Eine Ode an die Umarmung

Social Distancing verlangt von uns, Menschen möglichst fernzubleiben. Das ist auch deswegen so schwer, weil uns dabei eine der erfüllendsten Berührungen fehlt: eine Umarmung.

umarmung
Wenn wir uns wiedersehen, werde ich sogar Anlauf nehmen. Illustration: Elif Kücük/ze.tt

Die letzte Person außerhalb meines eigenen Haushalts, die ich umarmt habe, war meine Freundin Jasmin. Das war irgendwann Anfang März und als ich sie zu Hause besuchte, haben wir beide erst gezögert: Dürfen wir? Wir haben es dann getan. Wenige Tage später schon schämte ich mich dafür. Denn es war klar, das war auch zu dem Zeitpunkt schon zu riskant. Und zugleich wünsche ich: Hätten wir uns doch anständig umarmt, nicht mit angezogener Handbremse, länger und fester.

Umarmungen fehlen mir. Manchmal, wenn ich spazieren gehe, in einer Distanz haltenden Schlange stehe und Menschen beobachte, spüre ich den Drang fast körperlich. „Dich würde ich gerne umarmen“, denke ich dann, „und dich. Und dich. Und dich“. Ich gucke fremde Menschen an und denke mich in alle möglichen umarmenden Situationen hinein. So sehr fehlt es mir.

Manchmal wenn ich zu Hause sitze, fantasiere ich auch von Umarmungen mit Menschen, die ich kenne, die ich mag und liebe. „Wenn wir uns wiedersehen, werde ich sogar Anlauf nehmen“, habe ich Ali per Skype erklärt. Ich werde sie packen, stelle ich mir dabei vor, ganz fest drücken und dabei in die Luft heben. Ali lacht mich über’s Video an. „Ich würde dich jetzt gerne umarmen“, sage ich und breite meine Arme auffordernd aus, wir breiten beide unsere Arme aus und schließen kurz die Augen. „Hug!“ ruft Ali mir aus London zu und wir sind wie Kinder, die sich etwas wünschen. Oder eben wie Erwachsene, die sich etwas wünschen.

Wenn wir uns wiedersehen, werde ich sogar Anlauf nehmen.

Eine kleine Kurzzeitverschmelzung. Eine Umarmung

Wenn ich an die mir fehlenden Umarmungen denke, fällt mir Platons Das Gastmahl und das darin enthaltene Gleichnis von den Kugelmenschen ein. Dort erklärt Aristophanes den Ursprung der Liebe: Einstmals hätten die Menschen Kugelgestalt gehabt, mit vier Armen, vier Beinen, zwei Gesichtern und zwei Geschlechtsteilen. Als Göttervater Zeus wütend auf die Menschen wurde, spaltete er sie in der Mitte, sodass sie fortan suchend nach ihrer Hälfte durch die Welt taumelten und sich sehnten.

Ich habe kein Bedürfnis, mit einem anderen Menschen zu verschmelzen, und eine fehlende Hälfte von mir irrt auch nirgends herum. Aber an dieses Sehnen muss ich trotzdem denken, wenn mein Bedürfnis nach einer Umarmung groß wird, übergroß. Ich möchte mich gerade gerne rund machen mit meinen Lieben. Eine kleine Kurzzeitverschmelzung. Eine Umarmung.

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Stattdessen mache ich „armchair travelling“, wie man in Großbritannien sagt, wenn man nur in der Fantasie verreist: Ich reise den Umarmungen in meinem Leben hinterher. Wann fing es eigentlich an, dass wir uns umarmten, ganz bewusst? Als Teenager haben Freund*innen und ich uns mit Küsschen links, Küsschen rechts verabschiedet. Das schien uns damals die kosmopolitische Variante des Abschieds. Das war eine Zeit, in der wir uns am Wochenende billigen Sekt aus Flaschen teilten und auf Fotos von uns hatte immer irgendeine den Kopf auf der Schulter einer anderen. Das mit der Nähe war früher etwas anstrengender, wir probierten rum, aber irgendwann wurde der Schein ein bisschen egal und Umarmungen ganz normal, fast beiläufig.

Umarmungen. Zur Begrüßung, zum Abschied. Ganz alltäglich, aber auch oft genug besonders: als Glückwunsch, als wortloses Mitgefühl, als „Du schaffst das“, als Versöhnung. Das ist ja auch das Beglückende an Umarmungen: Sie sind so vielfältig. Eine Typologie der Umarmungen hat viele Kategorien. Es gibt die kurzen, fast nachlässigen; die lauten, die Auf-den-Rücken-Klopfer, die sinnlichen, bei denen man kurz am Nacken schnuppert, die Rückenstreichler*innen, die ganz feste Drücker*innen.

Mein Vater ist von der Kategorie Loslass-und-noch-mal-Drücker. Er breitet seine Arme immer aus, als würde er eine Tuba hochhalten, er drückt mich fest an sich zur Begrüßung, greift dann meine Oberarme und hält mich mit Abstand vor sich hin. Dann lacht er mich an und sagt: „Ach komm, noch mal.“ Und wir umarmen uns noch mal.

Wir wissen alle nicht so recht weiter und wir können uns trotzdem nicht einfach in den Arm nehmen.

Keine*r von uns weiß, wann diese Umarmungen wiederkommen. Weder die kurzen, noch die langen. Die pflichtmäßigen und die lange ersehnten. Umarmungen lassen sich nicht kompensieren, egal wie oft wir das Wort „Umarmung“ vor uns hinwispern und dem lautmalerischen Klang hinterherschmecken: Um-arm-ung.

Umarmungen sind nichts Stabiles, nichts Dauerhaftes, sie sind Momente. Momente der Wahrheit, der Hingabe, der Solidarität, des Trostes, aber auch der Sprachlosigkeit: „Ich weiß nicht mehr weiter, lass mich dich in den Arm nehmen“. Und das ist es auch, was Umarmungen so schmerzlich vermissen lässt gerade: Wir wissen alle nicht so recht weiter und wir können uns trotzdem nicht einfach in den Arm nehmen.

Daher hat die Sehnsucht danach auch etwas Melancholisches. Es ist wie ein Seufzen nach Nähe, das wir ausstoßen, weil alles andere nicht das wäre, was wir gerade am meisten ersehnen: Bitte bitte, pass auf dich auf.

Dabei vergessen wir Umarmungen, die es ja auch gibt, Umarmungen aus lauter Glücksüberschuss. Wenn man die ganze Welt umarmen könnte. Oder zumindest die, die man so liebt, dass man platzt vor lauter Zuneigung und sich am liebsten in eine Kugelgestalt verwandeln würde mit diesem Menschen. Du und ich: das, was zählt.

Aber ich weiß, wie sich umarmen anfühlt. Ich kann es in Gedanken wachrufen. Ich weiß, dass meine Mutter sich wie ein kleiner Vogel in eine Umarmung schmiegt, Marc dabei immer laut „Mmmmh“ macht und Anne wie eine zarte starke Pflanze wirkt. Ich wüsste aber auch gerne wieder, wie sich die Umarmungen anfühlen, die ich nicht abgespeichert habe. All diese Momente.

Ihr fehlt mir.

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