ein schönes Glas, gebe einen Schuss Campari und viel Sprudelwasser hinein und freue mich des Lebens. Der Drink schmeckt etwas herb, schön spritzig und am köstlichsten mit ein paar Chips dazu. Wenn ich diese Bitterlikör-Mischung, einen Aperol Spritz oder Negroni in der Hand halte, erinnern mich die Farbtöne unweigerlich an einen Sonnenuntergang. An einen so richtig schön kitschigen, wie man ihn eigentlich nur von Fototapeten kennt. Sie erinnern mich an Sommer, Freiheit, Italien. Falls man es nicht schon gemerkt hat: Für mich ist der Aperitivo eine der schönsten Zeiten des Tages. Das ganze Ritual verleiht den Abendstunden ein bisschen Urlaubsflair.

Zugegeben, auf den ersten Blick ist der Aperitivo nichts anderes als die italienische Antwort auf das deutsche Feierabendbier, nur eben mit eleganteren Drinks. Beides trinkt man nach getaner Arbeit, am liebsten in Gesellschaft. Beide eint das Motto: Keine Termine, aber leicht einen sitzen.

Ach ja, Italien

Der Aperitivo ist mehr als nur ein Getränk, ihm haftet eine gewisse, fast nostalgische, Sehnsucht an. Auch, wenn es abgegriffen klingt: Wer einmal in Italien war, wird sie kennen: Die berühmte Italiensehnsucht der Deutschen, die schon Goethe umtrieb: “Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, / Im dunklen Laub die Goldorangen glühn”. Wenn ich meinen Campari-Soda trinke, stehe ich genau dort, imaginär in Leinenhosen durch sandfarbene Gässchen streifend.

Im Gegensatz zum good old Feierabendbier liegt dem Aperitivo außerdem eine andere Mentalität zugrunde. Es geht nicht nur darum, sich für bereits Erledigtes zu feiern, sondern vor allem darum, die Vorfreude auf den Abend zu genießen. “Es handelt sich dabei um ein Ritual, das nicht den Tag abschließt, sondern den Abend öffnet”, formulierte es ZEIT-Redakteur Johannes Mitterer nach einem Besuch in Mailand sehr schön.

Dort in Norditalien hat die Kultur ihren Ursprung. 1786 kreiert Antonio Benedetto Carpano die erste kommerzielle Wermut-Marke (einen mit Kräutern versetzen Weißwein) in Turin, der sich als süße Alternative („etwas für die Damen“) zum schweren Wein vor dem Abendessen durchsetzte. Einige Jahre später folgte Gaspare Campari mit Campari in Mailand, anschließend Aperol in Padua. Am frühen Abend etwas zu trinken war damals längst keine neue Idee mehr, doch mit der Industrialisierung, verbesserten Produktionsbedingungen und mehr Menschen mit Geld und Freizeit, entwickelte sich in den Städten eine ganze Kultur darum.

Zwischen Arbeitstag und Abendessen, also etwa zwischen 18 und 21 Uhr, reichen die Bars zum alkoholischen Getränk oder Crodino meist noch ein paar Chips oder Oliven, andere fahren fast schon ganze Mahlzeiten oder Buffets auf. Aus deutscher Sicht wirkt das fast wahnsinnig. So viel (fast) kostenloses Essen? Und das so kurz vorm Abendessen? Oder wie es der britische Telegraph auf den Punkt brachte: “Es mag eigenartig wirken, sich aufs Essen und Trinken mit mehr Essen und Trinken vorzubereiten.” Dabei verrät es der Name Aperitivo schon, dessen Wortherkunft auf das lateinische Verb “aperire”, also “öffnen”, zurückgeht. Er soll nicht nur den Abend, sondern auch den Magen öffnen. Sprich: Appetit anregend sein. Denn das Abendessen kommt im südlichen Europa sowieso meist erst später auf den Tisch.

Der Aperitivo ist mehr als nur ein Getränk, ihm haftet eine gewisse, fast nostalgische, Sehnsucht an.

„Deutsche Vita“?

Spätestens seit der italienische Campari-Konzern das einstige Familienunternehmen Aperol 2004 übernommen und die Marketingmaschine angeworfen hat, hat das Getränk langsam, aber sicher seinen Weg aus Norditalien hierher zurückgelegt – und mit ihm die Aperitivo-Kultur. Doch diese lässt sich nicht einfach kopieren. Wenn wir in Deutschland also auch immer häufiger von Aperitivo sprechen, ist das nur eine abgespeckte Version der Realität, ein Versuch der Mediterranisierung und letztlich – wenn man es negativ formulieren möchte – eine Aneignung der Kultur. Sogar der Aperol enthält hier 15 statt elf Prozent Alkohol – aus steuerlichen Gründen.

Für mich geht das Konzept trotzdem auf. Mein Aperitivo lässt mich kurz zurück reisen an den italienischen Ort, an dem ich das Getränk schon mal getrunken habe, mit dem Licht und der Stimmung, die ich dazu spüre. Dorthin, wo er eben einfach am besten schmeckt.

Außerdem auf ze.tt