Einer der größten Tabakhersteller der Welt rät davon ab, Zigaretten zu kaufen

Philip Morris wirbt dafür, mit dem Rauchen aufzuhören. Oder zumindest auf ein Alternativprodukt umzusteigen. Was steckt dahinter?

Jeder zehnte Todesfall weltweit sei auf das Rauchen zurückzuführen, schreibt eine internationale Expert*innengruppe im Fachblatt "The Lancet". Foto: Unsplash/Catarina Carvalho

Raucher*innen sind eine aussterbende Spezies. In Deutschland wird Rauchen zunehmend beschränkt: Weder im Flugzeug noch im Fernsehstudio noch im Büro noch in der Gaststätte darf noch Glimmstängel gezogen werden. Und nun ist kürzlich auch noch die größte Ikone der deutschen Raucherbewegung verstorben: Helmut Schmidt, der dauerrauchende Ex-Bundeskanzler.

Deutschland ist kein Einzelfall. Auf der ganzen Welt wird der Lebensraum des*r Raucher*in beschnitten (außer vielleicht in Österreich). Ehemalige Rauchnationen wie Frankreich oder Italien haben entgegen allen Zweifels Rauchverbote für öffentliche Gebäude, Büros und Gaststätten durchgesetzt. Vermutlich sind die rechtlichen Beschränkungen nur einer von mehreren Gründen dafür, aber sowohl im europäischen als auch im amerikanischen Raum sinkt die Anzahl der konsumierten Zigaretten kontinuierlich.

Für Tabakkonzerne brechen harte Zeiten an

Philip Morris ist einer der größten Tabakkonzerne weltweit. Allein die EU-Länder stellen knapp ein Drittel des Gesamtumsatzes des Unternehmens – noch. Denn der Markt schrumpft. André Calantzopoulos, Vorstandschef von Philip Morris International, in einem Interview mit Zeit Online, dass Zigaretten vielleicht noch sechs oder sieben Jahre den größten Teil der Gewinne liefern werden.

Lange war die Strategie des Unternehmens Verteidigung. Es verklagte sämtliche Länder, die Rauchverbote oder Einschränkungen einführten: Australien beispielsweise, weil es die Markenlogos von den Packungen verbannte, Norwegen für die Einführung von Werbebeschränkungen. Mit pseudowissenschaftlichen Studien belog der Tabakriese jahrzehntelang die Öffentlichkeit. Diese behaupteten beispielsweise, Tabak schädige keine ungeborenen Kinder, Passivrauchen sei ungefährlich oder Nikotin mache nicht abhängig.

Nun ist das Unternehmen dabei, seine Strategie zu ändern. Statt Verteidigung heißt die neue Strategie Angriff. Philip Morris möchte künftig keine Zigaretten mehr in Großbritannien verkaufen. Dies konnte man kürzlich in Anzeigen lesen, die der Konzern in mehreren britischen Tageszeitungen schaltete, zusammen mit einer Empfehlung an alle britischen Raucher*innen: „Das Beste, was sie tun können, ist aufzuhören.“

Das vielleicht rettende Produkt: Tabakerhitzer

Aber natürlich weiß Philip Morris auch, dass nicht alle aufhören können und werden. Für die empfiehlt das Unternehmen stattdessen eine Alternative zur Zigarette: Iqos. Iqos ist ein sogenannter Heat Stick, der aussieht wie eine Kreuzung aus Schwangerschaftstest und E-Zigarette, aber weder das eine noch das andere ist. Im Unterschied zur E-Zigarette wird kein Liquid, sondern echter Tabak erhitzt. Doch Iqos soll nach Angaben des Konzerns weniger schädlich sein als das Rauchen einer klassischen Zigarette. Grund dafür sei, dass der Tabak nur auf 300 Grad Celsius erhitzt und nicht verbrannt werde, wodurch weniger krebserregende Stoffe entstehen sollen.

Es gibt bislang jedoch keine unabhängigen Studien, die dies belegen – alle bisher angefertigten Untersuchungen wurden von Philip Morris selbst in Auftrag gegeben. Das Bundesamt für Risikobewertung sagt, dass das Suchtpotenzial ähnlich hoch wie bei einer klassischen Zigarette sei.

[Außerdem bei ze.tt: US-amerikanische Tabakindustrie muss jetzt Anti-Tabak-Werbung bezahlen]

Ziel des Unternehmens ist es, dass eine eigene Kategorie von neuartigen Tabakprodukten geschaffen wird, die nicht verbrannt, sondern nur erhitzt werden. Dann gehe es darum, wie die Politik den Umstieg von der Zigarette befördere, so Calantzopoulos. Bedeutet: Das Unternehmen hofft auf niedrigere Steuersätze, als bei klassischen Tabakwaren, und eine Erlaubnis für uneingeschränkte Werbung für Alternativprodukte wie etwa Iqos.

Jede*r Tabaktote bleibt eine*r zu viel

„Bei der Einführung neuer Produkte schaden Werbeverbote enorm. Wir brauchen etwas mehr Freiheit, um mit Rauchern reden zu können. Sonst haben wir keine Chance, sie zum Umstieg von der Zigarette auf unsere potenziell weniger schädlichen Produkte zu bewegen“, sagt Calantzopoulos im Interview mit Zeit Online. Der Vorstandschef erhofft sich außerdem, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Richtlinien in Sachen Rauchen ändere: „Für die WHO und andere gibt es nur die Alternative quit or die – hör auf zu rauchen, oder stirb. Ein dritter Weg wäre, das Risiko für die, die weiterrauchen, drastisch zu reduzieren. Ich hoffe, dass die WHO ihre komplett ideologische Position aufgibt und endlich pragmatisch wird.“

Ob die WHO ihre Politik ändern wird, bleibt abzuwarten. Eines der wichtigsten Ziele der Organisation ist es, über die Gefahren von Tabakwaren aufzuklären: Beispielsweise, dass etwa die Hälfte aller Raucher*innen daran sterben. Tabak tötet jährlich etwa sieben Millionen Menschen – etwa eine Million davon sterben durch indirekten Tabakkonsum. Selbst wenn das neue Wunderprodukt von Philip Morris diese Zahl senken könnte – jede*r Tabaktote bleibt eine*r zu viel.